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23.11.2004
Ein US-Forscherteam isoliert erstmals ein Gen
Vor 35 Jahren gelang Jonathan Beckwith der Durchbruch
Von Irene Meichsner

Es war während des Vietnamkriegs, dass wir anfingen, uns Sorgen zu machen - über das, was wir das 'High-Tech-Schlachtfeld' nannten. Wir meinten damit die Nutzung von Entwicklungen aus der Wissenschaft, wie zum Beispiel dem Laser, für einen Krieg, den wir nicht wollten. Es war die Zeit der Bürgerrechtsbewegung. Aber, wie gesagt, bei mir war es vor allem der Vietnamkrieg - der Anteil, den Wissenschaften wie die Physik daran hatten -, der mich zum Aktivisten machte. So wurde ich Mitglied bei 'Science for the People' - 'Wissenschaft für die Bürger': einer radikalen Gruppe von Wissenschaftlern, die sich vorgenommen hatten, aufzudecken, wie Wissenschaft zu destruktiven Zwecken eingesetzt wird.

Wer weiß, wie die Geschichte verlaufen wäre, hätte nicht Jonathan Beckwith, sondern irgendein anderer Biologe zum ersten Mal ein Gen aus einem lebenden Organismus isoliert. Es stammte aus einem Darmbakterium und enthielt die Information für das Enzym Beta-Galaktosidase, mit dem Bakterien Milchzucker verdauen können. Beckwith arbeitete in Boston an der Harvard-Universität. Er versetzte zwei verschiedene Viren mit bakteriellem Erbmaterial - und zwar so, dass sie nur dieses Gen für die Beta-Galaktosidase gemeinsam hatten. Als er mit molekularbiologischen Methoden die gesamte DNA entfernte, die die Viren nicht miteinander teilten, war es das einzige Gen, das übrig blieb.

Auch andere warnten damals schon vor einem möglichen Missbrauch der Gentechnik. Aber bislang war das alles Theorie gewesen, jetzt lag das erste Gen auf dem Tisch - und Beckwith sorgte dafür, dass am 23. November 1969 die ganze Welt davon erfuhr.

In derselben Woche, in der unser Aufsatz im Fachmagazin "Nature" erscheinen sollte, hielten wir eine Pressekonferenz ab. Die 'New York Times' berichtete darüber auf der Titelseite. Uns war völlig klar, dass sich mit Hilfe unserer Technik auch Gene aus anderen Organismen, einschließlich des Menschen, würden isolieren lassen. Vielleicht würde man mit der Gentechnik kranken Menschen helfen können. Aber uns beunruhigte die Vorstellung, dass sie höchstwahrscheinlich auch als Mittel der Kontrolle und Diskriminierung eingesetzt werden würde.

Die Sorge war berechtigt. Es gab Kollegen, die zum Beispiel behaupteten, dass sie ein Gen für kriminelles Verhalten gefunden hätten. Reiner Unfug - protestierte Beckwith. Unter seiner Leitung entstand in den 90er Jahren die erste umfassende Dokumentation über Menschen, die wegen einer genetischen Veranlagung für bestimmte Krankheiten erhebliche Probleme bekommen hatten. Versicherungspolicen wurden verweigert, Menschen am Arbeitsplatz unter Druck gesetzt.

Auch in Deutschland gab es so einen Fall. Ein Polizist sollte sich - als Voraussetzung für seine Verbeamtung - einem Gentest unterziehen, weil sein Vater an Chorea Huntington litt und er selber ein 50prozentiges Risiko hatte, daran ebenfalls zu erkranken. Kurt Bayertz, Philosophieprofessor aus Münster, hat sich mit dem Regelungsbedarf bei der Gen-Diagnostik auseinandergesetzt.

Einerseits ist die Entscheidung nachvollziehbar der Behörde, die das natürlich prüfen muss. Auf der anderen Seite könnte diese Zwangssituation dazu führen, dass die Person sich gedrängt fühlt, den Test machen zu lassen, obwohl sie es eigentlich nicht möchte. ... Fortschritt oder eher ein Alptraum? Das ist schwierig zu beantworten.

Der Polizist lehnte den Test ab. Ein Gesetz, das den Umgang mit Gentests regelt und Missbrauch mit Sanktionen belegt, ist längst überfällig. Immerhin spricht man über solche Fragen heute nicht nur unter Juristen, sondern auch unter Wissenschaftlern. Jon Beckwith trug dazu wesentlich bei. Zeitweise massiv angefeindet, wusste er immer wieder zu provozieren - wie schon 1970, als ihm die Amerikanische Gesellschaft für Mikrobiologie einen Preis verlieh, den eine Pharmafirma gestiftet hatte.

Ich nutzte die Gelegenheit, um die Praktiken der Pharmaindustrie anzuprangern, und kündigte an, dass ich den Preis der Black-Panther-Bewegung stiften würde, die sich damals von der amerikanischen Regierung besonders harten Repressalien ausgesetzt sah.

Ohne die Diskussionen, die er und Gleichgesinnte anzettelten, hätte es auch die legendäre Konferenz im kalifornischen Asilomar nicht gegeben, auf der führende Molekularbiologen 1975 erstmals über Sicherheitsfragen der Gentechnik debattierten. Als 1990 die Entzifferung des menschlichen Erbguts begann, wurde Beckwith in ein Komitee berufen, das sich mit den ethischen, rechtlichen und sozialen Folgen beschäftigen sollte. Ein Mann, der völlig aus dem Rahmen fällt, weil er - als Fachmann hoch anerkannt - die Wissenschaft von innen heraus kritisiert. Als vor zwei Jahren seine Autobiographie erschien, zog vor ihm sogar der Medizinnobelpreisträger David Baltimore den Hut, einer der einflussreichsten Biologen unserer Zeit:

Dieses Buch ist ein 'Muss' für jeden jungen Wissenschaftler, der sich Gedanken macht über die Spannung zwischen der schönen Rationalität der Wissenschaft und den manchmal hässlichen Folgen, die es haben kann, wenn sie angewendet wird.

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