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8.12.2004
Papst Pius IX. verkündet das Dogma von der Unbefleckten Empfängnis Marias
Vor 150 Jahren
Von Peter Hertel

Der Vatikan in Rom (Bild: AP)
Der Vatikan in Rom (Bild: AP)
Die Unbefleckte Empfängnis der Jungfrau Maria, der Mutter des Jesus von Nazareth, hat nicht nur fromme Köpfe zu Denkspielen, Phantasien und Visionen angeregt. Den Schriftsteller und Papstkritiker Rolf Hochhuth inspirierte sie 1989 gar zu einem Stück über die Leihmutterschaft. Das handfeste Dogma, der Glaubenssatz von der Unbefleckten Empfängnis, wurde am 8. Dezember 1854 von Papst Pius IX. verkündet. Katholische Opponenten bedrohte er mit der Exkommunikation. Kein Wunder:

Pio Nono war ein Papst, der seine Wahrheit selbst bei Andersdenkenden kompromisslos durchzusetzen suchte - bei Juden und Protestanten, die im Kirchenstaat deshalb mit Zwangstaufe, Kindesraub und Gefängnis zu rechnen hatten. Rigide habe er, wird jedenfalls berichtet, kunstvollen Plastiken mit eigener Hand die Geschlechtsteile abgehauen.

Aber die Ansicht, dass er den Katholiken in einem absolut verpflichtenden Dogma sozusagen Lustfeindlichkeit verordnet habe, ist ein Irrtum. Denn bei der Unbefleckten Empfängnis geht es nicht, wie viele meinen, um Geschlechtsverkehr. Sondern:

Nach alter christlicher Lehre war Maria bei ihrer Empfängnis durch ihre Mutter Anna unbefleckt; das heißt: ohne Erbsünde.

Erbsünde. Dahinter steckt eine Geschichte aus der Bibel:

Adam und Eva, die beiden ersten Menschen, lebten glücklich und frei im Paradies. Nur vom Baum des Lebens durften sie nicht essen. Doch Eva wurde von der listigen Schlange überredet, die Frucht zu kosten. Sie pflückte einen Apfel, gab ihn Adam, und der biss hinein. Dieser Ungehorsam war die erste Sünde der Menschen. Gott verstieß sie aus dem Paradies. Das Tor blieb allen Menschen für alle Zeiten verschlossen.

Daraus haben christliche Theologen gefolgert, die beiden ersten Menschen hätten ihre erste Sünde allen Menschen vererbt. Deshalb sagen sie: Erbsünde. Doch Maria, die von Gott ausersehen war, den Messias, den Sohn Gottes, zu gebären, sei bei ihrer Empfängnis durch göttliche Gnade von der Erbsünde befreit worden. Eine Überzeugung, die kurz vor der Reformationszeit das Lied "Ave Maria klare" zum Ausdruck brachte, das auch heute noch in den katholischen Kirchen gesungen wird:

Ohn' Sünd' bist du empfangen,
wie es die Kirche lehrt.
Und von der falschen Schlangen
bliebst Du ganz unversehrt.


Aber verbindlich war die Lehre von der Unbefleckten Empfängnis damals keineswegs. Zum Beispiel hatte ihr Thomas von Aquin, der einflussreichste christliche Theologe des Mittelalters, widersprochen. Erst Papst Pius IX. machte sie für die Katholiken unumstößlich. Plötzlich war sie für das Seelenheil so wichtig wie der Glaube an die Dreifaltigkeit, an Jesus als Sohn Gottes und an die Auferstehung der Toten.

Protestanten waren darüber bestürzt. Sie sahen sich in ihren schlimmsten Befürchtungen über die katholische Heiligenverehrung bestätigt.

Aber auch über das Papsttum. Denn das Mariendogma diente Pius IX. dazu, die päpstliche Macht, gegen die beispielsweise der Reformator Martin Luther aufgestanden war, in der katholischen Kirche noch zu erweitern.

Bis dahin waren Dogmen auf Konzilien, allgemeinen Kirchenversammlungen der Bischöfe und des Papstes, festgelegt worden. Doch das Dogma von der Unbefleckten Empfängnis verkündete Papst Pius IX. ohne Konzil. Das war für ihn auch ein Versuchsballon, wie weit er seine Macht vergrößern könne.

Schon seit einiger Zeit hatte er nämlich Unfehlbarkeit für sich beansprucht. Nun demonstrierte er, dass er sie besitze. Unter den katholischen Bischöfen der Welt jedoch regte sich kaum Widerspruch. Das Dogma von der Unbefleckten Empfängnis machte Pius IX. praktisch zum ersten unfehlbaren Papst.

Nach diesem für ihn erfolgreichen Test ließ er auf dem Ersten Vatikanischen Konzil, das 16 Jahre später stattfand, die päpstliche Unfehlbarkeit durch ein eigenes Dogma kirchenamtlich fixieren.

Mit dem Unfehlbarkeits-Dogma erreichte die Macht des Papstes und seiner Verwaltung, der römischen Kurie, ihren Höhepunkt. Für die Einheit der Christen aber hat dieser Glaubenssatz einen kaum überwindbaren Graben errichtet. Den ersten Spatenstich hat Pius IX. am 8.Dezember 1854 vorgenommen.
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