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25.12.2004
Vor 15 Jahren wurde der rumänische Diktator Ceausescu hingerichtet
Von Wolf Oschlies

Nicolai Ceausescu, ehemaliger Präsident Rumäniens † (Bild: AP)
Nicolai Ceausescu, ehemaliger Präsident Rumäniens † (Bild: AP)
Nicolae Ceausescu , just vom einem Staatsbesuch im Iran zurück, wollte am 21. Dezember 1989 auf einer Bukarester Jubeldemonstration sprechen, und wurde ausgebuht! In Rumänien war etwas in Gang gekommen, was der Staats- und Parteichef Rumäniens tags zuvor noch ignorant verdrängt hatte:

Ordnungsorgane und Staatsanwälte untersuchen weiter Ursachen und Schuldige der faschistischen Zerstörungsakte.

Tatsächlich wurde eine Diktatur zerstört, rief im Radio begeistert der Dichter Mircea Dinescu:

Brüder Rumänen, wir haben die friedliche Revolution, unsere Revolution, für unsere Kinder, für uns alle. Der Diktator ist gestürzt, das Land ist frei, wir sind freie Menschen.

Tags drauf drangen die Revolutionäre ins Parteigebäude ein, von dessen Dach aus Ceausescu samt Ehefrau Elena per Helikopter flüchtete. Es war eine Farce, in Bukarester Spottliedern umgehend besungen.

Ceausescus Ausreißversuch endete am 24. Dezember in Tirgoviste, wohin Ion Iliescu, der neue starke Mann in Rumänien, ein Tribunal Militar Exceptional beorderte. Die Armee, die eine Woche zuvor im südlichen Timisioara noch in Protestdemonstrationen feuerte, saß nun zu Gericht über ihren Oberbefehlshaber - eine ganz veränderte Armee, wusste Mircea Dinescu:

In Bukarest ist die Armee mit uns, der Diktator ist geflohen.

Oberst Gica Popa, Chef des Militärischen Sondergerichts, sprach nach kurzem Prozess das Urteil:

Das Tribunal verurteilt die Angeklagten Nicolae Ceausescu und Elena Ceausescu im Namen im Namen des Gesetzes und des Volkes zur Todesstrafe. Ihr gesamtes Vermögen wird konfisziert, das Urteil ist sofort vollstreckbar.

Oberst Iulian Boeru, damals Chef des Exekutionskommandos, ist die Vollstreckung noch gegenwärtig:

Unsere Fallschirmjäger haben die beiden abgeführt, Ceausescu rief noch: Es lebe das freie, sozialistische Rumänien, nieder mit den Verrätern

Die Reaktion der Rumänen konnte am nächsten Morgen der Journalist Gabor Kiszely vor Ort beobachten:

Die meisten Menschen haben ja die Übertragung zu Hause erlebt. (...) und die Mehrheit meint, er habe sein Schicksal verdient.

Art und Eile von Ceausescus Ende provozieren noch immer Fragen nach Legalität und Legitimität - Fragen, die Ulrich Klug, Jurist und vordem Hamburger Justizsenator, schon damals nicht zuließ:

Es kann eine Situation geben - und ich habe bisher nach den Nachrichten den Eindruck, die Situation war so in Rumänien -, wo es erforderlich ist, den kriminellen Diktator so schnell wie möglich außer Gefecht zu setzen. Man kann sich da auf das klassische Notrecht berufen.

Was die Rumänen taten - deren erster Mann Ceausescu nach liberalen Anfangsjahren politische Wege einschlug, vor denen Paul Goma, Rumäniens berühmtester Dissident, früh Furcht empfand:

Im Westen sagt, man Rumänien sei ein unabhängiges Land, das gegen die Russen kämpft, aber für die einfachen arbeitenden Menschen hier, besteht ein unglaubliches Elend. Wir haben nur Pflichten, keine Rechte. (...) Ich fürchte, die Politik verändert sich hin zum wieder erstarkten Totalitarismus.

Ein Horrorjahr folgte dem anderen, bis die Rumänen ihre legendäre Leidensfähigkeit vergaßen und den Diktator verjagten. Waren die neuen Mächtigen mit Iliescu an der Spitze die bessere Wahl? Oder agieren sie nach dem rumänischen Sprichwort: Apa trece, pietrele ramin - das Wasser fließt, die Steine bleiben.
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