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28.12.2004
James Matthew Barries Bühnenmärchen "Peter Pan" wird in London uraufgeführt
Vor 100 Jahren
Von Eva Pfister

Musical-Version von Peter Pan mit Sandy Duncan in der Hauptrolle (Bild: AP-Archiv)
Musical-Version von Peter Pan mit Sandy Duncan in der Hauptrolle (Bild: AP-Archiv)
"...Und jetzt, Peter Pan, sollst du sterben!"

Als James Matthew Barrie sein Kinderstück vom Jungen, der nicht erwachsen werden will, erstmals einem Theater zu lesen gab, wurde es nicht nur abgelehnt, sondern es hieß, der schottische Autor sei verrückt geworden. Aber seit nunmehr hundert Jahren vergeht in England keine Weihnachtszeit mehr ohne eine Aufführung oder eine neue Verfilmung von Peter Pan, zuletzt die Version von P. J. Hogan mit der Musik von James Howard.

....Neverland!

Nach Neverland, ins Niemalsland also, zu den verlorenen Jungs, lockt Peter Pan Wendy und ihre Brüder, denn Wendy kann Geschichten erzählen, und das vermissen die mutterlosen Kinder im Niemalsland. Die Geschichte von Peter Pan erfand Barrie im Laufe der vielen Nachmittage, an denen er mit den Kindern seiner Nachbarn Abenteuerromane nachspielte. Ihnen hat der Autor das Stück auch gewidmet, wie man in einer anrührenden Vorrede zur Buchfassung nachlesen kann:


Ich habe immer gewusst, dass Peter dadurch entstanden ist, dass ich euch Fünf heftig aneinander gerieben habe, so wie Wilde es mit zwei Hölzern tun und daraus Feuer gewinnen. Peter ist einfach der Funke, den ich aus euch gewonnen habe.


Im Duke of Yorks Theatre sprang dieser Funke schließlich auf die Bühne über. Die Proben waren außerordentlich schwierig, nicht nur für die Darsteller, die fliegen mussten, sondern vor allem wegen der hohen Anforderungen an die Bühnentechnik. Die Premiere war bereits um eine Woche verschoben, da musste sie abgebrochen werden, weil das letzte Bild noch nicht stand. Erst am 28. Dezember 1904 fand die Uraufführung wirklich statt.

In Eichenlaub und Spinnweben ist er gekleidet, dieser Peter Pan, aber vom Hirtengott blieb ihm nur das gelegentliche Spielen auf der Flöte

Ansonsten ist er ein Junge, der zwar bei den Mädchen Begehrlichkeiten weckt, aber selbst weder in die Schule will noch ins Büro, sondern sich nichts Schlimmeres vorstellen kann, als ein Mann zu werden.

"I want always to be a boy and have fun!”

Musical-Version von Peter Pan mit Sandy Duncan in der Hauptrolle (Bild: AP-Archiv)
Musical-Version von Peter Pan mit Sandy Duncan in der Hauptrolle (Bild: AP-Archiv)
Der Autor selbst hatte in der Pubertät zu wachsen aufgehört und liebte es sein Leben lang, mit Kindern zu spielen. Als Ehemann soll er eher untauglich gewesen sein, und viele halten ihn und sein Stück für einen interessanten Fall für die Psychoanalyse. Aber Barrie macht selbst deutlich, dass Peter Pans ewige Jugend kein reiner Spaß ist. Sicher begeistert er die drei Darlingkinder, indem er ihnen das Fliegen beibringt und sie mit dem Versprechen von Nixen, Piraten und großen Abenteuern ins Niemalsland lockt:


There are mermaids, pirates, indians…

Aber das Mädchen Wendy versteht irgendwann, dass zum Leben doch das Erwachsenwerden gehört und kehrt mit ihren Brüdern zurück, während Peter trotzig und tragisch im Niemalsland verweilen muss. Für die französische Erstaufführung von Peter Pan hatte Barrie, der als Kind seinen Bruder verloren hatte, ins Programmheft geschrieben:

Vielleicht war er ein kleiner Junge, der früh starb, in diesem Sinne hat der Autor seine folgenden Abenteuer erfunden. Vielleicht war er ein Junge, der gar nie geboren wurde, ein Junge, nach dem sich einige Menschen sehnten, der aber nie kam.


Tatsächlich schimmert hinter all der Spiel- und Kampfeslust von Peter Pan auch eine Todessehnsucht durch:

"Und jetzt Peter Pan, sollst du sterben". - Sterben wäre ein fürchterlich spannendes Abenteuer.

Nicht nur Peter Pan wird in diesem Dezember 100 Jahre alt, sondern auch ein Kinderkrankenhaus in London, dem Barrie das Urheberrecht vermachte. Vor allem die Verfilmungen haben viel Geld eingebracht, wenn auch ein besonders schönes Projekt nicht verwirklicht wurde: Ein Stummfilm mit Charlie Chaplin in der Hauptrolle.

In der Uraufführung saßen nur wenige Kinder, dafür viele Kritiker, und die größte Sorge des Autors war, dass das Publikum nicht richtig reagieren würde. Es musste doch seinen unerschütterlichen Glauben an die Feen bekunden, damit Tinker Bell wieder zum Leben erweckt wurde. Aber die Zuschauer gingen mit, wie alle seither.

I do believe in fairies, I do, I do!


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