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5.1.2005
Vor 100 Jahren wird der "Bund für Mutterschutz und Sexualreform" gründet
Von Andrea Westhoff

Es ist eine recht illustre Gesellschaft, die da in Berlin zusammenkommt, um den "Bund für Mutterschutz" - wie er anfangs nur hieß - zu gründen: Frauenrechtlerinnen sind natürlich dabei wie Helene Stöcker, Sozialdemokratinnen wie Lily Braun, aber auch die Dichterin Ruth Bre, sowie einige Männer: der Arzt Max Marcuse zum Beispiel oder der Rassenhygieniker Alfred Ploetz.
Und ebenso Aufsehen erregend ist die Zielsetzung. Im Paragraph eins der Satzung heißt es:

Zweck des Bundes ist es, die Stellung der Frau als Mutter in rechtlicher, wirtschaftlicher und sozialer Hinsicht zu verbessern, insbesondere unverheiratete Mütter und deren Kinder vor wirtschaftlicher und sittlicher Gefährdung zu bewahren und herrschende Vorurteile gegen sie zu beseitigen (...).

Im Gegensatz zu anderen bürgerlichen Reformbewegungen dieser Zeit sah der Mutterschutzbund die Lösung sozialer Probleme nicht allein in Suppenküchen, Kinderkrippen oder Waisenhäusern. Er forderte erstmals eine gesetzliche Mutterschaftsversicherung, Ruhezeiten und andere Schutzrechte für schwangere Arbeiterinnen...

(...) denn Kinderschutz ohne Mutterschutz bleibt Stückwerk!

Der Bund gehörte zu den eher links-liberalen Reformbewegungen, für die das soziale Elend vor allem Folge mangelnder Sexualaufklärung, falscher Moralvorstellungen und Unterdrückung der Frauen war: viele ungewollte Schwangerschaften, lebensgefährliche illegale Abtreibungspraktiken oder Verzweiflungstaten lediger Mütter und zunehmende "Armuts-Prostitution". Helene Stöcker schrieb zur Gründung des Mutterschutzbundes 1905:

Es ist kein Zufall, dass es gerade vor Gretchens Kerker ist, vor dem Kerker der schuldig-unschuldigen Kindesmörderin, dass der Menschheit ganzer Jammer Faust ergreift. So viel die Menschen auch gegeneinander in Roheit und Barbarei sündigen mögen (...) - klarer zeigt sich doch vielleicht nirgends die ganze Brutalität menschlicher Zustände als auf sexuellem Gebiet.

Ab 1924 nannte sich der Verein dann auch "Deutscher Bund für Mutterschutz und Sexualreform".
Aber Helene Stöcker war nicht nur die Initiatorin und faktische Vorsitzende des Bundes, als Herausgeberin der Zeitschrift "Mutterschutz" machte sie ihn auch zum Sprachrohr der von ihr entwickelten "neuen Ethik". Die promovierte Philosophin propagierte nicht nur die politische Emanzipation, sondern auch das Selbstbestimmungsrecht der Frau über ihren Körper. Nicht die Ehe, sondern die Liebe sei die legitime Basis jeder sexuellen Beziehung, schrieb sie.

Jedes Verhältnis zwischen Menschen wird ebenso sittlich oder unsittlich sein, wie die Menschen sind, die diese Ehe oder dieses freie Verhältnis haben.

Mit derlei, für die damalige Zeit radikalen Thesen geriet der Bund bald in die Schusslinie der Moralhüter. Seine praktische soziale Arbeit wurde zwar allgemein anerkannt, insbesondere die Einrichtung von Mütterheimen und Sexualberatungsstellen. Dennoch nannte der Generalsuperintendent der Brandenburgischen Kirchensynode, Braun, Helene Stöcker und ihre Bundesgenossinnen:

Weibliche Apostel des Satans, die sich nicht scheuen, das anzupreisen, was die heilige Schrift als Hurerei brandmarkt.

Auch innerhalb des Bundes gab es von Anfang an Streit: um die praktischen Ziele, um Geld und Geschäftsführung, um die politisch-ideologische Ausrichtung. Die Zeitschrift "Mutterschutz" wurde schon 1908 in "Die neue Generation" umbenannt und Helene Stöcker warb vehement für ihr Leitbild der gebildeten, ökonomisch und sexuell unabhängigen Frau und Mutter. Das führte zu heftigem Debatten innerhalb der Frauenbewegung - mit dem Ergebnis: 1912 wurde der Antrag des Mutterschutzbundes zur Aufnahme im Bund deutscher Frauenvereine abgewiesen:

Nicht etwa wegen der Mitgliedschaft von Männern in der Organisation, sondern weil seine Politik nicht dem Volkswohl dient.

Ein weiterer heftiger Streitpunkt - damals, aber auch später unter Historikern: Inwieweit hat sich der "Bund für Mutterschutz" in eine Rassenideologie zumindest einbinden lassen? Hinweise gibt es durchaus. Gründungsmitglied Alfred Ploetz war beispielsweise ein bekannter Vertreter der Rassenhygienelehre. Und noch 1928 sagte Helene Stöcker in einem Vortrag vor Ärzten, man müsse Hygiene- sowie Sexualaufklärung betreiben,

(...) um dem Einzelnen ein glückliches, gesundes Liebesleben, der Gesellschaft eine den Ansprüchen der Eugenik genügende Fortpflanzung zu sichern.

Wie andere Reformbewegungen auch hat der Mutterschutzbund versucht, sein soziales Engagement mit eugenischen Argumenten zu bekräftigen. Ob aus tiefer Überzeugung oder taktischen Erwägungen, wird hier nicht zu klären sein. Festzuhalten bleibt aber: Sofort mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten hörte der Bund auf zu existieren. Helene Stöcker war schon vor dem 30. Januar 1933 emigriert.

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