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7.1.2005
Vor 50 Jahren tritt Marian Anderson als erste schwarze Künstlerin an der Metropolitan Opera auf
Von Michael Kleff

Toscanini: Eine Stimme wie die Marian Andersons hört man nur einmal in hundert Jahren.

In höchsten Tönen schwärmte der italienische Dirigent Arturo Toscanini von Marian Anderson, die eine der letzten Barrieren für schwarze klassische Sänger durchbrach: Am 7. Januar 1955 trat die Kontraaltistin in Verdis Oper "Maskenball" als Solistin in der New Yorker "Met" auf.

Anderson: Dass ich ein Mitglied der Metropolitan Opera wurde, ist ein Höhepunkt in meinem Leben. Es bedeutet viel für mich und mein Volk. Wenn es mir vergönnt war, ein Symbol zu sein, weil vor mir noch kein Neger ein reguläres Mitglied des Ensembles geworden war, so bin ich umso stolzer darauf, als ich weiß, dass daraus andere Sänger meiner Rasse Zuversicht schöpften und erkannten, es werden sich immer mehr Türen öffnen.

So erinnert sich Marian Anderson in ihrer Autobiographie an ihren legendären Auftritt in der Met. Mit ihrer Voraussage, dass sich die Türen für andere schwarze Sänger öffnen würden, sollte sie Recht behalten, sagt Robert Tuggle, Archivar des berühmten New Yorker Opernhauses.

Tuggle: Für die Met hatte Andersons Auftritt vor allem zur Folge, dass man nicht länger auf eine ganze Reihe hervorragender Sänger verzichten musste, die bis dahin hier nicht auftreten konnten. Ganz abgesehen von den Auswirkungen für die Entwicklung der Bürgerrechte.

Geboren 1902 in Philadelphia, wirkte Marian Anderson bereits als Sechsjährige im Kirchenchor mit. Obwohl sie 1925 unter 300 Bewerbern den ersten Preis eines wichtigen New Yorker Gesangswettbewerbs gewann und vier Jahre später erstmals in der "Carnegie Hall" auftrat, stand ihrer Karriere in den USA ein Hindernis im Weg: die falsche Hautfarbe. Andersons Größe wurde zunächst in Europa erkannt, wo sie 1930 ihr Debüt gab. Fünf Jahre später holte sie der Impressario Sol Hurok in die USA zurück, wo ihr Auftritt in der "Town Hall" von New York im Dezember 1935 zum Triumph wurde. Die Folgen der Rassentrennung bekam Marian Anderson trotz ihres Erfolgs dennoch immer wieder zu spüren. Weil sie schwarz war, lehnte 1939 die konservative Frauenvereinigung Daughters of the American Revolution einen Auftritt in der "Constitution Hall" in Washington ab. Aus Protest trat die First Lady Eleanor Roosevelt aus der Organisation aus. Der liberal eingestellte Innenminister Harold Ickes lud die Sängerin daraufhin im folgenden Jahr zu einem Freilichtkonzert am Lincoln Memorial ein, das 75.000 Menschen besuchten.

Anders als Sängerkollege Paul Robeson war Marian Anderson keine Aktivistin im Kampf um die Gleichberechtigung der Rassen. Sie habe jedoch auf ihre Weise protestiert, sagt Met-Archivar Robert Tuggle. Er erinnert sich, wie die Sängerin in den vierziger Jahren bei ihren Konzerten die in einigen Bundesstaaten gesetzlich vorgeschriebene Rassentrennung im Theater geschickt umging.

Tuggle: Das Publikum war immer noch nach Weißen und Schwarzen getrennt. Bei einem Marian Anderson-Konzert wurden die Sitzreihen jedoch so belegt, dass in der Reihe links vom Gang die Weißen saßen und in der Reihe rechts die Schwarzen. In der Reihe dahinter war es genau umgekehrt. So einfach mischte sie das Publikum.

1965, zehn Jahre nach ihrem Auftritt als erste schwarze Sängerin in der Metropolitan Opera, beendete Marian Anderson ihre Karriere. Obwohl sie eine wichtige Rolle im Kampf gegen die Rassentrennung spielte, verstand sie sich selbst immer nur als Musikerin.

Anderson: Ich bin nicht angetreten, die Welt zu verändern. Das hätte ich ohnehin nicht gekonnt. Was ich darstelle, ist die mir von Menschen in aller Welt entgegengebrachte Fülle an gutem Willen, Unterstützung und Verständnis - von Menschen, die mich einfach so gesehen haben, wie ich bin.


Literatur:
Marian Anderson, Mein Leben, Wien-Stuttgart-Zürich, 1960
Russell Freedman, The Voice That Challenged A Nation, New York, 2004
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