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9.1.2005
Vor 45 Jahren begannen in Ägypten die Bauarbeiten am Assuan-Staudamm
Von Jochen R. Klicker

Gamal Abdel Nasser, hier als 36-jähriger Revolutionsgeneral, wird 1954 ägyptischer Staatspräsident (Bild: AP Archiv)
Gamal Abdel Nasser, hier als 36-jähriger Revolutionsgeneral, wird 1954 ägyptischer Staatspräsident (Bild: AP Archiv)
Assuan am 9. Januar 1960: Ägyptens Präsident Gamal Abd el Nasser zündet per Knopfdruck die Sprengladung, mit der die Bauarbeiten für den größten Staudamm der Welt beginnen. Elf Jahre dauert die Errichtung der gigantischen Nil-Sperre. Mehr als 450 Arbeiter verlieren dabei ihr Leben.

Innerhalb von zwei Generationen erlebte Ägypten ein zweites Mal einen architektonischen Rekord. Denn bereits 1898 hatte die britische Protektorats-Verwaltung Sir William Willcocks ermutigt, einen ersten Assuan-Staudamm zu errichten, der seinerzeit nach vierjähriger Bauzeit ebenfalls als "die größte Staumauer der Welt" bestaunt werden konnte. In den zeitgenössischen Berichten hieß es:

Durch die 180 Tore der Talsperre konnten während der jährlichen Überschwemmungen das Wasser und der kostbare Nilschlamm die Staumauer passieren und die Felder überfluten. Gingen die Wogen dann zurück, so schloss man die Durchlässe, und langsam füllte sich der künstliche See, der eine Länge von bis zu 300 Kilometern hatte. Im Frühjahr, wenn das Wasser knapp wurde, öffneten die Hydrologen die Schleusen wieder, um die Felder bewässern zu können. Der Beitrag des Dammes zur Entwicklung der ägyptischen Landwirtschaft war enorm.

Und nicht nur die Ernteerträge stiegen beträchtlich. Auch die landwirtschaftlich nutzbaren Flächen, die man der Wüste entriss, nahmen ständig zu. Die rund zehn Millionen Menschen, die um 1900 das Land am Nil bewohnten, fanden ihr Auskommen. Ihre Enkel - 50 Jahre später - jedoch nicht mehr.

Denn wie überall in den Entwicklungsländern, so bringt die Bevölkerungsexplosion auch im rund 1000 Kilometer langen Niltal bisher nicht gekannte demographische und wirtschaftliche Probleme mit sich. Die Bevölkerung Ägyptens wächst schnell auf über 40 Millionen Menschen - viele von ihnen bedroht von der Verelendung.. Als revolutionäre junge Offiziere mit Gamal Abd el Nasser an der Spitze die Macht im Staate übernehmen, gehört zu ihren zentralen politischen Forderungen:

Ägypten braucht eine neue Agrarstruktur! Ägypten braucht mehr elektrischen Strom! Ägypten braucht einen neuen Damm!

Als die beiden deutschen Firmen Hoch-Tief und Union-Brückenbau ihre ersten Pläne vorlegten, wurde allen Beteiligten schnell klar: Sadd al Ali, der neue Hochdamm von Assuan, würde das größte Projekt der Entwicklungszusammenarbeit darstellen. Es sollte zum Symbol einer weltumspannenden Entwicklungshilfe werden, in deren Rahmen trotz des Kalten Krieges die unterschiedlichen politischen Lager mitwirkten. Und er musste eine technische Meisterleistung werden - eine Jahrhundert-Investition für kommende Generationen. Die Dimensionen des Hochdammes fielen entsprechend aus:

43 Millionen Kubikmeter Geröll, Schotter und Sand werden angeschüttet, mit Lehm verdichtet und mit Beton ummantelt. So entsteht ein Riesenwehr, dessen Sohle 960 Meter dick ist und dessen 40 Meter breite Krone noch eine schattenspendende Allee und eine vierspurige Autostraße zu tragen vermag. Der Neubau verdoppelt die Länge des Stausees auf über 600 Kilometer und verdreißigfacht das Volumen des gestauten Wassers auf 165 Milliarden Kubikmeter. Sechs durch riesige Tunnel gespeiste Großturbinen können bei voller Auslastung zehn Milliarden Kilowattstunden Strom liefern. Das wichtigste aber:

Garantierte das hinter dem alten Assuan-Damm gestaute Wasser den Fellachen jährlich wenigstens eine Ernte und machte gelegentlich noch eine zweite möglich, so konnte sich die ägyptische Landwirtschaft mit dem neuen Hochdamm auf vier bis fünf Ernten pro Jahr einstellen. Und damit noch nicht genug: Seit Ende der 90er Jahre wird überschüssiges Wasser aus dem Nasser-See über einen neu gegrabenen Kanal in die Gebiete der westlichen Wüste gelenkt, in der die 60.000 Nubier leben, die wegen des steigenden Wasserspiegels des Stausees umgesiedelt werden mussten. Die Landwirtschaftsexperten rechnen damit, dass ...

... zunächst ein 500 Quadratkilometer großer Weizengürtel angelegt und geschätzte weitere 10.000 Quadratkilometer sandiger Einöde bald bepflanzt werden können - ein Zuwachs des Kulturlandes um 20 Prozent.

Bleibt die politische Komponente nachzutragen, die aus der Planung und dem Bau des Sadd al Ali ein erstes wirksames Instrument "blockfreier" Politik machte, mit dem Präsident Nasser nach eigenem Gutdünken und Kalkül mal den Westen unter Führung von US-Außenminister John Foster Dulles, mal das sozialistische Lager mit dem sowjetischen Ministerpräsidenten Nikita Chruschtschow an der Spitze vorführen, ja sogar erpressen konnte.

26. Juli 1956: Im Rahmen einer Massenveranstaltung erklärt Nasser völlig überraschend den Suezkanal für verstaatlicht und die britische Kanalgesellschaft für enteignet. Damit reagiert der ägyptische Präsident auf die Absage der US-Amerikaner und der Weltbank, den geplanten Staudamm-Bau zu finanzieren. Washington will nämlich Ägypten und der Welt demonstrativ klarmachen, dass das Land am Nil total vom Westen abhängig sei. Und Dulles will Nasser zusätzlich demütigen, um der Arabischen Welt zu zeigen, dass sie noch keine Stimme habe im Konzert der Groß- und Mittelmächte.

Das internationale Ansehen Nassers hatte sich jedoch durch seinen Entschluss, den Kanal zu verstaatlichen, eher gefestigt. ... Die Sowjetunion lieferte Lebensmittel; China gewährte Dollar-Kredite; und schließlich bot die UdSSR den Vereinigten Staaten Paroli, indem sie zusagte - gegen ihre bisherige Entscheidung -, ein Drittel der gesamten Baukosten des Assuan-Staudamms zu übernehmen sowie rund 5000 Ingenieure und Techniker zu entsenden. Die Experten aus den Ländern des Westens mussten ihre Koffer packen.

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