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10.1.2005
Vor 85 Jahren trat der Friedensvertrag von Versailles in Kraft
Von Volker Ullrich

1919: Die Vertreter der Alliierten vor der Vertragsunterzeichnung des Friedensvertrags in Versailles: David Lloyd George (England), Vittorio Orlando (Italien), Georges Clemenceau (Frankreich) und Woodrow Wilson (Präsident USA) (Bild: AP-Archiv)
1919: Die Vertreter der Alliierten vor der Vertragsunterzeichnung des Friedensvertrags in Versailles: David Lloyd George (England), Vittorio Orlando (Italien), Georges Clemenceau (Frankreich) und Woodrow Wilson (Präsident USA) (Bild: AP-Archiv)
Am 10. Januar 1920 notierte der Kunstmäzen und Diplomat Harry Graf Kessler in sein Tagebuch:

Heute ist der Frieden in Paris ratifiziert worden; der Krieg zu Ende. Eine furchtbare Zeit beginnt für Europa, eine Vorgewitterschwüle, die in einer wahrscheinlich noch furchtbareren Explosion als der Weltkrieg enden wird.

Das waren prophetische Worte. Denn tatsächlich war der Versailler Vertrag kein Dokument der Verständigung und Aussöhnung zwischen den einstigen Kriegsgegnern, sondern ein Diktat, das dem Verlangen nach Rache und Vergeltung auf Seiten der Siegermächte nachkam.
Am 7. Mai 1919 waren einer deutschen Delegation in Versailles die Friedensbedingungen übergeben worden. Danach büßte Deutschland rund ein Siebtel seines Gebiets und ein Zehntel seiner Bevölkerung ein. So sollte Elsaß-Lothringen an Frankreich zurückgegeben und große Teile Posens und Westpreußens an Polen abgetreten werden. Danzig sollte "Freie Stadt" werden unter dem Mandat des neu zu errichtenden Völkerbunds, das Memelgebiet unter alliierte Verwaltung fallen. Im Saarland sollte nach 15 Jahren eine Abstimmung über die künftige Zugehörigkeit entscheiden. Volksabstimmungen waren ebenfalls vorgesehen in Eupen-Málmedy, Nordschleswig und Oberschlesien. Für die linksrheinischen Gebiete legte der Vertrag eine nach drei Zonen gestaffelte, auf maximal 15 Jahre befristete Besatzung fest. Deutschland musste auf sämtliche Kolonien verzichten, und ausdrücklich untersagt wurde ihm auch ein Anschluss Deutsch-Österreichs. Das Reichsheer sollte auf 100.000 Mann begrenzt werden. Außerdem musste Deutschland sich verpflichten, für alle Kriegsschäden in Form von Reparationen aufzukommen. Begründet wurde dieser Anspruch mit Artikel 231 des Vertrags, in dem Deutschland und seine Verbündeten als alleinige Urheber des Weltkriegs bezeichnet wurden.
In der deutschen Öffentlichkeit löste das Bekanntwerden der Bedingungen einen Schock aus, denn allgemein hatte man mit einem maßvollen Frieden auf der Grundlage der "14 Punkte" des amerikanischen Präsidenten Wilson gerechnet. Im Namen seiner Regierung legte der Leiter der deutschen Delegation, Außenminister Ulrich Graf von Brockdorff-Rantzau, sofort Protest ein:

Graf von Brockdorff-Rantzau: Es wird von uns verlangt, dass wir uns als die Alleinschuldigen am Kriege bekennen … aber wir bestreiten nachdrücklich, dass Deutschland, dessen Volk überzeugt war, einen Verteidigungskrieg zu führen, allein mit der Schuld belastet wird.

Ganz ähnlich ließ sich der Reichsministerpräsident, der Sozialdemokrat Philipp Scheidemann, auf einer Kundgebung in der Berliner Universität am 12. Mai 1919 verlauten:

Welche Hand müsste nicht verdorren, die sich und uns in diese Fessel legt?

Über alle Proteste gingen die Alliierten ungerührt hinweg. Am 16. Juni setzten sie der deutschen Regierung eine Frist von wenigen Tagen, innerhalb derer sie sich für Annahme oder Ablehnung des Vertragswerks entscheiden musste. Da Scheidemann sich auf das "Nein" festgelegt hatte, blieb ihm nichts anderes übrig, als mitsamt seinem Kabinett zurückzutreten. Sein Nachfolger, der bisherige Arbeitsminister Gustav Bauer, erklärte in einer Rede vor der Nationalversammlung die Bereitschaft zur Annahme des Vertrags, verband diese Erklärung aber ebenfalls mit heftiger Kritik an der Haltung der Alliierten:

Gustav Bauer: Wie sind wehrlos, wehrlos ist aber nicht ehrlos. Gewiss, die Gegner wollen uns an die Ehre, daran ist kein Zweifel, aber dass dieser Versuch der Ehrabschneidung einmal auf die Urheber zurückfallen wird, dass es nicht unsere Ehre ist, die bei dieser Welttragödie zugrunde geht, das ist mein Glaube bis zum letzten Atemzug.

Nachdem eine Mehrheit der Nationalversammlung der Unterzeichnung zugestimmt hatte, setzten Bauer und der Verkehrsminister Johannes Bell am 28. Juni 1919 im Spiegelsaal von Versailles die Unterschriften unter den Vertrag.
Der Versailler Vertrag war zweifellos hart, aber noch vergleichsweise milde, gemessen an dem, was ein siegreiches Kaiserreich seinen Gegnern auferlegt hätte. Dennoch empfand eine große Mehrheit der Deutschen den Friedensschluss als eine "Schmach", gegen die man sich zur Wehr setzen müsse. Für die politische Rechte wurde "Versailles" zur Waffe im Kampf gegen die verhasste Demokratie von Weimar. Die Agitation gegen die so genannte "Kriegsschuldlüge" verband sich mit der "Dolchstoßlegende" zu einer brisanten Mixtur, die das politische Klima der Republik nachhaltig vergiftete. Den Hauptnutzen daraus sollte am Ende der Führer der NSDAP, Adolf Hitler, ziehen. Denn nichts trug ihm so viel Zustimmung ein wie das Versprechen, den Versailler Vertrag bei erstbester Gelegenheit zu annullieren.
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