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12.1.2005
Vor 35 Jahren endet in Nigeria der Bürgerkrieg nach der Kapitulation Biafras
Von Antonia Kriks

Kinder werden in einem Flüchtlingslager in Biafra versorgt, August 1968 (Bild: AP Archiv)
Kinder werden in einem Flüchtlingslager in Biafra versorgt, August 1968 (Bild: AP Archiv)
Der Krieg in Biafra dauerte vom 6. Juli 1967 bis zum 12. Januar 1970.
Das Land der aufgehenden Sonne existiert seit 35 Jahren nicht mehr.

Die Briten begannen im 16. Jahrhundert, sich die riesigen Gebiete für Menschen- und Güterhandel zu erschließen, die 1917 unter der Bezeichnung "Nigeria" zusammengefasst wurden. Durch die Missionierung und den Einfluss der britischen Kolonialmacht gewann das Volk der Igbos, ursprünglich dem Südosten des Landes entstammend, den größten Einfluss in Politik und Wirtschaft.

Die christlichen Igbos hatten sich von Anfang an bei den muslimischen Volksgruppen unbeliebt gemacht, in erster Linie wohl auch deswegen, weil sie als Händler, Manager und Juristen die Schlüsselpositionen Nigerias besetzt hatten.

Die schwelenden Animositäten zwischen den Ethnien flammten auf, als drei Jahre nach der Erlangung der Souveränität im Oktober 1960 riesige Erdölvorkommen von hochwertiger Qualität im Nigerdelta entdeckt wurden.

Der Hass gegen das Volk der Igbos, der sich in Nordnigeria aufgebaut hatte, entlud sich nach der Ermordung des ersten Militärmachthabers Nigerias in igbofeindlichen Pogromen: Etwa 30.000 Menschen starben, über eine Million floh in die Ostregion zurück, in ihr ursprüngliches Herkunftsland.

Oberstleutnant Ojukwu, nun amtierender Militärgouverneur, isolierte daraufhin den Süd-Osten vom übrigen Nigeria und versuchte zunächst, dem Land eine neue Verfassung als lockerer Staatenbund zu geben. Am 30. Mai 1967 erklärte er dann die Unabhängigkeit der souveränen Republik Biafra.

Die Tragödie Biafras, die an die zwei Millionen Menschen das Leben kostet und ungezählten Kindern die Zukunft nehmen sollte, wurde allmählich auch von der Weltöffentlichkeit registriert: Die Tagesschau im Herbst 1967:

Die nigerische Ostregion und die dortigen Neger vom Stamm der Ibo proklamierten ihre Unabhängigkeit und gründeten den unabhängigen Staat Biafra. Die nigerianische Zentralregierung ließ ihre mohammedanischen Haussa Soldaten gegen die Ibo, die meist Christen sind, antreten. Das grausame Schicksal der Menschen von Biafra hat in der Weltöffentlichkeit kaum ein Echo des Mitgefühls geweckt.

Doch bald rüsteten sich die ersten privaten Gruppen, um dem mittlerweile eingeschlossenen und leidenden Volk von Biafra zur Hilfe zu eilen: Bilder der hungernden, großbäuchigen Kinder mit ihren dünnen Ärmchen und Beinchen, die zum ersten Mal in der Geschichte Deutschlands im Fernsehen übertragen wurden und zum Synonym für den Hunger in Afrika schlechthin wurden, lösten jene Formen der organisierten Hilfsbereitschaft aus, die wir bis heute kennen.

Wir wissen, dass Ojukwu nur Zeit gewinnen will, um Waffen einzuführen und um sich noch mehr nach internationaler Hilfe umzusehen. Wenn Ojukwu wirklich Frieden will, soll er Biafra in den Staatsvertrag von Nigeria zurückführen.

Der Krieg wurde unnachgiebig mit brutaler Härte von beiden Seiten weitergeführt, wobei die abtrünnige Republik Biafra die schlechteren Karten hatte. Der Westen stand und steht seit jeher hinter der nigerianischen Zentralregierung in Lagos, die nach wie vor die Kontrolle über die Ausbeutung der Erdölvorkommen im ehemaligen Biafra, dem Igbo-Land hat. Die Tagesschau sah das so:

Der Bürgerkrieg in Nigeria ist typisch für eine generelle Konfrontation, die den ganzen afrikanischen Sudangürtel heimsucht. Das Jahr 1969 hat deutlich gemacht, dass die Auseinandersetzung zwischen islamisierten und christianisierten Negern im Sahelgebiet südlich der Sahara zu den permanenten Existenzproblemen der jungen schwarzen Republiken gehört.

Die Kapitulation Biafras wurde am 12.1.1970 in Radio Biafra bekannt gegeben.

Der Nachfolger des geflohenen Staatschefs von Biafra musste die Niederlage drei Tage später in Lagos noch einmal offiziell bekannt geben - eine inszenierte Demütigung, die viele Angehörige der ehemaligen Führungsschicht der Igbo bis heute nicht verwunden haben - sie träumen immer noch - oder wieder - davon, den Staat Biafra auferstehen zu lassen. Diesmal auf friedliche Weise, wie die Initiatoren behaupten.
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