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15.1.2005
Vor 85 Jahren kommt die erste deutsche Jazz-Schallplatte auf den Markt
Von Uwe Golz

Das Saxophon: nicht weg zu denken im Jazz (Bild: AP)
Das Saxophon: nicht weg zu denken im Jazz (Bild: AP)
Die Weimarer Republik tanzt in ihren Kinderschuhen. Nach den Wirren der ersten Nachkriegsjahre kehrt langsam wieder der Alltag ein. Nach den Jahren der Entbehrung sind die Deutschen lebenshungrig, man will feiern und genießen. 1920 - das Geburtsjahr der goldenen Zwanziger. Die Isolation Deutschlands scheint trotz Blockade der Alliierten überwunden.

Berlin ist ein brodelnder Kessel der Avantgarde und Moderne. Kabaretts, Nachtklubs und Cabarets bestimmen das nächtliche Bild der Hauptstadt, und die Kunstinteressierten bemühen sich um alles Neue - und dazu gehört in der Musik der Jazz. Das Grammophon erobert sich einen festen Platz in der wohlhabenden Gesellschaft. Schellackplatten sind der letzte Schrei, doch die Blockade verhindert bis 1922 den Import ausländischer Produkte. Wenn überhaupt, kommen die so genannten Jazz-Platten - auf Schleichwegen - durch heimkehrende Kriegsgefangene nach Deutschland.

Der Jazz erobert Deutschland mit Verspätung. Bereits 1917 hatte die Original Dixieland Jazz Band die erste Jazzplatte der Welt in den USA veröffentlicht: Nick La Roccas "Tiger Rag". Doch mehr als die Nachricht über diese Aufnahme ist in Deutschland bisher kaum zu hören. 1920 weiß niemand genau, was sich hinter dem Begriff "Jazz" verbirgt. Die deutschen Tanzkapellen knüpfen einfach an ihrem Vorkriegsrepertoire an: Ragtime, Boston oder Tango bestimmen den täglichen Musikgenuss und das Schellackplatten-Repertoire. Es sind die aufmüpfigen Künstler des Dada, die als Erste Jazz in ihre Kabarett-Aufführungen integrieren.

Dadas "Neger-Jazz", der Begriff hat noch nicht den bösen Nachgeschmack von entarteter Musik, wie ihn der Nationalsozialismus propagieren sollte, war lärmend und als "Protest gegen spießige Bürgerlichkeit" gedacht - er hatte mit der ursprünglichen Jazzmusik nur wenig zu tun. Was nicht nur die Dadaisten reizte, sondern auch die bürgerliche Gesellschaft, war die exotische Komponente. Jazz wurde gleichgesetzt mit schwarzen Musikern, diese hatten - so wusste man durch Berichte von Reisenden - im benachbarten Frankreich bereits für Furore gesorgt, und man spielte merkwürdige Instrumente - Kuhglocken und singende Sägen waren an der Tagesordnung.

Auch wenn die meisten aller deutschen Orchester der frühen deutschen Jazzjahre ihre Musik weniger mit Können denn mit Inbrunst zelebrierten, gab es auch ernsthafte Protagonisten der neuen Musikrichtung.
Ende 1919 hatte der amerikanische Bandleader Groundzell mit seiner Original Excentric Band La Roccas Jazzklassiker "Tiger Rag" für die Berliner Plattenfirma Homokord unter der Nummer Hom B-557eingespielt. Auch wenn man sich auf der am 15. Januar 1920 veröffentlichten Platte als Jazzband bezeichnete, diese Exzentriker waren das Gegenteil - eine Marschkapelle, die den "Tiger Rag" in typischer Ragtime-Manier spielte und dabei jeden Swing und jede Improvisation mied. Man konnte und wusste es nicht besser.

Von dieser ersten deutschen Jazzband ist nach ihrer Aufnahme nichts geblieben. Außer der Instrumental-Besetzung - Trompete, Posaune, Alt- und Tenor-Saxophon, Piano, Banjo, Tuba und Schlagzeug - kennt man weder den Vornamen des Bandleaders, noch die Namen der anderen Musiker. Auch ob es in den Jahren 1918/19 noch andere Kapellen in Deutschland gab, die sich als Jazzbands bezeichneten, ist nicht überliefert. Der eigentliche Siegeszug des Jazz begann erst nach 1920, doch die Original Excentric Band und La Roccas "Tiger Rag", die erste Jazzplatte Deutschlands, gaben den Anstoß dazu.
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