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18.1.2005
Vor 20 Jahren wird erstmals die Smogalarmstufe III ausgerufen
Von Irene Meichsner

Das Ruhrgebiet versinkt im Smog: Ein Blick vom Essener Rathaus am 17.1.1985 auf die Essener Innenstadt (Bild: AP)
Das Ruhrgebiet versinkt im Smog: Ein Blick vom Essener Rathaus am 17.1.1985 auf die Essener Innenstadt (Bild: AP)
Alle redeten vom Wetter an diesem 18. Januar 1985 - auch Friedhelm Farthmann, der nordrhein-westfälische Gesundheitsminister, der am frühen Freitagnachmittag den bundesweit ersten Smogalarm der dritten und höchsten Alarmstufe verkündete.

Farthmann: Entgegen der zwingenden Vorschrift der Verordnung weiter zuzuwarten, sehe ich mich im Interesse der Gesundheit der Bürger außerstande. Wobei hinzukommt, dass wir von der Wetterlage keinerlei Entlastung erwarten können. Ich bin von den Wetterfröschen so'n bisschen enttäuscht, aber die Herrschaften können ja auch nicht mehr als das, was ihres Handwerks ist, und der liebe Gott lässt sich da wohl nicht so ganz sicher in die Karten gucken.

Vergeblich die Hoffnung auf eine frische Brise. Wie unter einer Käseglocke ballten sich die Schadstoffe; der Austausch zwischen der Kaltluft am Boden und wärmeren Luftschichten in der Höhe funktionierte nicht mehr. Betriebe mussten die Produktion drosseln. Im westlichen Ruhrgebiet war ab sofort der private Autoverkehr verboten, in den Städten errichtete die Polizei Straßensperren. Im Rundfunk gab es Durchsagen mit Verhaltensregeln auch für den Fernverkehr.

Ein Hinweis noch, falls Sie, meine Damen und Herren, ins Ruhrgebiet unterwegs sind, aufbrechen wollen mit dem Auto: Die Autobahnen dort sind passierbar, für die Durchfahrt. Probleme kann es aber geben bei den Ausfahrten. Die können zum Teil gesperrt sein.

Die Menschen reagierten gespalten. Manche sahen die Lage ganz entspannt.

Ich hab 20 Jahre in England gelebt, und ich finde, manchmal werden diese Dinge auch etwas übertrieben. ... Das hat's ja auch schon vor fünfzig und vor hundert Jahren gegeben, und die Situation hat sich aus dieser Sicht eigentlich kaum verändert.

Andere, auch fern vom Ruhrpott, gaben zu, dass sie sich, große Sorgen machten.

Ja, auf jeden Fall. Es ist irgendwie für mich eine bedrohliche Unbekannte, mit der ich mich nicht auseinandersetzen kann. Und mich auch nicht dagegen wehren kann.

Umweltschützer gossen Öl ins Feuer, warnten insbesondere vor dem Risiko von Pseudokrupp bei Kindern. Dieter Teufel vom Heidelberger Institut für Energie und Umweltforschung zitierte eine Langzeitstudie, derzufolge

immer dann, wenn die Schwefeldioxidkonzentration über 0,3 Milligramm pro Kubikmeter anstieg ... die Gesamtsterblichkeit in der Stadt West-Berlin anstieg und bis zu 15 Prozent höher war.

Nachrichten: 20 Uhr, Südwestfunknachrichten. Im Ruhrgebiet hat sich der Anstieg von Schwefel und Schwefelstaub in der Luft am Abend verlangsamt. Verschiedene Messstationen verzeichneten sogar einen leichten Rückgang.

Drei Tage dauerte der Spuk, dann hatte sich die dicke Luft verzogen. Und das parteipolitische Gezänk um Verdienste und Versäumnisse in der Luftreinhaltepolitik begann. In anderen Regionen, sogar in vermeintlichen "Reinluftgebieten", war die Luft kaum besser gewesen. Smogalarm war trotzdem nicht ausgelöst worden, weil es dort noch keine Smogalarm-Verordnungen gab. Dabei hatten sich die Landesumweltminister im November 1984 auf eine Muster-Verordnung geeinigt, in Nordrhein-Westfalen war sie gerade in Kraft getreten. Eifrig bekundeten nun alle ihren Willen zur umweltpolitischen Erneuerung. Wie der Hamburger Umweltsenator Wolfgang Curilla, der die konkrete Gefahr zwar herunterspielte, es aber dennoch "vernünftig" nannte,

Curilla: entsprechende Vorsorgemaßnahmen ergreifen zu können, denn die oberste Priorität in diesem Zusammenhang muss die Gesundheit der Bevölkerung sein.

Was technisch geboten war, wusste jeder: der Einbau von Katalysatoren in Pkws, die Entfernung von Stickstoff und Schwefel aus den Abgasen von Kraftwerken und Industriebetrieben. Die Politik sei, so Dieter Teufel, in dieser Hinsicht bislang viel zu zögerlich gewesen.

Teufel: Wir haben in unserem Institut untersucht, wie das wirkt, ... und das Ergebnis ist leider, dass kurz- und mittelfristig es praktisch nicht zu einer wesentlichen Verringerung der Luftverschmutzung führen wird, erst langfristig in acht bis zehn Jahren.

Heute ist die Luft - dank konsequenter Umweltpolitik - tatsächlich so viel sauberer, dass es den "Wintersmog" praktisch nicht mehr gibt, selbst bei extrem "austauscharmem" Wetter. Obsolet geworden ist auch ein Vorschlag, den Cord Schwartau vom "Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung" machte, als feststand, dass für den Smog im Westen nicht zuletzt die Schadstoffe aus Braunkohlekraftwerken und Industrieanlagen im Osten verantwortlich waren. Schwartau riet zur grenzüberschreitenden Zusammenarbeit.

Schwartau: Das könnte so weit gehen, dass man in kritischen Wetterlagen zum Beispiel Strom aus der DDR bezieht und in kritischen Wetterlagen in anderen Räumen der DDR auch Strom in die DDR liefert. So dass man die Spitzenbelastungen in Berlin sozusagen egalisieren könnte.

Ein aparter Gedanke, der ausnahmsweise nicht an der meteorologischen, sondern an der politischen Großwetterlage scheiterte.
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