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20.1.2005
Vor 50 Jahren wird Le Corbusiers Wallfahrtskirche Notre-Dame-du-Haut eingeweiht
Von Jochen Stöckmann

Drei helle Türme - schlanke, mit grobem Zement verputzte Stelen - ragen über einem Hügel am Rande der französischen Vogesen auf. Es scheint, als habe ein übermächtiger Luftgeist riesige Löffelbiskuits exakt halbiert und anschließend mit einem präzisen Mittelschlitz versehen. Zwischen diesen geometrischen Türmen quillt ein wuchtiges Dach hervor, ein organisch wucherndes, graubraunes Betonvolumen. In die konventionell rechtwinkligen weißen Wände darunter sind - radikale Vollendung einer gebauten Paradoxie - ganz unregelmäßig verschieden große Lichtscharten gestanzt. So bietet sich die Wallfahrtskirche "Notre-Dame-du-Haut" in Ronchamp, eines der Meisterwerke des Architekten Le Corbusier, heute jedem unbefangenen Blick dar. Gleich nach seiner Einweihung am 20. Januar 1954 aber regte der Pionierbau der Nachkriegs-Moderne zu wunderlichen Vergleichen an:

Aufgeblähtes Schlauchboot.
Ein mächtiger Pilz.
Geschwelltes Segel.
Eine Haube, ein Zelt.
Ein Elektrizitätswerk.
Die Burgruine.
Bug eines Panzerkreuzers.
Wolkenschiff.
Felsstück.


Künstler wie Braque, Léger oder Lurcat, die keinerlei Verbindung zum Katholizismus haben, arbeiten für das Dominikanerkloster Assy in der Provence, Henri Matisse baut die Kapelle für das Krankenhaus in Vence - und Le Corbusier, dieser zutiefst ungläubige Rationalist, erhält den Auftrag für eine Kirche. Wohl ahnend, was da auf ihn zukommt, schreibt der Architekt allen potentiellen Kritikern ins Stammbuch:

Verlasst euch auf die Augen, misstraut allen, die nicht genau hinschauen. Denn der Architekturentwurf, Proportionen und Geometrie verlangen strenge Präzision. Auch die Poesie ist ein Phänomen dieser unerbittlichen Genauigkeit - und sie bringt hervor, was ich den "namenlosen, nicht benennbaren Raum" getauft habe.

In Deutschland aber - und wohl auch unter der Mehrzahl aller Katholiken - fand man Namen, Schimpfnamen für die Architekturplastik von Ronchamp. Als "abweisender Bunker" oder "militärisches Fort" wurde herabgewürdigt, was Le Corbusier nach ästhetischen Regeln des Goldenen Schnitts erdacht hatte. Und "Poesie" ließen die Kunstbeauftragten der Erzdiözese Paderborn erst recht nicht gelten, als sie im Juni 1956 öffentlich erklärten:

Wir stellen mit Besorgnis fest, dass die von Le Corbusier in Ronchamp erbaute Wallfahrtskirche in der Presse weitgehend eine durchaus anerkennende Beurteilung findet, ja dass sie bereits von deutschen Architekten als Vorbild für ihre Entwürfe herangezogen wird. Wir weisen darauf hin, dass diese Kirche ein nicht zu überbietendes Beispiel von Neuerungssucht, Willkür und Unordnung ist und dass Le Corbusier mit ihr den Bruch mit der Tradition des katholischen Kirchenbaues mit einem bisher unerhörten Radikalismus vollzogen hat und sogar mehrfach gegen die allgemeinen Regeln der Baukunst verstößt. Wir stellen insbesondere fest, dass diese Kirche den unbedingt zu fordernden sakralen Charakter völlig vermissen lässt.

Doch in Ronchamp ziehen die Lichtwirkung der teilweise farbig verglasten, nach innen weit geöffneten Mauerscharten und die Atmosphäre vorher nie gesehener Räume Scharen von Pilgern an, Gläubige genauso wie Architekturinteressierte. Und gegen die überkommenen Regeln sakraler Baukunst tun sie, was der Architekt Le Corbusier empfiehlt - schauen und staunen:

//Ich selbst habe die Kunst fern aller Schulen und geregelter Studiengänge kennen gelernt. Aus dieser persönlichen Passion erwächst Ästhetik, der wahre Sinn für Skulptur. Im Zusammenspiel mit dem Verstand ergibt das eine überwältigende Einfachheit - deren Reichtum aber jeder erkennt, der zu sehen und zu entdecken versteht./
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