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22.1.2005
Vor 100 Jahren löst der "Petersburger Blutsonntag" die russische Revolution von 1905 aus
Von Ruth Jung

Von jeher waren die Volksmassen davon überzeugt gewesen, dass das Land niemandem gehöre, dass es 'Gottes Land' sei, und dass der natürliche Besitzer des Landes nur der sein könne, der es auch bearbeite. Diese Auffassung geht wie ein roter Faden durch die Geschichte des russischen Volkes; (...) seit der Bauernbefreiung gehörte die Losung in jedes revolutionäre Programm. Und diese Hoffnungen hallten wider in der Revolution des Jahres 1905 (...)

so Wera Figner in ihren Lebenserinnerungen Nacht über Russland. Die1852 geborene Sozialistin schildert eindrücklich die Zustände, mit denen sie als eine der ersten Ärztinnen Russlands hautnah konfrontiert war. Ende des 19. Jahrhunderts herrschten im riesigen Zarenreich noch Verhältnisse wie in anderen Ländern Europas zur Zeit des Feudalabsolutismus. Während dort die absolutistischen Regime in der Folge der Französischen Revolution längst hinweggefegt worden waren, verteidigte das Zarentum mit despotischer Härte seinen Herrschaftsanspruch. Die 1861 verfügte Entlassung der Bauern aus der Leibeigenschaft änderte nichts daran; mangels Grundbesitz und durch überhöhte Pachtzinsen gerieten sie in neue Bedrängnis. Eine enorme Landflucht setzte ein, befördert durch die rasant fortschreitende Industrialisierung. 1905 hatte die Hauptstadt Sankt Petersburg 1,5 Millionen Einwohner. Ein Heer von Arbeitern schuftete unter unmenschlichen Bedingungen in den großen Eisenwerken. Massenstreiks und die Niederlagen im Russisch-Japanischen Krieg schwächten zusehends die Macht des Zarentums.

Die Revolution ist ausgebrochen (...) Auf beiden Seiten wird getötet. Der Widerspruch besteht in der Tatsache, dass man, wie immer, Gewalt mit Gewalt vereiteln will,

notierte Leo Tolstoi am Abend des 22. Januar 1905 in sein Tagebuch - nach dem alten russischen Kalender schrieb man den 9. Januar. Doch der berühmte Autor von Krieg und Frieden irrte, denn die Menschen, die Zar Nikolaus dem Zweiten an jenem Sonntag eine Bittschrift hatten übergeben wollen, waren unbewaffnet:

Das Bild, das sich bot, war so, dass in mir als rechtgläubigem Christen, der unserem (...) Zaren treu ergeben ist und der an der vaterländischen Tradition der Vereinigung des selbst herrschenden Zaren mit dem ihm ergebenen Volke hängt, keinerlei Zweifel blieb, dass man nicht wagen würde zu schießen,

beschreibt ein Augenzeuge die Szene. Etwa 200.000 sonntäglich gekleidete Menschen hatten sich auf dem weiten Platz vor dem Winterpalais versammelt. Angeführt von einem Popen, trugen sie Heiligenbilder und Kruzifixe mit sich und boten eher das Bild einer Prozession, als das einer politischen Demonstration. Doch Nikolaus der Zweite zeigte sich nicht einmal den Massen; er hatte Petersburg verlassen.

Herrscher! Wir, die Arbeiter der Stadt Petersburg, unsere Frauen, Kinder und hilflosen greisen Eltern, sind zu Dir gekommen, Wahrheit und Schutz zu suchen,

begann ihre Bittschrift.

Wir sind verelendet, wir werden unterdrückt, mit schwerer Arbeit belastet, man beschimpft uns, (...) Wir haben alles geduldig ertragen, aber wir werden immer tiefer in den Abgrund des Elends, der Rechtlosigkeit und Unwissenheit gestoßen. (...) Für uns ist jener furchtbare Augenblick eingetreten, wo der Tod besser ist als die Fortsetzung der unerträglichen Leiden. Und nun haben wir die Arbeit niedergelegt und unseren Unternehmern erklärt, dass wir sie nicht eher wieder aufnehmen werden, bis sie unsere Forderungen erfüllt haben (...)

Sie forderten den Achtstundentag, Lohnerhöhung, Presse- und Redefreiheit sowie die Einberufung eines Parlaments. Großfürst Wladimir, Generalgouverneur von Petersburg und Bevollmächtigter des Zaren, gab den Schießbefehl. Von 96 Toten und 330 Verwundeten sprach die Regierung, Zeitungsberichte nannten 4600 Tote, aber auch diese Zahl gilt als zu niedrig. Das Massaker an den Petersburger Arbeitern war das Signal: eine Streikbewegung ungeahnten Ausmaßes durchzog das Land, mit dem Aufstand der Matrosen auf dem Panzerkreuzer "Potemkin" erreichten die Proteste im Juni 1905 einen Höhepunkt. Welche Bedeutung der 22. Januar für die revolutionäre Bewegung haben würde, begriff der im Exil lebende Leo Trotzki sofort. Wenige Tage später reiste er lange vor Lenin unter falschem Namen zurück in die Heimat.

Die Revolution von 1905 brachte einen Umschwung im Leben des Landes, im Leben der Arbeiterpartei und in meinem persönlichen Leben. Der Umschwung vollzog sich in der Richtung zur Reife (...),

resümiert Trotzki die Ereignisse. Tatsächlich sollte sich die Revolution von 1905 als Generalprobe für die Revolution von 1917 erweisen.

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