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23.1.2005
Das israelische Parlament proklamiert den Westteil Jerusalems zur Hauptstadt Israels
Vor 55 Jahren
Von Ruth Fühner

Menschenkette gegen den von Scharon geplanten Abzug aus dem Gaza-Streifen (Bild: AP)
Menschenkette gegen den von Scharon geplanten Abzug aus dem Gaza-Streifen (Bild: AP)
Jerusalem, Goldene Stadt des Friedens - 2000 Jahre lang beteten die in alle Welt versprengten Juden um die Rückkehr in die Stadt Davids. Ins Politische gewendet, las sich ihre Sehnsucht bei David Ben Gurion, dem Gründervater des Staates Israel, folgendermaßen:

Jerusalem ist das Herz der Herzen Israels ... Der Staat Israel hatte und wird nur eine Hauptstadt haben - das ewige Jerusalem.

Dieser Ansicht war Ben Gurion nicht immer gewesen. Vor der Staatsgründung 1948 war er durchaus bereit, auf die Souveränität über Jerusalem zu verzichten. Im Tausch für die diplomatische Anerkennung des geplanten Staates erklärten sich die Zionisten bereit, den internationalen Status Jerusalems anzuerkennen, den die UNO-Resolution von 1947 festlegte. Über den Grund schreibt der Historiker Bernard Wasserstein:

Gegenüber der Heiligen Stadt hatten die Zionisten immer unterschwellig eine feindselige Haltung an den Tag gelegt. Sie sahen in Jerusalem das Symbol für Konservativismus, Unproduktivität und Antizionismus.

Das genaue Gegenteil des alten Jerusalem war - und ist noch - das moderne Tel Aviv. Dort tagte denn auch das erste israelische Parlament, die Knesset. Doch im Palästina-Krieg, der sich der Staatsgründung anschloss, marschierte Jordanien in Ost-Jerusalem ein, das im UN-Teilungsplan eigentlich für die Palästinenser reserviert war. Der Plan einer Internationalisierung der Stadt war damit erledigt; die Reaktion Israels blieb nicht aus.

Das Israelische Parlament nahm am Montag eine Vorlage an, durch die Jerusalem zur Hauptstadt Israels proklamiert wird.

Nicht mehr als knappe drei Zeilen war deutschen Zeitungen die Meldung vom 23. Januar 1950 wert. De jure wurde die Proklamation, die schließlich einen Bruch der UN-Resolution bedeutete, von der Staatengemeinschaft nie anerkannt. Dennoch verlegte Israel die Knesset nach Jerusalem. Als später auch noch das Außenministerium nach Jerusalem übersiedelte, reagierten die meisten Staaten, auch die USA, mit diplomatischem Boykott.

Zweieinhalb Monate nach der Hauptstadtproklamation durch die Israelis verleibte sich Jordanien Ostjerusalem ein - ein Akt, den sowohl die Palästinenser als auch die arabische Liga scharf verurteilten. Dem Waffenstillstand von 1949 zuwider wurden die Juden vom Besuch Ostjerusalems, der Altstadt und damit auch der Klagemauer ausgeschlossen.

Ein Jahr später, im Januar 1951, schrieb die "Neue Zeitung" über die Demarkationslinie im Herzen Jerusalems:

Hier ist echtes Niemandsland: ein unglaubliches Chaos von halbzerstörten Häusern, Stacheldraht und Haufen von Küchenabfällen, und inmitten dieses Durcheinanders ein paar erbärmliche Menschlein, die sich hier eingerichtet haben, weil sie nicht wissen, wohin.

Das Niemandsland verschwand im Sechstagekrieg von 1967, als Israel den Ost-Teil Jerusalems besetzte, eine weitere Verletzung des Völkerrechts, die die UN scharf, aber folgenlos verurteilten. Im Jahr 1980 tat Israel einen weiteren Schritt der Annexion. Es erklärte "das ganze und vereinigte Jerusalem" zur Hauptstadt.

Für die Palästinenser meldete Yassir Arafat zum ersten Mal 1988 in Algier einen Anspruch auf Jerusalem als Hauptstadt an.

Arafat: Im Namen Gottes und im Namen des palästinensischen Volkes verkünden wir die Gründung des Staates Palästina. Die heilige Stadt Jerusalem wird seine Hauptstadt sein.

Der Streit um Jerusalem ist eines der zentralen Probleme, an denen alle Friedenspläne bisher scheiterten. Der vorerst letzte, die so genannte road map sieht die Gründung eines Palästinenserstaats in diesem Jahr vor - mit Jerusalem als israelischer und palästinensischer Hauptstadt. Für die Regierung Scharon eine unannehmbare Forderung, denn sie sieht in Jerusalem die ewige Hauptstadt des jüdischen Volkes.

Scharon: Jerusalem war die ewige Hauptstadt des jüdischen Volkes und wird es immer bleiben

Über 400 Modelle für den Status Jerusalems, der unfriedlichen "Stadt des Friedens" sind bisher entwickelt worden. Die road map wird wohl kaum die letzte gewesen sein.
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