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30.1.2005
Vor 60 Jahren wird das Flüchtlingsschiff "Wilhelm Gustloff" versenkt
Von Wolfgang Stenke

Der Krieg wurde auch auf See geführt: Das Kriegsschiff Graf Spee (Bild: AP)
Der Krieg wurde auch auf See geführt: Das Kriegsschiff Graf Spee (Bild: AP)
Heinz Schön: Nach 62 Minuten ist die Gustloff gesunken, hatte 28 Grad Schlagseite. Die Menschen rutschten ins Wasser. Ich hatte in einem Floß gelegen. Ich wurde also von dem Wasser aus dem Floß herausgespült in die offene See.

Heinz Schön war 18 und sollte auf der "Wilhelm Gustloff" zum Zahlmeister ausgebildet werden, als sein Schiff, der Stolz der nationalsozialistischen Touristik-Organisation "Kraft durch Freude", am 30. Januar 1945, vollgestopft mit Flüchtlingen, von einem sowjetischen U-Boot torpediert wurde. In einem Telefoninterview hat er sich an die Nacht erinnert, in der die "Gustloff" unterging.

Etwa 100 Meter neben mir sank dann die Gustloff mit Festbeleuchtung, die Beleuchtung war noch einmal angesprungen - in die Ostsee, verschwand dann völlig, und an Bord mögen noch 1000 bis 1500 Menschen gewesen sein, am Oberdeck, die natürlich fürchterlich schrien, und diesen Schrei kann man zeitlebens nicht vergessen.

Rückblende auf die nationalsozialistische Vision eines totalitären Wohlfahrtsstaates: Kreuzfahrt mit der "Wilhelm Gustloff".

Reporter: Vom Sonnendeck, auf dem die Kapelle Weißenborn, unsere Bordkapelle spielt, geht es nun hinunter aufs Hauptpromenadendeck. Hier haben sich schon bei der Ausfahrt aus der Elbe in die Nordsee die Gruppen gesammelt und unter Führung von Karl Hannemann marschieren sie über das Promenadendeck.

Schiffsreisen nach Spanien, Norwegen oder Italien waren bis dahin ein Privileg der Oberschicht. "Kraft durch Freude" schien den Aufbruch des ganzen Volkes zu neuen Ufern möglich zu machen.

Als Hitler den Zweiten Weltkrieg auslöste, wurde aus dem Urlauber- ein Lazarettschiff. Danach stellte die Kriegsmarine die "Gustloff" als schwimmende Kaserne in Dienst.

Im Januar 1945 konnte von "Kraft durch Freude" keine Rede mehr sein: Die Rote Armee hatte Ostpreußen vom Reich abgeschnitten. Stalins Soldaten nahmen jetzt Rache für den Vernichtungskrieg der Wehrmacht. In den Häfen Ost- und Westpreußens saßen Hunderttausende fest. Um die Flüchtlinge zu evakuieren, bot die Kriegsmarine alles auf, was schwimmen konnte. Auch die "Gustloff" wurde in Gdingen wieder seetüchtig gemacht.

Am 30. Januar nahm das ehemalige Flaggschiff der KdF 4424 Flüchtlinge an Bord. Dazu verwundete Soldaten, Marinehelferinnen und Seeleute der Kriegsmarine - mit der Besatzung 6050 Menschen. Noch in letzter Minute drängten Tausende auf das Schiff, die nicht mehr registriert wurden. Gegen 13 Uhr trat die Gustloff ihre letzte Reise an. Das Ziel: Stettin. Auf der Ostsee herrschte Schneetreiben, Windstärke sieben, zehn Grad minus. Um 21.08 Uhr - auf der Höhe von Stolpmünde - erschütterten Explosionen den Schiffskörper. Drei Torpedos, abgefeuert von dem sowjetischen U-Boot S 13, waren in der vorderen Hälfte eingeschlagen. Die "Gustloff" begann zu sinken. An Bord brach eine Panik aus. - Eva Luck, damals 16, gehörte zu den 1239 Menschen, die die Katastrophe überlebten.

Eva Luck: Wir versuchten rauszukommen, um nicht an der Bauchseite des Schiffes irgendwie verwundet zu werden oder ins Wasser zu fallen aus sehr großer Höhe. Wie ich oben war, da setzte ich auch meine Schwester wieder hin, richtete mich auf, um meiner Mutter die Hand zu geben, und sah, wie der Schornstein des Schiffes sich mit Wasser füllte. Und wie ich mich meiner Muter zuwenden wollte, sah ich nur noch Wasser (...) und stieß dann ab, weil ich auch schon bis zu den Knien im Wasser stand.

Fast sechs Jahrzehnte später hat Günter Grass in der Novelle "Im Krebsgang" das Geschehen als "maritimen Totentanz" beschrieben:

Grass: Und nahbei sah Mutter (...) Treibende in ihren Schwimmwesten (...), die laut oder matt um Aufnahme in die Boote flehten (...). Aber schlimmer noch, sagte Mutter, sei es den Kindern ergangen: 'Die sind alle falsch runterjekommen vom Schiff, mittem Kopp zuerst. Nu hingen se in die dicken Schwimmwülste mitte Beinchen nach oben raus...

Der Träger des Literaturnobelpreises wollte verdeutlichen, dass nicht allein fanatisierte Parteigenossen mit dem Verlust von Heimat und Leben für den Angriffskrieg Hitlerdeutschlands bezahlt haben. Darauf verweist in Grass' Perspektive die Geschichte der "Wilhelm Gustloff". Ihr Wrack liegt heute in 45 Metern Tiefe auf dem Boden der Ostsee.

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