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1.2.2005
Vor 75 Jahren ordnete Stalin die Enteignung und Deportation der Kulaken an
Von Karl F. Gründler

Josef Stalin (Bild: AP)
Josef Stalin (Bild: AP)
Als Kulak wurde in Russland traditionell ein Bauer bezeichnet, der seinen in Not geratenen Nachbarn um Hab und Gut gebracht hatte. In den zwanziger Jahren bezeichneten die kommunistischen Behörden alle Groß- und Mittelbauern als Kulaken. Auch Witwen und alte Bauern fielen unter diese Kategorie, nur weil sie einen Knecht oder eine Magd beschäftigten.

Auf diese etwa 900.000 Bauernwirtschaften wurde ab 1927 erheblicher wirtschaftlicher Druck ausgeübt, wie der damalige Landwirtschaftsexperte der Deutschen Botschaft in Moskau, Otto Auhagen, berichtete, und zwar durch:

Steuern, Getreideauflagen, Vorenthaltung von Kredit, Saatgut, Geräten, Konsumwaren, durch Entziehung von Land oder Zuteilung geringwertigen Landes.

Viele Bauern müssen nun doppelt soviel Steuern zahlen. Um dem Stigma des Kulaken zu entkommen, verkleinern die Betroffenen oft ihre Anbaufläche und ihren Viehbestand.

Im Herbst 1929 wird es den Kulaken verboten, in die entstehenden Kollektive einzutreten, weil man dort ihre Meinungsführerschaft fürchtet. So wettert die Zeitschrift "Bolschewik" gegen Großbauern, die sich den politischen Verhältnissen anzupassen suchen.

Eine solche Taktik des Kulaken ist berechnet auf die Abstumpfung der Klassenunversöhnlichkeit...auf das Säen einer naiv-dummen Illusion, dass nicht alle Kulaken gleich seien, dass es auch 'ehrenwerte' sowjetische Kulaken gebe. Die soziale Mimikrie des Kulaken ist ein Mittel, das von ihnen angewandt wird mit dem Ziel, die Stoßzähne der Ausbeutung zu erhalten.

Angesichts des wirtschaftlichen und politischen Drucks flüchten im Herbst 1929 über 10.000 deutschstämmige Kolonisten nach Moskau, um weiter nach Deutschland auszuwandern. Ein Teil darf nach längerem bürokratischen Tauziehen mit den sowjetischen Behörden emigrieren. Die anderen werden in ihre Heimatdörfer zurückverfrachtet. Ende Dezember 1929 ruft Stalin selbst zum verschärften Kampf gegen die Kulaken auf.

Um das Kulakentum als Klasse zu verdrängen, muss man den Widerstand dieser Klasse in offenem Kampf brechen und ihr die Quellen ihrer Existenz und Entwicklung in der Produktion (freie Bodennutzung, Produktionsinstrumente, Pacht, Recht auf Anwendung von Lohnarbeit usw.) entziehen.

Am 1. Februar 1930 wird das dazu notwendige Gesetz vom Zentralen Exekutivkommitee beschlossen. Die sogenannten Kulaken sollen sämtlichst enteignet und aus Ihren Dörfern vertrieben werden. Sie werden auf schlechte Äcker in der Umgebung umgesetzt oder in den hohen Norden deportiert. So heißt es in einem Verschickungsbefehl an eine Bauernfamilie:

Zur Vorbereitung auf die Aussiedlung der Familie wird Ihnen eine eintägige Frist gewährt, wobei Sie das Recht haben, Geld bis zu 500 Rubel mitzunehmen, ferner Verpflegung auf 2 Monate, Hausgeräte, Handwerkszeug, Winter- und Sommeranzug und Wäsche.

Die Deportationen fanden unter chaotischen Umständen statt. Ein Augenzeuge berichtet aus Westsibirien:

Die Bewegung im Dorf war groß, alles schrie und weinte vom kleinsten Kind bis zum grauen Haar. ... Die Leute zitterten vor Frost und Aufregung. ...Spaten, Beil, Säge, Sichel, und Sense sollte jeder mitnehmen, denn sie sollten sich im Urwald Hütten machen...

Innerhalb von nur sechs Wochen werden 10 Millionen, das heißt ein Drittel Bauernhöfe in der Sowjetunion kollektiviert. Geheimpolizei und Armee deportieren gleichzeitig über zwei Millionen Menschen in ferne, zumeist arktische Gebiete. 2,5 Millionen Menschen werden innerhalb der Heimatregion umgesiedelt. Seuchen, Hunger und Entkräftung fordern dabei über 300.000 Todesopfer.

Die gewachsenen bäuerlichen Strukturen sind zerstört, die Menschen auf dem Lande entmutigt. So schreibt der Landwirtschaftexperte Otto Auhagen Ende März 1930 an das Außenministerium in Berlin:

Der Viehbestand hat eine geradezu katastrophale Verminderung erfahren; wahrscheinlich ist er seit einem Jahre auf weniger als die Hälfte zusammengeschmolzen. ... Der Mangel an Fleisch, Milch, Butter und Eiern wird sich in diesem Jahre auch für die Stadt in empfindlichster Weise verschärfen.

In den folgenden beiden Jahren kann infolge günstiger Witterung eine fast durchschnittliche Ernte eingefahren werden. Dann führen Deportationen, Viehmangel und bürokratische Misswirtschaft zur Katastrophe. 1932-1934 verhungern in der Sowjetunion etwa sechs Millionen Menschen.

Literatur:

Prof. Dr. Otto Auhagen "Die Schicksalswende des Russlanddeutschenbauerntums in den Jahren 1927-1930, Leipzig 1942

Manfred in Hildermeier "Stalinismus und Terror" in Osteuropa 6/2000 s. 593-605

Stephan Merl: "Die Anfänge der Kollektivierung in der Sowjetunion" Wiesbaden 1985
"Bauer unter Stalin" Berlin 1990
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