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19.2.2005
Verlustreiches "Inselspringen"
Vor 60 Jahren begann die Eroberung der Insel Iwo Jima
Von Ole Schulz

US-amerikanische Truppen landen im Februar 1945 auf der japanischen Insel Iwo Jima (Bild: AP Archiv)
US-amerikanische Truppen landen im Februar 1945 auf der japanischen Insel Iwo Jima (Bild: AP Archiv)
Dass der Zweite Weltkrieg Tod und ungeahntes Leid über den europäischen Kontinent gebracht hat, ist allgemein bekannt. Weniger bekannt dürfte aber das Ausmaß der Zerstörung sein, die der Krieg im pazifischen Raum zur Folge hatte.
Nach dem Angriff der Japaner auf Pearl Harbor im Dezember 1941 waren es die US-Amerikaner, die gegen das mit den Deutschen verbündete Japan in den Krieg zogen. Es war ein verlustreicher Kampf, der als "Inselspringen" in die Geschichte einging. Einer der letzten großen Schlachten des Pazifik-Kriegs war die Eroberung der Insel Iwo Jima durch die US-Truppen, die heute vor 60 Jahren begann.


Es ist der Morgen des 19. Februar 1945. Auf der Insel Iwo Jima landen insgesamt 30.000 Mann der US-Marineinfanterie. Ein Radioreporter berichtet von einem Zerstörer aus, einige hundert Meter vor der Küste, über die Invasion:

Ohne größere Probleme erreichen die US-Marines den Strand. Doch nach 20 Minuten eröffnen die Japaner - 22.000 Soldaten unter Generalleutnant Kuribayaschi - das Feuer aus gut gesicherten Geschützständen. Was folgt, sind die bis dahin blutigsten Kämpfe des Pazifik-Krieges. Und es wird über einen Monat dauern, bis die Amerikaner die nur 20 Quadratkilometer große Insel Iwo Jima erobert haben.

Iwo Jima - die kleine, felsige Vulkaninsel im Zentralpazifik, rund 700 Seemeilen südlich von Tokio, war für die Amerikaner im Krieg gegen Japan von großer strategischer Bedeutung. Hier sollte das so genannte "Inselspringen" der Amerikaner seinen Abschluss finden und der Angriff auf die japanischen Hauptinseln beginnen. Von Iwo Jima und der Nachbarinsel Okinawa aus wollten die Amerikaner ihre Luftangriffe gegen japanische Städte fliegen. Allerdings erwies sich die Eroberung der Insel schwieriger als erwartet.

Den amerikanischen Truppen stehen erheblich mehr japanische Soldaten gegenüber, als sie angenommen hatten; zudem werden diese angeführt von einem der fähigsten Militärführer Japans - dem Generalleutnant Kuribayaschi. Kuribayaschi hatte die Zivilbevölkerung evakuieren lassen und die ganze Insel zu einer Festung gemacht - mit Bunkern, ausgebauten Höhlen und unterirdischen Verbindungswegen.

So kommt es, dass sich die Amerikaner buchstäblich nur meterweise vorkämpfen können. Vier Tage nach der Landung wird der Berg Suribachi an der Südspitze Iwo Jimas nach schweren Kämpfen eingenommen.

Mit der Eroberung des Gipfels ist die größte Gefahr im Rücken der Amerikaner ausgeschaltet. Als Zeichen des Triumphs folgt ein symbolischer Akt, der kurz darauf weltbekannt wird und der seither mit dem Kampf um Iwo Jima unlösbar verbunden ist.

Es ist der Fotograf Joe Rosenthal von der Associated Press, der den historischen Augenblick für die Ewigkeit festhält, als mehrere Soldaten auf dem Suribachi die US-Flagge hissen.

Rosenthals Schnappschuss macht in seiner Heimat Furore und wird zu der Ikone der Kriegsfotografie; allein bis zum Ende des Kriegs wird das Bild über fünf Millionen Mal auf Postern und Karten reproduziert.

Allerdings hat das Foto einen Schönheitsfehler: Wie man heute weiß, wurde es zwei Stunden nach dem eigentlichen Hissen der Flagge mit einer anderen Flagge [als "tableau vivant"] nachgestellt. Dem Erfolg des Fotos schadete das freilich nicht zu sehr eignete es sich als Inbild des Sieges der Amerikaner.

Joe Rosenthal erhält für das Bild den Putlitzer-Preis, und Präsident Eisenhower enthüllt 1954 auf dem Washingtoner Arlington Friedhof schließlich eine dem Foto nachgeahmte monumentale Skulptur. [Mit einer Höhe von knapp 25 Metern ist sie die größte Bronzeskulptur der Welt.]
Auf Iwo Jima war der blutige Kampf jedoch noch lange nicht vorbei. Erst Ende März 1945 gelang die letzte Bastion in amerikanische Hand.
Der Grund: Der besondere Ehrenkodex der Japaner erlaubte es nicht, sich dem Gegner zu ergeben. Weil die Gefangenschaft für die japanischen Soldaten die größte Schmach bedeutete, gingen viele von ihnen lieber in den Tod.

Entsprechend schrecklich fiel die Bilanz aus:
Während die Amerikaner über 6.000 gefallene Soldaten und rund 17.000 Verwundete zu beklagen hatten, gingen nur 216 Japaner in Gefangenschaft - mehr als 20.000 hatten bei der Verteidigung Iwo Jimas ihr Leben gelassen.

Im Nachhinein wissen wir, dass der hohe Preis, den Amerikaner wie Japaner zahlten, militärisch überflüssig war. Denn der Plan der Amerikaner, auf den japanischen Hauptinseln zu landen, wurde nie umgesetzt.
Stattdessen führte der Abwurf der Atombomben über Hiroshima und Nagasaki Anfang September 1945 zur Kapitulation Japans.
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