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15.2.2005
Oper in einer operlosen Zeit
Vor 40 Jahren hatte die Zimmermann-Oper "Die Soldaten" Premiere
Von Frieder Reininghaus

"Wozzeck" an der Sächsischen Staatsoper Dresden: Die Sozialkritik von Alban Berg und Georg Büchner nahm Zimmermann zum Vorbild für seine "Soldaten". (Bild: AP)
"Wozzeck" an der Sächsischen Staatsoper Dresden: Die Sozialkritik von Alban Berg und Georg Büchner nahm Zimmermann zum Vorbild für seine "Soldaten". (Bild: AP)
Wer sich um 1960 zur Partei des musikalischen Fortschritts bekannte - wer gar als einer ihrer Anführer fungieren wollte - der verfiel kaum auf die Idee, eine Oper zu schreiben. Weder Karlheinz Stockhausen noch Pierre Boulez, John Cage oder Dieter Schnebel dachten damals daran, den herrschenden Musiktheaterbetrieb zu beliefern - Anton Webern, das große Vorbild bis dahin, hatte es ja auch nicht getan.

Von den entschieden Modernen wagte sich allein Bernd Alois Zimmermann an ein Werk, das an die Dimensionen der im 19. Jahrhundert entwickelten Großen Oper und an ästhetische Erfahrungen der Zeit zwischen den Kriegen anknüpfte. Zimmermann wählte, als die Wellen der Auseinandersetzung über die Wiederaufrüstung der Bundesrepublik hoch schlugen, ein Drama des Sturm- und Drang-Dichters Jakob Michael Reinhold Lenz als Grundlage für das von ihm selbst arrangierte Libretto: "Die Soldaten".

Nach der Konstituierung der beiden deutschen Nachkriegsstaaten galt die Oper im Avantgarde-Milieu zunächst als obsolet, reaktionär und ästhetisch verkommen. Neue Kammermusik stand hoch im Kurs des Neuen Markts - der Maestro-Kult à la Toscanini oder Karajan, die röhrenden Tenorhirsche und schrill gealterte Primadonnen sollten in der Mottenkiste verschwinden.

Doch dann erschien, dirigiert von einem Mann des dezidierten Fortschritts - Michael Gielen - dieses Werk auf dem Plan und sorgte mit seiner spezifischen Gemengelage für Irritation, Widerspruch und Begeisterung. Dem historischen Sujet der Lenzschen "Soldaten" war eine radikal moderne musikalische und szenische Montage-Technik zugewachsen. Das gesamte kompositorische Material rekurrierte auf eine einzige symmetrische Allintervall-Zwölftonreihe und die vielfältigen Ableitungen dienten großformatigen Simultanszenen. In ihnen flossen Sprache, Gesang, Instrumentalgewebe, Tonband-Zuspielungen mit Geräusch- und Sprachklängen zum "pluralistischen Zeit- und Erlebnisstrom" zusammen; Bildkonzeptionen, Filmeinblendungen, Ballett und Pantomime kamen hinzu.

Damit hatte sich der Kölner Komponist Zimmermann in keiner Weise um das Reinheitsgebot der Darmstädter Schule und den von ihr ausgehenden Dogmatismus der Serialität geschert. Ohnedies hatte er ja Hörspiel-, Film- und Bühnenmusik komponiert und diese bis dahin wenig geachteten Disziplinen nobilitiert, indem er sie an der Kölner Musikhochschule lehrte.

Auch für die Institution Oper bedeutete das 1958 begonnene Werk "Die Soldaten" eine bis dahin nicht gekannte Herausforderung: Die Grenzen des musiktheatralisch Möglichen waren derart überdehnt oder sogar gesprengt, dass zunächst niemand an eine Realisierung glauben wollte. Hans Neugebauer wagte sich dann doch an diese Oper, die die Bühnen der Stadt Köln in Auftrag gegeben hatten. Doch die Uraufführung musste wegen der immensen technischen Schwierigkeiten noch mehrmals verschoben werden, bis sie - mit tief gespaltener Resonanz - am 15. Februar 1965 endlich stattfinden konnte. Bernd Alois Zimmermanns großes musiktheatralisches Experiment gehört inzwischen zu den viel gespielten Opern des 20. Jahrhunderts und gilt als eines der Schlüsselwerke der neueren Musikgeschichte.
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