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6.3.2005
Lebenswerk: Seeflotte
Vor 75 Jahren starb Großadmiral Alfred von Tirpitz
Von Bernd Ulrich

Kaiser Wilhelm II hob 1900 Alfred von Tirpitz in den Adelsstand (Bild: AP)
Kaiser Wilhelm II hob 1900 Alfred von Tirpitz in den Adelsstand (Bild: AP)
Heute vor 75 Jahren starb Großadmiral Alfred von Tirpitz. Die Karriere dieses Marineoffiziers und Politikers im wilhelminischen Reich war atemberaubend. Bereits mit 32 Jahren vorzeitig zum Korvettenkapitän befördert, war er schon vor 1900 maßgeblich beteiligt an der Entwicklung der Torpedowaffe. Sein eigentliches Lebenswerk jedoch gipfelte in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg im Aufbau einer deutschen Schlachtflotte.

Am 1.April 1939 kam Adolf Hitler nach Wilhelmshaven, um dem Stapellauf des gewaltigen Schlachtschiffes "Tirpitz" beizuwohnen. Der Taufakt wurde von der Tochter des neun Jahre zuvor verstorbenen Namensgebers vollzogen. Eine diffizile Angelegenheit, denn die Tirpitztochter war mittlerweile die Gattin des Diplomaten Ulrich von Hassell, einem erklärten Gegner Hitlers. Aber der Name Tirpitz war propagandistisch zu wertvoll, um daran den Taufakt scheitern zu lassen.

Wer war dieser Alfred von Tirpitz, der bis weit in die sechziger Jahre hinein nicht nur Schiffen und Kasernen, sondern auch Straßen und Plätzen den Namen gab?

Geboren am 19. März 1849 in Küstrin, dem heutigen Kostrzyn, gestorben fast auf den Tag genau 81 Jahre später, am 6. März 1930 in Ebenhausen bei München. 1900 von Wilhelm II in den Adelsstand erhoben, Preußischer Staatsminister und Großadmiral.

Ein langes Leben. Es umfasst drei deutsche Verfassungen und Staatsformen, das Königreich Preußen, das Deutsche Kaiserreich, die so ungeliebte Republik von Weimar - und einen Weltkrieg. Wie ein roter Faden zieht sich ein Plan durch dieses von Durchsetzungskraft geprägte Leben: der Aufbau einer deutschen Schlachtflotte. Sie sollte den Anspruch des wilhelminischen Deutschlands auf Weltgeltung stützen, ja, sie eigentlich erst ermöglichen. Treu dem Tirpitzschen Motto, dass "weltpolitisch vielseitig nur die Seemacht" sei.

Nur durch starke Berührung mit der See können wir den für uns nötigen weltumpannenden geistigen Horizont gewinnen. Ich meine nicht den im Himmel! Oder im Abstrakten! Sondern den für Erdenmenschen notwendigen hier auf der Erde."

Wo solche glasklaren Interessenlagen formuliert wurden, waren die Neider nicht weit:

Noch ehe wir eine in Betracht kommende Seemacht hatten, noch ehe ein Flottengesetz da war, das ist festzuhalten, tat sich eine politische Gruppe in England zusammen, die auf ihre Fahne schrieb: Germaniam esse delendam!

"Deutschland als verfolgende Unschuld", so sollte Karl Kraus bald darauf eine solche Logik nennen. In einem gigantischen Flottenbauprogramm gelang es seit 1898 bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs die deutsche zur zweitgrößten Flotte der Welt aufzurüsten. Um die Öffentlichkeit für dieses Programm der Maßlosigkeit zu gewinnen, setzte Tirpitz auf Lobbyarbeit und Propaganda. Sie vor allem sollte Begeisterung und Verständnis für die "Blauen Jungs" und ihr Kriegsgerät wecken. Dass dies gelang, unter anderem durch den 1897 gegründeten "Flottenverein", davon kündete vor allem der Matrosenanzug, der sich als Bekleidungsstück für Kinder und Jugendliche flächendeckend durchsetzte.

Die wenigen Kritiker, wie der damalige deutsche Botschafter in London, Graf Wolff-Metternich, wurden nicht müde, nach dem eigentlichen Sinn der deutschen Flottenvermehrung zu fragen. So in einer Denkschrift vom 12.Januar 1912:

Wo liegt für uns die Notwendigkeit, den Gegensatz zu England künstlich zu verschärfen, wenn wir doch nicht sein Erbe antreten können? Wir setzen alles aufs Spiel, ohne zu wissen, was wir gewinnen wollen oder können.

Die Schlachtflotte geriet so zu einem Teil der deutschen Eskalationsstrategie, die nicht allein, aber doch entscheidend den Ersten Weltkrieg mit verursachte. In ihm betrieb Tirpitz hinter den Kulissen erfolglos seine Ernennung zum Oberbefehlshaber der Marine und öffentlich den totalen Einsatz aller maritimen Kriegsmittel.

Der gewaltige Kampf, den Deutschland jetzt führt, geht nicht um Deutschland allein. Er geht in Wahrheit um die Freiheit des europäischen Kontinents und seiner Völker gegen die allesverschlingende Tyrannei des Anglo-Amerikanismus. Deutschland kämpft für ein großes Ideal, deshalb möchte ich in alle Gauen unseres Vaterlandes hinausrufen: Deutschland, wach auf! Deine Schicksalsstunde ist gekommen.//

Doch Tirpitz` spielte in dieser "Schicksalsstunde" - ebenso wie die von ihm geschaffene Schlachtflotte - keine wirklich wichtige Rolle mehr. Bis auf das Seegefecht im Skagerrag blieben die mächtigen Linienschiffe und Schlachtkreuzer in den Häfen. Am 15. März 1916 trat Tirpitz von allen Ämtern zurück.

Sein Ruhm aber, sein Einfluss und seine Popularität hielten an. Er nutzte sie politisch rücksichtslos aus. Im Herbst 1917 gründete er zusammen mit Wolfgang Kapp die "Deutsche Vaterlandspartei", ein Sammelbecken nationalistisch-radikaler Gesinnung. Nach 1918 engagierte er sich in der Deutschnationalen Volkspartei, riet dem greisen Feldmarschall Hindenburg zur Kandidatur für das Reichspräsidentenamt und blieb populäre Figur der nationalen Rechten. Deren Anhänger zählten nicht quasi automatisch zu Hitlers Paladinen; seinem Aufstieg aber bereiteten sie den Weg.
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