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29.9.2004
Quote für deutsche Popmusik?
Von Rainer Pöllmann

"Deutsche Künstler haben ein Recht darauf, gehört zu werden", sagt Gerd Gebhardt, der Vorstandsvorsitzende des Bundesverbandes der Phonographischen Wirtschaft. Der Satz hat es in sich. Nur: Von wem spricht der Mann eigentlich?

Was ist das, diese ominöse "deutsche Musik", die durch eine Quote vor dem Untergang geschützt werden soll? Ist es deutschsprachige Musik? Musik von Deutschen? Musik aus Deutschland? Sind die Scorpions aus Hannover, die englisch singen, Teil der "deutschen Musik"? Ist Hans Werner Henze, der seit einem halben Jahrhundert in Italien lebt, ein deutscher Komponist? War die Bertelsmann Music Group, Sitz des Mutterhauses: Gütersloh, bis zu ihrer Fusion mit Sony eine "deutsche" Plattenfirma? Die Frage nach der "deutschen Musik" ist gar nicht so leicht zu beantworten. Jeder sucht sich seine Lieblings-Teilfördermenge heraus, der die Quote zugute kommen soll.

Dem Anspruchsvollen. Dem Unbekannten. Dem Querständigen. Der Avantgarde. So naiv kann keiner sein, zu glauben, eine vorgeschriebene Quote würde nicht mit den größten (deutschen) Hits der 70er, 80er und 90er gefüllt. Bliebe noch der viel zitierte "Nachwuchs". Ja, junge Künstler haben es schwer. Aber gerade der Riesenerfolg von Inga Humpes Zweiraumwohnung, von "Wir sind Helden" oder den Sportfreunden Stiller spricht doch gegen die These von der ewig unterdrückten deutschen Popkultur.

Natürlich gibt es auch einige ernst zu nehmende Gründe für die Quote. In Zeiten der Globalisierung des Pop ist die regionale Kultur von entscheidender Bedeutung. Der leidenschaftliche Appell des ehemaligen französischen Kulturministers Jacques Toubon bei der heutigen Anhörung im Bundestag sollte einen nicht kalt lassen. Aber auch nicht seine Begründung: Der Verkauf von einheimischen CDs stieg in 10 Jahren um 150 Prozent. Damit sind wir beim ökonomischen Kern der Sache. Die Quote ist (auch) Wirtschaftsförderung. Die Medien, deren Freiheit durch die Verfassung garantiert ist, sollen die heimische Wirtschaft unterstützen. Man muss kein Ordoliberaler sein, um dieses Konzept fragwürdig zu finden.

Das soll nicht heißen, dass die Medien über jede Kritik erhaben wären. In dieser Woche kommen acht der zehn meistverkauften Alben aus Deutschland - in den meisten Programmen spiegelt sich dieser Erfolg nicht wider.

Niemand nimmt den Rundfunksendern die redaktionelle Verantwortung ab für das, was sie tun und senden - oder eben nicht. Die Bewertung, was wichtig ist und was Marketing-Müll - diese Aufgabe kann den Sendern keine Quote abnehmen. Von qualitativen Maßstäben ist in dieser ganzen Diskussion allerdings nicht die Rede. Es geht um den Herkunftsnachweis.

DeutschlandRadio Berlin übrigens steht in dieser Frage gut da. Hochwertige deutsche Musik ist in diesem Programm reichlich vertreten.
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