Kommentar
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5.10.2004
Karstadt oder VW - Streit oder Lösungen
Von Ernst Rommeney

Die Arbeitslosenzahlen sinken und die Ausbildungsplätze nehmen zu. Der Trend erfreut. Doch das Bangen bleibt. Zwar mag die Konjunktur den Arbeitsmarkt nicht mehr schwächen, aber sie belebt ihn noch lange nicht. Zu sehr ist sie immer noch gespalten zwischen einem erfolgreichen Exportgeschäft und einer müden Binnennachfrage.

Die Prognosen nähren gute Hoffnung. Doch die Unsicherheit scheint mit Händen zu greifen. Lassen wir die stete Terrorgefahr beiseite. Der Dollar ist teuer geworden und die Rohstoffpreise - ob fürs Öl oder für Erze - explodieren. Das verschärft den Wettbewerb auf den heimischen wie auf den internationalen Märkten.

Mancher begrüßt den harten Preis- und Kostendruck als Zuchtmeister für Betriebe und Gesellschaft. Doch gerade der Strukturwandel in Deutschland braucht die externen Wachstumsimpulse. Denn er selbst wirkt hier und heute wahrlich nicht als lebende Konjunkturspritze.

Die Finanzminister spüren dies an den Steuereinnahmen. Die öffentlichen Kassen schreiben ein Rekorddefizit. Ein Automobilbauer wie VW merkt es an seinen preisbewussten Kunden. Ein Konzern wie KarstadtQuelle knickt unter der Dauerkrise des Einzelhandels ein.

An der Bauwirtschaft können wir studieren, wie lang und zermürbend der Kampf ums Überleben wird, wenn eine Branche ein Zuviel an Kapazitäten abbauen muss. Wir erinnern uns noch an den Baulöwen Phillipp Holzmann. Es muss ja nicht gleich zum Konkurs führen. Aber - vom Mittelstand aus gesehen - kann es nicht schaden, wenn Konzerne, so wie sie sich aufblähen, auch wieder schrumpfen müssen.

Sie alle zahlen heute für die Fehler von gestern. Darum diskutieren wir die Gesundheitsreform und starten in eine neue Phase der Arbeitsvermittlung. Darum entwerfen die Tarifpartner der öffentlichen Hand ein neues Dienstrecht für Beamte. Darum verhandeln sie bei Karstadt über das Sanierungskonzept und bei VW über einen bescheidenen Tarifvertrag - wie zuvor schon bei DaimlerChrysler und anderswo auch.

Es wäre schön, wenn sich die Stimmung hierzulande dreht - vom missgelaunten Abwarten, über wütende Proteste zu einer positiven Haltung. Denn ohne Optimismus wird auch dieser wirtschaftliche Aufschwung nicht lange tragen. Immer wieder sagen Umfragen, im Grunde seien die Menschen bereit gesellschaftliche Reformen mitzutragen, mehr zu arbeiten oder auf Geld und Luxus zu verzichten, wenn sie damit auch etwas bewirken können.

Und darin liegt die Chance der so unterschiedlichen Verhandlungen von Gewerkschaften und Management bei Volkswagen und Karstadt. Sie können Lösungen finden. Genau das hat VW mit seinem Personalvorstand Peter Hartz ja immer wieder vorgemacht. Durchdachte Lösungen sichern den Beschäftigten ihr monatliches Einkommen und zugleich den Arbeitsplatz.

Und so wird indirekt auch die Konjunktur gestärkt. Abgehobene Diskussionen aber über Niedrig- oder Mindestlöhne, Kündigungsschutz oder Arbeitszeiten schaden nur, weil sie kein Ergebnis bringen. Scharfmacherei gar stärkt vielleicht das eigene Ego, vergiftet aber jeden guten Willen und lähmt am Ende wirtschaftliches Wachstum.
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