Kommentar
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11.10.2004
Schröder in Kabul
Von Michael Groth

Das Angebot des Kanzlers ist wohlfeil: Solle nicht der bisherige Amtsträger Karsai sondern ein Anderer als Sieger aus der Präsidentschaftswahl dieses Wochenendes hervorgehen, dann werde der deutsche Regierungschef auch diesen Mann demnächst besuchen.
Als wüsste nicht jeder, das es zum Pashtunen Karsai in Afghanistan derzeit keine Alternative gibt. Karsai ist der Mann des Westens, und der Westen führt die Geschäfte am Hindukusch; jedenfalls die Staatsgeschäfte.

Solange Bin Laden und führende Taliban sich unentdeckt im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet aufhalten, solange werden die Vereinigten Staaten ihren "enduring freedom" überschriebenen Kampf gegen die Terroristen fortsetzen. Dies können sie nur, wenn eine ihnen wohl gesonnene Regierung in Kabul ihre Aktionen unterstützt. Da trifft es sich, das die Männer, die amerikanische Spezialeinheiten sowie die afghanische Armee suchen, Feinde der USA wie jedes Afghanen sind, dem Freiheit und Demokratie etwas bedeuten.

Die wichtigsten Entscheidungen des Präsidenten werden von Botschafter Khalilzad koordiniert, dem verlängerten Arm des Weißen Hauses in Kabul. Schon vor der Wahl vom Sonnabend war klar, dass der Sieger nur Karsai heißen konnte und sollte. Der Wahltermin am Sonnabend hatte für die USA zudem innenpolitische Bedeutung. Während George W. Bush im Irak die Felle wegschwimmen, muss er an der anderen Anti-Terror-Front unbedingt einen Erfolg vorweisen: Der heißt Karsai und ist, wenn denn in einigen Wochen alle Stimmen ausgezählt sind, der demokratisch gewählte Staatschef in Afghanistan.

Aber was heißt in jener Weltgegend schon demokratisch? Die Kritiker, die auf Unregelmäßigkeiten vor, während und nach der Wahl verweisen, haben ja Recht. Nach westlichen Standards war das kaum demokratisch, was sich in den vergangenen Wochen abspielte. Das die Vertreter der Vereinten Nationen völlig versagten, die die Präsidentschaftswahl organisierten und die es eigentlich besser können müssten, das kommt erschwerend hinzu.
Trotzdem sollte man nicht in den Chor derer einstimmen, die den Wahlgang für ungültig erklären wollen.

Wenn sich Karsai auf den Westen stützt, dann auch deshalb, weil er sich eben nicht auf mächtige Regionalherrscher verlässt, "Warlords", denen das Schicksal ihres Stammes oder ihrer Volksgruppe im Zweifel näher liegt als das Wohl des Landes. Das weiß auch der Bundeskanzler, und deshalb war es richtig, diesen Besuch am Ende der Asienreise nicht abzusagen. Neben den US-Truppen ist die Bundeswehr die zweitwichtigste Militärmacht in Afghanistan. Hier reichen sich die Praktiker, und mit ihnen eben auch die Politiker, die Hände. In Zeiten der nach wie vor zwischen Washington und Berlin herrschenden Funkstille ist dies kein geringer Erfolg.
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