Kommentar
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12.10.2004
Merz lässt Merkel einsam zurück
Zum Rücktritt des Unionspolitikers von den politischen Führungsämtern
Von Stephan Detjen

Friedrich Merz gehört zu den wenigen geradlinigen Menschen in der Politik. Wer weiß, wie ungern sich der hoch gewachsene Sauerländer verbiegt, ahnt, welche Pein ihm die Mitwirkung an dem gruppendynamischen Prozess namens Politik in den vergangenen zwei Jahren bereitete. Seinen Rückzug aus der vordersten Reihe der Union vollzog Merz in einer lang gestreckten Kampfkurve, die eigentlich nicht zu seinem Bewegungsrepertoire gehört. Schon nach der verlorenen Bundestagswahl vor zwei Jahren, als Angela Merkel ihn von der Fraktionsspitze verdrängte, kündigte Merz erstmals den Verzicht auf Führungsämter an. Nur unter dem massiven Druck führender Parteifreunde ließ er sich damals dazu hinreißen, unter der ungeliebten, zuweilen tief verachteten Parteichefin für den stellvertretenden Fraktionsvorsitz zu kandidieren.

Merz hat seitdem weniger gegen Merkel als für den Erhalt der eigenen Selbstachtung gekämpft. Immer wieder wies er hinter den Kulissen auf die florierende Anwaltskanzlei hin, deren Partner er ist. Merz wollte anderen, vor allem aber sich selbst beweisen, dass er nicht abhängig ist von der Politik und schon gar nicht von Politikern, denen er sich durch Intellekt und Herkunft überlegen fühlt. Mit biographischem Hochmut sprach er Angela Merkel die Fähigkeit zur Führung der Union ab - weil sie Frau ist, geschieden, Protestantin und aus Ostdeutschland. Intellektuell überlegen fühlte er sich Edmund Stoiber, dem er den Mut zu jener tief greifenden Erneuerung Deutschlands absprach, die er - Friedrich Merz - für überlebensnotwenig hält. Stoibers provokativer Widerstand gegen den Reformkurs der CDU trieb Merz in der Sache an die Seite Merkels deren Nähe er aus persönlichen Gründen scheut. Zwischen diesen widersprüchlichen Kräften führt ihn der einzig gerade Weg jetzt in die Freiheit des parlamentarischen Hinterbänklertums.

An der Spitze der CDU wird es für Angela Merkel durch den Rückzug des Widersachers erst wirklich eng. Die studierte Physikerin analysiert ihre eigene Lage kühl genug, um zu erkennen, dass Merz' Abtritt einen bösen Rückschlag für ihre politische Sache bedeutet. Die rhetorische Schärfe und unbestrittene Sachkompetenz ihres Stellvertreters haben verschleiert, wie dünn die Personaldecke der Union in der Finanz- und Wirtschaftspolitik schon seit Jahren ist. Die Suche nach einem Nachfolger für Merz stellt Angela Merkels Führungsfähigkeit nun auf eine weitere, harte Probe.

So schwierig wie in diesem Herbst war die Lage der CDU Vorsitzenden seit ihrer Amtsübernahme vor viereinhalb Jahren nicht. Damals wurde Merkel mit plebiszitärer Wucht an die Spitze der CDU katapultiert. In knapp zwei Monaten stellt sie sich auf dem Düsseldorfer Parteitag zur Wiederwahl. An der Spitze vereinsamt ist Merkel mehr denn je auf den Rückhalt der Basis angewiesen - sonst verliert die CDU Vorsitzende im wahrsten Sinne des Wortes den Boden ihrer schlingernden Partei untern den Füßen.
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