Kommentar
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18.10.2004
Merkels Dilemma
Von Michael Groth

Ein Befreiungsschlag sieht anders aus. Die Herren Pofalla und Meister, bislang in der parlamentarischen Arbeit der Union nicht sonderlich hervorgetreten, können Friedrich Merz nicht ersetzen. Das die zweite Wahl nun gleich im Doppelpack an die Fraktionsspitze rückt, wirft ein Schlaglicht auf die Personaldecke der CDU.
Die ist so dünn, das Angela Merkel zuvor sogar Wolfgang Schäuble als Spitzenmann für Wirtschaft und Finanzen ins Gespräch brachte. Einen Mann, der sich -ähnlich wie Merz- in der Vergangenheit von der Vorsitzenden hintergangen fühlen musste. Die miese Art, in der Merkels Vorgänger an der Spitze der Partei im Geschacher um den Bundespräsidentschaftskandidaten als Bauernopfer genutzt wurde, ist nicht vergessen, am wenigsten von Schäuble selbst.

Schäuble ist, was innen- wie außenpolitische Fragen von Bedeutung angeht, der einzige Politiker nationaler Statur, den die Union vorzuweisen hat. Er hat sich im Verlauf der Parteispendenaffäre ein Stück weit selbst demontiert - die so genannten Parteifreunde haben an dieser Demontage fleißig weitergebastelt. Schäuble hat sich als außenpolitischer Sprecher etabliert - eine mutmaßlich weniger konfliktreiche Zone als die Innenpolitik, in der man sich zunehmend nicht nur mit Rot/Grün, sondern auch mit der bayerischen CSU herumschlagen muss.

Dies bleibt Frau Merkel nicht erspart. Nach allem was bekannt ist, deutet die sich jetzt womöglich abzeichnende Einigung der Schwesterparteien über die Gesundheitsreform auf einen Punktsieg der CSU. Was immer herauskommt, der Schaden bleibt. Für den Wähler präsentiert sich die CDU unter Frau Merkel als führungsschwach, und damit als reformunfähig. Vielleicht aber führt die Eskalation der vergangenen Wochen die Vorsitzende ja auch auf den richtigen Weg. Im Alleingang Vorschläge zu formulieren - so richtig sie im Einzelfall sein mögen - , und anschließend die Truppen zu sammeln, das funktioniert nicht. Eine Lektion übrigens, die man in jedem Führungskräfteseminar lernt.

Der, wenn nicht von Merkel selbst initiierte, dann doch sicher in ihrem Sinn geäußerte Intrigenvorwurf, der am Wochenende durch die Medien geisterte, hat indes eines bewirkt. Der Chor der Loyalitätsadressen schallt so laut, das die Kritiker zunächst Ruhe geben. Jedenfalls heute.
Vieles deutet darauf hin, das die CDU-Vorsitzende erkannt hat, wessen Unterstützung sie nicht verlieren darf, will sie ihr Ziel erreichen will: sie muss die Ministerpräsidenten der CDU in ihre Überlegungen einbinden, bevor sie an die Öffentlichkeit geht, und nicht danach. Gelingt ihr dies in den kommenden zwei Jahren, ist ihr die Kanzlerkandidatur nicht zu nehmen, schon gar nicht von der CSU.
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