Kommentar
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23.10.2004
Feindbild Manager
Wochenkommentar
Von Dieter Jepsen-Föge

Wenn es doch so einfach wäre! Wenn doch an der Existenzkrise bei Karstadt und bei Opel, an den Problemen bei Volkswagen, bei Daimler Chrysler, bei Siemens und anderen immer nur die unfähigen Manager Schuld wären! Ja, dann müsste sich nichts und niemand sonst ändern. Alles könnte so bleiben, wie es ist. Allein schon zu wissen, dass und wer die Schuld trägt, bedeutet psychische Entlastung. Und Manager eignen sich ideal für diese Rolle. In Deutschland ist die Auffassung mehrheitsfähig, dass Manager, ja Unternehmer insgesamt, nur profitgierig sind, bestenfalls außer an ihr eigenes Wohlergehen auch an das der Aktionäre denken. Das Schicksal von Menschen, von Arbeitnehmern ist ihnen aber egal. Diese Überzeugung scheint fast zum Allgemeingut zu gehören.

Wenn denn noch die Manager ihren Hauptsitz in Amerika haben, passen sie noch besser ins Klischee. Denn dort gilt ja bekanntermaßen das Prinzip "hire and fire". Amerikaner haben natürlich kein soziales Gewissen. Ja, die bei General Motors wissen wahrscheinlich noch nicht einmal, wo Bochum und Rüsselsheim liegen. Gewerkschafter pflegen ihre Feindbilder liebevoll. In Bochum wären sie fast die Geister, die sie täglich beschwören, nicht wieder losgeworden. Die Kontrolle über die Belegschaft drohte ihnen zu entgleiten. Andere haben sie an Radikalität deutlich übertroffen.

Solidaritätsadressen gingen stapelweise bei den wild Streikenden ein. "Haltet durch", wurden sie ermuntert. "Kämpft weiter!" Wie groß wird wohl demnächst die Solidarität mit jenen sein, die in ihrem Kampf unterliegen und ihren Arbeitsplatz verlieren? Die angeblichen Freunde waren für die, die pure Existenzangst auf die Strasse trieb, gefährlicher als die vermuteten Gegner in den Konzernzentralen. Gesinnung, die sich hier äußerte, ist zu oft das Gegenteil von Verantwortung. Wer den Streikenden wirklich helfen wollte, nämlich helfen wollte, Arbeitsplätze zu bewahren, musste sie zur Besonnenheit und zur Rückkehr an den Arbeitsplatz bewegen.

Ja, Karstadt und Opel sind sicher auch durch schwere Managementfehler in die Krise geraten. Aber dies ist nur die halbe Wahrheit. Denn umgekehrt spricht es durchaus für die Qualität der Manager, dass Deutschland trotz hoher Löhne, hoher Sozialleistungen und niedriger Arbeitszeit Exportweltmeister ist. Denn wir wären es nicht, würden nicht viele Arbeiten ins billigere Ausland verlagert worden sein. Denn die Verlagerung von Produktion ins Ausland kostet nicht nur Arbeitsplätze hierzulande, sondern sichert auch welche. Dass Deutschland Exportweltmeister ist, beweist auch, dass kein Land der Welt so von der Globalisierung profitiert wie Deutschland. Dass die vehementesten Globalisierungskritiker ausgerechnet in dem Land wohnen, das sein Wirtschaftswunder und seine Wirtschaftserfolge vor allem der Offenheit der Märkte verdankt, wirft ein Schlaglicht auf die Diskrepanz zwischen dem Bewusstsein und der wirklichen Lage.

Aber der Stand des öffentlichen Bewusstseins hat leider auch Auswirkungen auf die Lage selbst. Das anhaltend schlechte Klima zerstört die wirtschaftliche Substanz. Je höher die Arbeitslosigkeit steigt, je höher die Sozialleistungen, umso unverdrossener preisen Gewerkschaften ihre Theorien an und desto vehementer wollen sie ihre Forderungen durchsetzen: Höhere Löhne und kürzere Arbeitszeiten sind die Therapie, die auch eine gesunde Volkswirtschaft auf Dauer in die Knie zwingt. Die Wirtschaft wächst aber nicht und neue Arbeitsplätze entstehen nicht durch Umverteilen - weder von Arbeit, noch von Einkommen und Vermögen.

Die viel geschmähte Politik, ähnlich wie die Manager unter Generalverdacht gestellt, hat in der Opelkrise eine bemerkenswerte Haltung demonstriert. Vor allem der Bundeswirtschaftsminister und der nordrhein-westfälische Ministerpräsident haben mutig zur Besonnenheit aufgerufen, hinter den Kulissen an einer Lösung gearbeitet aber nicht den Eindruck erweckt, der Staat könne materiell eingreifen. Die erschreckend hohe Neuverschuldung hat Ende der Woche gezeigt, dass der Staat überfordert wäre.

Mehr praktizierte Verantwortung und weniger demonstrierte Gesinnung könnten helfen, auch künftige Krisen zu meistern.
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