Kommentar
Kommentar
Täglich in der OrtsZeit 12:00, 17:00 und 22:30
3.11.2004
Bush zum Zweiten
Von Dieter Jepsen-Föge

Die Welt wird sich darauf einstellen müssen, dass die Supermacht USA vier weitere Jahre von George W. Bush geführt wird. Anders als vor vier Jahren kann er sich auch auf die Zustimmung einer deutlichen Mehrheit der Bevölkerung stützen. Zudem ist das Übergewicht der Republikaner im Kongress gewachsen. Kurz: Die Amerikaner haben ihren Präsidenten und seine Partei durch ihr Votum gestärkt. Das widerspricht nicht nur den Erwartungen, erst Recht den Wünschen weltweit, vor allem in den meisten europäischen Staaten, ganz bestimmt in Deutschland.

Die Überraschung am Morgen nach der Wahlnacht besteht nicht darin, dass in Ohio, so wie vor vier Jahren in Florida, nachgezählt wird. Überraschend ist eher, dass der Herausforderer Kerry so wenig Grund zur Hoffnung hat. Zu groß ist der Abstand bei den ausgezählten Stimmen. Auch jene, die Präsident Bush alles Übel zutrauen, werden nicht behaupten können, dass er nur durch "dirty tricks" Herr im Weißen Haus bleibt. Die meisten amerikanischen Wähler vertrauen ihm, obwohl es ihnen schlechter geht als vor vier Jahren und sie in größerer Unsicherheit leben. Die Gesellschaft ist gespaltener als je zuvor, vor allem, aber nicht nur, wegen des Krieges im Irak und dem umstrittenen weltweiten Kampf gegen den Terror. Aber der Wahlkampf hatte bereits gezeigt, dass gerade in den Auseinandersetzungen über dieses Thema nicht Bush, sondern Kerry in der Defensive war. Bushs Botschaft, ob richtig oder falsch, war klar, Kerrys Botschaften klangen stets zweideutig. Paradox genug genießt Bush, trotz folgenreicher Fehler im Amt, heute nicht weniger sondern mehr Vertrauen.

Die kommenden vier Jahre können sich von den vorangegangenen unterscheiden. Die Welt kann hoffen, dass Bush anders als bisher die Vereinten Nationen und die Verbündeten in eine gemeinsame Strategie einzubinden versucht. Auch aus Eigeninteresse. Denn natürlich hat Bush lernen müssen, dass ein Krieg allein zu gewinnen ist, eine friedliche Nachkriegsordnung aber nur gemeinsam mit anderen gesichert werden kann. Das wird niemals heißen, dass in Fragen der nationalen Sicherheit andere Mächte als der Präsident selber entscheiden. Das aber wäre auch bei einem Präsidenten Kerry nicht anders. Deshalb wäre es gut, wenn auch die profilierten Bush-Kritiker hierzulande begreifen, dass die Amerikaner ein anderes Gefühl der Bedrohung plagt als die Europäer und dass auch die tatsächliche Bedrohung größer ist. Nichts ist törichter, als das eigene Land als "Friedensmacht" moralisch über die "Kriegsmacht" USA zu erheben. Die so genannte Friedensmacht Deutschland vertraut ganz auf den Schutz der USA, sollte er denn einmal notwendig werden.

Die Welt darf an den Präsidenten und seine künftige Administration durchaus Hoffnungen knüpfen. Sie sollte aber auch möglichst rasch ihr Feindbild zu den Akten legen. So schwer es auch fällt. Eine zweite Amtszeit ist für alle auch ein zweite Chance.
-> Kommentar
-> weitere Beiträge