Kommentar
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4.11.2004
Nach der Wahl
Von Michael Groth

Mindestens dies sollten wir aus dem Ausgang dieser Wahl lernen: die Vereinigten Staaten sind konservativer, als die meisten Europäer, aber auch viele Amerikaner glaubten.

Dreieinhalb Millionen Stimmen Vorsprung für George W. Bush sprechen eine deutliche Sprache. Die hohe Wahlbeteiligung, von der eigentlich der Herausforderer Kerry zu profitieren hoffte, half dem Präsidenten. Der gern kolportierte Spruch "Jeder außer George" hat sich als falsch erwiesen. Er gab der Hoffnung Ausdruck, die Antipathiewerte des Amtsinhabers trügen gleichsam Jeden ins Weiße Haus, der ein Gegenprogramm präsentiert.

Weit gefehlt. Denjenigen, die sonst gern über den mangelnden Enthusiasmus der Amerikaner klagen, wenn es um die vornehmste demokratische Handlung geht, den Gang zur Abstimmung, dürfte es auch diesmal nicht passen: mehr Amerikaner als jemals zuvor nutzten ihr Wahlrecht - und sie wählten Bush. Und damit nicht genug: größere republikanische Mehrheiten in beiden Kammern des Kongresses werden das Regieren in der zweiten Amtszeit erleichtern.

Diese Wahl ist eine Richtungsentscheidung: die Mehrheit der Amerikaner lebt nicht in den Küstenstädten, in denen Internationalität und liberale Gedanken zur guten Tradition gehören. Die Mehrheit lebt in den Vorstädten, und auf dem weiten Land. Da reicht der Blick eben zum Kirchturm und oft nicht weiter. Was angesichts der christlich-fundamentalen Rhetorik des Präsidenten wörtlich zu verstehen ist.

In dieser Wahl ging es nicht in erster Linie um die Wirtschaft oder den Irak, ja nicht einmal die Terrorismusgefahr. Es ging um Werte die eine breite Mittelschicht verteidigen will: gegen gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften, gegen Abtreibung, gegen Stammzellenforschung, für Familie, für Kirche, für Waffenbesitz und für Todesstrafe. Bush hat sich erfolgreich an die Spitze dieser Forderungen gestellt. Hinter ihm steht eine effektive Organisation, dem der politische Gegner außer Geld im Wahlkampf nichts entgegenzusetzen hatte. Und Geld ist eben nicht alles, nicht mal in Amerika.

Es wird viel darauf ankommen, ob beide Lager den gestern von Bush und Kerry ausgesprochenen Forderungen nachkommen, aufeinander zuzugehen. Wird sich der Präsident aus dem Dunstkreis seiner mitunter reaktionären Ratgeber lösen? Oder wird er - mit Hilfe des Kongresses - eine "konservative Revolution" wagen, die Amerika, und damit die Welt, verändern könnte? Möglich ist Beides: einerseits gibt es wenig Hinweise, dass Bush seine Ansichten ändert, gar Fehler eingestehen könnte. Andererseits haben Präsidenten, denen eine zweite Amtszeit vergönnt war, diese oft zu konzilianteren Tönen genutzt. Das jüngste Beispiel dafür war Ronald Reagan.

Die Welt, und Deutschland zumal, sollte sich nicht in die von Intellektuellen à la Michael Moore gepflegte Schmollecke zurückziehen und nach dem Motto "Wir haben es ja immer schon gewusst" alberne Demonstrationen veranstalten. Wir müssen die Amerikaner so nehmen, wie sie sind - und wie sie sind, haben sie am Dienstag eindrucksvoll bewiesen. Die Bekenntnisse zur Zusammenarbeit mit Washington, jetzt von London bis Moskau zu hören, sind ja ohne Alternative. Was Berlin angeht, beginnt man dabei auf niedrigem Niveau.
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