Kommentar
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9.11.2004
15 Jahre 9. November 1989
Von Dieter Putz

Heute vor 15 Jahren, lautet ein bekanntes Zitat von damals, waren die Deutschen "das glücklichste Volk auf der Welt". So hatte sie uns noch nicht so häufig erlebt: ausgelassen, fröhlich, weinend lachend, auf und beiderseits der Mauer tanzend, die Schampusflasche in der Hand. Und dass ausgerechnet eine deutsche Staatsmacht vor ihren Bürgern kapitulierte, hatten die Nachbarn auch noch nicht erfahren. So wie wir selbst nicht.

Dieses Höchstmaß deutscher Fröhlichkeit hätte jenen Tag eigentlich zum nationalen Feiertag küren müssen. Wären da nicht kluge Bedenkenträger gewesen, die den 9. November zum deutschen Problemtag deklarierten, der sich nun mal so unbeschwert nicht feiern ließe, wie es die Wiedervereinigung verdiene: Ausrufung der deutschen Republik 1918, Hitler-Putsch 1923 und die Progromnacht 1938.

Man einigte sich stattdessen auf den 3. Oktober als den Nationalen Feiertag, auf das Datum im Jahre 1990, das den äußerst schwierigen und komplizierten Verhandlungsprozess der Vereinigung erfolgreich abschloss. Diesem 3. Oktober haftete noch bis vor wenigen Tagen der Ruch der bürokratischen Ersatzlösung an. Absolut zu Unrecht, wie der Historiker Heinrich August Winkler den Deutschen ins unterentwickelte Geschichtsbewusstsein rief: Die da erst vollzogene Wiedervereinigung befreite uns und Europa von der deutschen Frage, löste ebenso das andere Jahrhundertproblem, die polnische Frage, und schuf so die Voraussetzungen für die europäische Einigung. Starke Fakten für einen guten Gedenktag.

Dass uns dieser angebliche Ersatzfeiertag inzwischen keineswegs gleichgültig ist, offenbarte der irrwitzige Versuch der Bundesregierung, den 3. Oktober der Haushaltslage wegen zu kippen. Für diese grandiose Blamage sollten wir ihr sogar dankbar sein.

Manchmal muss man eine Sache ins Groteske ziehen, um ihren Wert zu begreifen. Was wäre gewesen, Eichel und Schröder hätten es mit einem nationalen Feiertag 9. November ebenso versucht? Seine Streichung für angebliche 0,1 Prozentpunkte Wirtschaftswachstum? Wir wissen es nicht, können uns aber eine rasante Steigerung vom heutigen allgemeinen Kopfschütteln zu einem empörten Aufschrei durchs ganze Land durchaus vorstellen. Eben wegen der Erinnerung an die fröhlichsten Stunden des glücklichsten Volkes vor 15 Jahren.

Schon die Küchenpsychologen wissen, dass gute Erinnerungen zum Schmierfett einer gesunden Seele gehören. Zumal dann, wenn die Zeiten wie momentan nicht mehr so glückstrotzend sind. Wohlan denn, denken Sie zurück an jene Abend- und Nachtstunden nach Günter Schabowskis himmelstürzenden Satz um 18.53. Wo befanden Sie sich damals? Was taten Sie gerade? Wie erfuhren Sie es? Und dachten Sie im ersten Moment auch: Unmöglich? Kann gar nicht sein? Doch, es geschah. Und wenn Sie aus Duisburg es sich im letzten Sommer auf Usedom gut gehen ließen, und Sie aus Cottbus auf dem Bodensee, dann - dann hat das heute vor 15 Jahren begonnen.
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