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17.11.2004
Der Euro im Höhenflug
Von Theo Geers

Euro- und Dollarscheine in einer Wechselstube in Frankfurt am Main (Bild: AP)
Euro- und Dollarscheine in einer Wechselstube in Frankfurt am Main (Bild: AP)
Der Damm ist gebrochen. Nachdem der Euro heute die Marke von einem Dollar 30 nicht nur wie vor einer Woche für ein paar Minuten genommen und gleich auch noch ein neues Allzeithoch erreicht hat, ist es nur noch eine Frage von Wochen, bis Kurse von einem Dollar 35 oder darüber auf den Anzeigetafeln flimmern. Wir Deutsche sollten uns nicht davon blenden lassen, dass die Börse sich vom Höhenflug des Euro unbeeindruckt zeigte und entgegen der reinen Lehre heute sogar ein neues Jahreshoch im DAX erreichte. Denn die Europäer und insbesondere wir Deutsche müssen damit rechnen, dass dieser teure Euro mit einer Verzögerung von einigen Monaten auf den letzten florierenden Teil der Wirtschaft - auf die Exportwirtschaft - durchschlägt und die Wachstumsaussichten schmälert.

Damit löffeln wir dann die Suppe aus, die uns vor allem die Regierung in Washington mit ihrer hemmungslosen Ausgabenpolitik eingebrockt hat. Denn hinter der Euro-Stärke, die in Wahrheit eine Dollar-Schwäche ist, stehen die wachsenden Sorgen über den wahren Zustand der amerikanischen Wirtschaft. Diese Sorgen lassen sich beziffern: Auf 51,6 Mrd. Dollar beim Handelsbilanzdefizit der Amerikaner allein im September und auf gut 420 Mrd. Dollar im Staatshaushalt in diesem Jahr. Das macht den Dollar schwach, zumal derzeit niemand daran glaubt, unter dem gerade wiedergewählten Bush könnte es eine Wende zum wirtschaftlich Besseren und ökonomisch Gebotenen geben. Lippenbekenntnisse wie die des US-Finanzministers Snow, die USA seien an einem starken Dollar interessiert, verpuffen ebenso wie verbale Interventionen an den Devisenmärkten, wenn etwa EZB-Präsident Trichet den Kursanstieg des Euro als brutal und nicht willkommen geißelt. So etwas hilft bestenfalls für ein paar Tage, vernebelt aber die tatsächlichen Interessen.

Den USA passt ihr schwacher Dollar derzeit wunderbar ins Konzept: Verbilligt er doch die eigenen Exporte bei gleichzeitiger Verteuerung ungeliebter Importe. So etwas verringert tendenziell sogar das Handelsbilanzdefizit, es löst aber leider das zugrunde liegende Problem nicht. George Bush und seine neue Regierung müssen endlich eine klare Perspektive aufzeigen, wie sie das doppelte Defizit verringern wollen. Doch statt dessen sitzen sie auf dem hohen Ross, sprich stolzen Wachstumsraten von über vier Prozent in diesem Jahr, blicken auf die Europäer herunter, die bestenfalls auf die Hälfte kommen, und vertrauen ansonsten auf eine Art Gentlemen-Agreement mit China und Japan, das da lautet: Ihr dürft munter Eure Exporte zu uns ausweiten, solange die Erlöse daraus durch den Kauf amerikanischer Staatsanleihen wieder zurückfließen und uns Amerikanern das süße Leben auf Pump erleichtern.

Auf Dauer - das weiß jeder Ökonom - kann das nicht gut gehen. Dabei könnte George Bush zumindest derzeit noch vergleichsweise leicht gegensteuern angesichts der hohen Wachstumsraten in seinem Land. Doch hat Bush bislang nicht erkennen lassen, dass er dazu gewillt ist. Tut er weiter nichts, schlagen irgendwann - wie es so schön abstrakt heißt - die Märkte zu. Und das tun dann sie gnadenlos und meistens zum falschen Zeitpunkt.
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