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21.11.2004
Debatte um Integration von Muslimen
Von Silvia Engels

Die Demonstration in Köln hat den Willen der großen Mehrheit der in Deutschland lebenden Muslime nach einem friedlichen Miteinander beeindruckend unterstrichen. Und sie hat noch etwas anderes gezeigt: Türkische Muslime, die größte Gruppe von Zuwanderern, artikulieren sich öffentlich. Das ist wichtig. Denn jahrelang wurde meist über die Köpfe der Zuwanderer hinweg über Integration diskutiert. Häufig allein unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten. Zuwanderer und deren Kinder, vielfach muslimischen Glaubens, sollten sich geräuschlos in den Arbeitsmarkt einfädeln und vor allem die Sozialsysteme nicht belasten. Dass dies vielfach scheiterte, ist bekannt. Eine weitergehende Beschäftigung mit der Kultur der muslimischen Zuwanderer fand nicht statt. Die deutsche Gesellschaft mied die Auseinandersetzung, teils aus Desinteresse, teils um ja nicht in den Verdacht von Fremdenfeindlichkeit zu geraten.

Nun ändert sich die Debatte, sowohl was die Akteure, als auch was die Inhalte angeht. Stimmen fast aller Parteien verlangten an diesem Wochenende mehr Integrationsanstrengungen von Muslimen. Unzweifelhaft ist, dass alle hier lebenden Menschen die Grundrechte in der Verfassung anerkennen müssen. Doch vor Übertreibung ist zu warnen. Positiv an der Integrationsforderung ist, dass die zum Teil seit Jahrzehnten hier lebenden Menschen nicht mehr als reiner Arbeitsmarktfaktor, sondern als Bürger mit Pflichten, aber eben auch mit Rechten wahrgenommen werden. Negativ ist das Risiko, dass diese Integrationsforderung in Abgrenzung endet. Dass man von Muslimen Anpassung verlangt, aber jedes Verständnis für ihre Kultur verweigert. Das wäre fatal. Deshalb ist es auch nicht sinnvoll, den durch frühere Debatten belasteten Begriff der deutschen Leitkultur wieder einzuführen. Er zielt einzig auf die Anpassungspflicht der Zuwanderer ab und erspart den angeblichen deutschen Inhabern der so genannten Leitkultur jeden Denkprozess.

Doch genau dieser Denkprozess auf beiden Seiten ist nötig. Und die Kölner Demonstration hat das unterstrichen. Wenn sich türkischstämmige Muslime stärker zur deutschen Verfassung bekennen, tritt auch stärker hervor, dass sie daraus gleiche Rechte ableiten können: Dass junge Türken ein Recht darauf haben, eine ernsthafte Einladung der Gesellschaft zu bekommen. Dass sie ein Recht haben, mit Sprachkursangeboten und anderen Hilfen eine Chance auf dem Arbeits- und Ausbildungsmarkt zu bekommen. Und es wird daneben auch klarer, dass muslimische Mädchen ein Recht auf Schulbesuch und ein Recht auf die freie Entscheidung über ihren Lebenspartner haben.

Die neue Debatte um Integration bietet die Chance eines echten Dialogs zwischen allen religiösen Gruppen in Deutschland. Mit allen Rechten und Grenzen, die die Verfassung vorgibt und ohne Tabus.
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