Kommentar
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30.11.2004
Misshandlungsskandal in der Bundeswehr
Von Jochen Thies

In der offenen Gesellschaft der Bundesrepublik ist es kaum vorstellbar, dass schwerwiegende Übergriffe bei der Ausbildung von Rekruten der Bundeswehr lange unentdeckt bleiben. Wenn es jetzt jedoch Anzeichen dafür gibt, dass bei der Truppe längere Zeit etwas falsch gelaufen ist, muss bei der Suche nach den Ursachen tiefer gegraben werden. Die aus der Bundeswehr vorgebrachte Entschuldigung, Geiselnahme dürfe während der Grundausbildung nicht geübt werden, greift zu kurz.

In Wirklichkeit ist etwas anderes geschehen: Zehn Jahre Auslandseinsätze haben die Soldaten verändert. Unruhe und Gefährdung sind in den Job hineingekommen, kaum ein Berufsbild hat sich nach der Wiedervereinigung so verändert wie das eines deutschen Soldaten. Man merkt dies manchem älteren Offizier an, der unter völlig anderen Voraussetzungen während des Kalten Krieges die Uniform anzog und sich eines Tages auf dem Balkan wiederfand, im Container lebend, wie es heutzutage üblich ist.

Und noch etwas hat sich im Leben der heutigen Soldaten verändert: die Bilderflut des Fernsehens, der elektronischen Spiele und der Videos. Dadurch haben sich sittliche Grenzen verschoben, schrillen Alarmglocken in den Köpfen der Soldaten nicht, wenn aus dem Spiel sinnlose Quälerei wird, wie es in Coesfeld offenkundig der Fall war. Was Kritiker wie der ehemalige Staatssekretär Walther Stützle zu Beginn der 90er Jahre forderten, als die Auslandseinsätze der Bundeswehr begannen, nämlich die Grundsätze für Innere Führung an die Gegenwart anzupassen, unterblieb. Kein einziges Verteidigungsweißbuch der Bundeswehr ist seitdem erschienen. Die Bundeswehr befindet sich stattdessen in einem hektischen Prozess der Veränderung, bei dem Planstellen gezählt und Spezialisten für den Auslandseinsatz gesucht werden und der einzelne Soldat aus dem Blickfeld geraten ist. Der Kompaniechef, nach dem nun wieder gerufen wird, sitzt auf der Schreibstube, vertieft in Vorschriften und Akten.

Wie jede kleinere oder größere Bundeswehraffäre hat auch Coesfeld sein Gutes. Die Bundeswehr wird dazu gezwungen, innezuhalten und Einsatz am Hindukusch. Ausbildung und Vorschriften in ungefähre Deckung zu bringen. Mehr wird kaum möglich sein in Zeiten wirklichen Risikos für die Soldaten und wachsender Interoperabilität der Armeen. Denn machen wir uns nichts vor: der Trend in Europa geht in Richtung Berufssoldat. Würde sich Coesfeld in Großbritannien oder in Frankreich abspielen, würde ihm nicht die hiesige Bedeutung beigemessen. Am Ende ist somit das Land, ist die deutsche Gesellschaft gefragt, sich erneut intensiv mit der Rolle der Streitkräfte und der Bedeutung der Sicherheitspolitik für die Bundesrepublik auseinanderzusetzen. Und: die Befürworter der Wehrpflicht machen zurzeit Punkte.
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