Kommentar
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31.12.2004
Die Katastrophe
Wochenkommentar
Von Dieter Jepsen-Föge

Zum Ende des Jahres ist das Unglück über die Menschen hereingebrochen. Die tödliche Welle, die in Südasien Menschen begraben, Existenzen und Landschaften zerstört hat, ist eine wahrhafte Katastrophe. Vielleicht die größte seit Menschengedenken. Mit diesem Superlativ suchten der Bundeskanzler und andere das Unfassbare in Worte zu fassen. Denn schon tägliche Ärgernisse werden von uns leichthin als Katastrophe bezeichnet. All jene, die sonst so schnell zu jeder Stellungnahme bereit sind, blieben lange stumm, Politiker, Kirchenführer, Meinungsbildner. Für das Grauen, das die Bilder und die Berichte auch an unsere Gestade spülten, fehlten die schnellen Erklärungen. Niemand konnte verantwortlich gemacht, schuldig gesprochen werden. Die unzähligen Opfer sind nicht Opfer eines Terroranschlags, ja, noch nicht einmal Opfer menschlicher Umweltzerstörung oder anderen Fehlverhaltens. Die Natur hat sich nicht gerächt und dennoch ihre ungeheure Zerstörungskraft entfaltet. Die Flut wirft existentielle Fragen auf, vielleicht Fragen nach Gott und Gerechtigkeit, jedenfalls Fragen, die sich schneller Antworten entziehen.

Die Ursachen für dieses große Unglück sind nicht Menschenwerk, aber Menschen können menschliches Leid lindern. Die Spendenbereitschaft in den wohlhabenden Ländern, auch in Deutschland, ist groß. Es hilft, dass die Ferne so nah ist. Denn viele Urlauber suchten dort, im nun zerstörten Paradies, Erholung vom Zivilisationsstress. Die Strände Thailand und Sri Lankas, die Malediven sind besonders zu dieser Jahreszeit beliebte Ziele. Die Weltgemeinschaft, die Staaten und viele Einzelne erkennen, dass jede mögliche Hilfe geleistet werden muss. Die Natur hat den Globus erschüttert, aber auch das Bewusstsein von der einen Welt gestärkt. Es ist ein hoffnungsvolles Zeichen, dass großes Leid in einem Teil der Erde überall eine Welle von Hilfsbereitschaft auslöst. Solidarität und Verantwortung müssen in solchen Situationen nicht beschworen werden, sie werden praktiziert.

Das Beben im Indischen Ozean relativiert die Bedeutung durch Menschen verursachter und von ihnen zu lösender Probleme. Warum bloß sind die geringsten Veränderungen in Deutschland nur mit einem ungeheuren Kraftaufwand durchzusetzen? "Deutschland bewegt sich" behauptet die Bundesregierung in einer riesigen Anzeigenkampagne. Ja, Deutschland bewegt sich. Im Schneckentempo. Die Reformen der Bundesregierung, die zum Ziel haben, endlich mehr Menschen in Lohn und Brot zu bringen und Wachstum zu produzieren, stoßen auf Proteste, auf Widerstand. Vorschläge, den Trend der permanenten Verkürzung von Arbeitszeiten umzudrehen, werden als Angriffe auf den Sozialstaat abgewehrt.

Nach dem Krieg wurde weltweit die Wiederaufbauleistung gewürdigt, die Rezepte des Wirtschaftswunders wurden Exportartikel. Heute schaut die Welt nicht mit Bewunderung und Neid, sondern mit Anteilnahme und Besorgnis auf Deutschland. Wir sind nicht Motor, sondern Bremse. Das Scheitern der Föderalismuskommission war die Beurkundung der Reformunfähigkeit des Landes.

Für unsere eigenen Probleme, vor allem steigende Arbeitslosigkeit und die Angst vor drohendem Verlust des Arbeitsplatzes, überhaupt für die Ursachen vieler Zukunftsängste, ist niemand außerhalb des eigenen Landes und der eigenen Gesellschaft verantwortlich zu machen. Und niemand sonst kann diese Probleme lösen. Es gilt, eigene Fehlentwicklungen zu korrigieren. Die Formel: Mehr Wohlstand, mehr individuelles Glück mit weniger Leistung und Mühen und dem immer lauter werdenden Ruf nach dem Staat geht nicht auf. Leider haben die politisch Verantwortlichen den Bürgern, den sie zu Recht etwas zumuten wollen, schlechte Beispiele geliefert - Beispiele von Korruption, Engstirnigkeit und politischem Besitzstandsdenken.

Deutschland, ein Land mit starken Potentialen bleibt weit hinter seinen Möglichkeiten zurück. Von der Kraftanstrengung der deutschen Einheit erschöpft, geben wir uns der lethargischen Nabelschau hin. Im nächsten Jahr muss sich Deutschland schneller bewegen als im zu Ende gehenden. Auch, damit dieses Land seiner internationalen Verantwortung gerecht werden kann. Nicht nur bei der Katastrophenhilfe.
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