Kommentar
Kommentar
Täglich in der OrtsZeit 12:00, 17:00 und 22:30
6.1.2005
Unzeitgemäß, aber unverzichtbar
Die Dreikönigs-Kundgebung der FDP
Von Martin Steinhage

"Die Dreikönigs-Kundgebung ist unzeitgemäß." Unmittelbar vor Beginn der traditionsreichen Veranstaltung der Liberalen im Württembergischen Staatstheater zu Stuttgart hat Wolfgang Kubicki, der Chef der FDP-Fraktion im Kieler Landtag, seine Parteifreunde wieder einmal provoziert. Nun könnte man diese Äußerung abtun als typisch für einen Mann, der es als einer der wenigen in der FDP überhaupt noch wagt, das Parteiestablishment und dessen Sitten wie Treiben zu attackieren.

Tatsächlich aber lässt sich zumindest die Frage stellen, ob diese Veranstaltung noch in die Zeit passt: Eine zwei- bis zweieinhalb Stunden dauernde Kundgebung in gediegenem Rahmen, mit dem immer gleichen Ablauf. Und, Hand aufs Herz, mit Redebeiträgen, die sich meist in ermüdendender Weise ähneln wie ein Ei dem anderen. Dazu - als gesellschaftlicher Höhepunkt liberalen Gemeinschafts- wie Frohsinns - stets am Vorabend von Dreikönig ein Ball, der an Spießigkeit kaum zu überbieten ist, und seinen Charme im wesentlichen daraus bezieht, dass er so hoffnungslos vorgestrig ist.

Dies alles ist nun wirklich eher öde als spannend, und nicht nur aus diesem Grund passt es nicht mehr in die Zeit. Nur - das altbackene liberale Treiben zu Dreikönig erfüllt einen für die Partei eminent wichtigen Zweck: Die Freien Demokraten präsentieren sich einmal per anno als verschworene Gemeinschaft auf dem Wege der Selbstvergewisserung.

Mehr noch: Dreikönig verschafft der FDP ein gewisses Maß an Aufmerksamkeit. Wenigstens für diesen einen Tag. Denn beinahe den ganzen Rest des Jahres finden die Liberalen in der öffentlichen Wahrnehmung nur dann noch statt, wenn sie einen Bundesparteitag veranstalten, oder die Granden der Partei sich mal wieder in irgendeinem Personalstreit verheddern. Dreikönig aber bietet die Chance, einem größeren Publikum die politischen Vorstellungen der FDP zu präsentieren, die Partei als Alternative zu annoncieren. Der 6. Januar, das ist für die Liberalen der Tag, an dem es stets aufs Neue heißt: "Hallo, uns gibt es noch!"

Heute nun hat die FDP zum siebten Mal hintereinander die Dreikönigs-Kundgebung als Opposition im Bund bestritten - und mit jedem Mal seit 1999 ist das Interesse an der Veranstaltung ein wenig mehr geschrumpft. Das hat zu tun mit dem immer deutlicher zu Tage tretenden Mangel an veritablen liberalen Köpfen mit unverbrauchten, neuen Ideen. Daraus wiederum resultiert das Dilemma dieser kleinen Partei, die eben meist eher als unbedeutendes Anhängsel der großen Opposition von CDU und CSU denn als eigenständige politische Kraft gesehen wird.

Das aber ist auf Dauer lebensgefährlich für die Liberalen. Daher brauchen sie die Veranstaltung zu Dreikönig. Bevor die FDP aber daran geht, die Kundgebung als solche zu entstauben, sollten sie ihre Kräfte darauf ausrichten, auch an den anderen 364 Tagen des Jahres im politischen Diskurs stärker aufzufallen als dies heute der Fall ist. Sonst könnte es tatsächlich einmal so weit kommen, dass die FDP von der Bildfläche verschwindet - und kaum einer merkt es.
-> Kommentar
-> weitere Beiträge