Kommentar
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8.1.2005
Flutkatastrophe in Asien
Wochenkommentar
Von Jochen Thies

Große Katastrophen haben mitunter zur Folge, dass sich die Politik - in diesem Falle die Weltpolitik - sprunghaft weiterentwickelt. Angesichts des Ausmaßes der Flutkatastrophe in Asien kann man in der Tat davon sprechen, dass die Politiker überall auf der Welt begriffen haben, dass dieser Globus eine Welt repräsentiert. Die Menschen haben es jedenfalls verstanden. Noch selten ist eine Spenden- und Hilfsbereitschaft registriert worden, wie es sie zurzeit nicht nur in Deutschland gibt.

Natürlich läst sich die Frage stellen, ob es so gekommen wäre, wenn an den Unglücksorten in Thailand, Sri Lanka und anderswo nicht so viele westliche Touristen von den Todesfluten mitgerissen worden wären. Aber dieser Ferntourismus, diese Selbstverständlichkeit, für wenig Geld große Distanzen in acht bis neun Stunden per Flugzeug zurückzulegen und vor Ort billig zu leben, hat in guten Zeiten dazu geführt, dass der Gedanke der einen Welt gedacht werden konnte. Nicht nur Diplomaten und Entwicklungshelfer konnten sie in Augenschein nehmen, sondern Millionen von Menschen sind 20 Jahre weitgehend sorgenfrei an tropische Gestade gereist, bis es Weihnachten zum Tsunami kam.

Auf diesem Netzwerk kann die Politik nun aufbauen, können die Politiker - wenn sie nur wollen - einen Solidarbeitrag zugunsten der Dritten Welt einfordern, der nachhaltig wirkt. Die Errichtung eines Frühwarnsystems rund um den Indischen Ozean gehört zu den ersten Maßnahmen und hier scheint die prinzipielle Entscheidung schon gefallen zu sein. Ob die große Naturkatastrophe aber auch die Einrichtung eines zivilen europäischen Friedenskorps erfordert, wie bereits verlangt wird, darüber wird noch länger diskutiert werden müssen.

Zu den Tatsachen, die zur Kenntnis genommen werden müssen, gehört nämlich, dass Europa im entscheidenden Augenblick nicht da war. Brüssel befand sich ebenso in der Weihnachtspause wie die Vereinten Nationen in New York. Der UNO-Generalsekretär tauchte mit mehrtägiger Verspätung aus der Versenkung auf, die er nun mit überhasteten Einlassungen und hektischer Reisediplomatie zu kompensieren sucht. Und es waren die Nationalstaaten, die das Militär zu Hilfseinsätzen in Gang setzten. Denn vom vorbildlich ausgestatteten deutschen Technischen Hilfswerk einmal abgesehen verfügt nur das Militär in der Stunde der Not über die Ausrüstung, rasch zu helfen. Ein supermoderner Medizin-Airbus der Bundeswehr und ein vom Horn von Afrika nach Asien entsandtes Schiff überdecken gnädig, wie fragil die Ausrüstung der großen Industrienation Deutschland tatsächlich ist. Wird man nun zivilen Organisationen die Milliarden geben, die der Bundeswehr seit 1990 entzogen wurden? Sicher ist, dass sich die knappen Ressourcen bei einem Monate andauernden Einsatz der Bundeswehr rund um Sumatra schon in wenigen Monaten zeigen werden.

Nach einigem Zögern während der Weihnachtstage haben sich am Ende die USA mit den regionalen Partnern, mit denen sie auch im Irak zusammenarbeiten, in Südostasien an die Spitze der Hilfsoperationen gestellt und sich demonstrativ erst dann in den Verbund der Vereinten Nationen begeben, als aus ihrer Sicht die Hauptaktion vorüber war. Nun und das heißt für die nächsten zehn Jahre sind andere am Zug: voran die Europäer.

Erst die nächsten Wochen werden zeigen, wie die Abstimmung der Europäer untereinander seit dem 26. Dezember tatsächlich war. In den Flugzeugen, die Überlebende nach Europa zurücktransportieren, gab es den europäischen Gedanken, landeten Maschinen mit Deutschen in Budapest, wurden Briten mit Tragbahren in Köln aus dem Flugzeug geholt. Aber die europäische Politik wirkte vergleichsweise nicht vernetzt. Es wird nun darauf ankommen, den Schwung und Elan auszunutzen, der in Europa vorhanden ist. Vielen Menschen ist klar geworden, dass es üb er Nacht neue Prioritäten und andere Herausforderungen in unserem Leben geben kann, die manches Problem der Innenpolitik zur Miniatur schrumpfen lassen. Auch die Hartz IV-Reform, die sonst wie die Nebeneinkünfte der Politiker große Wellen geschlagen hätte, wirkt nun wie eine relativ sanfte Dünung.
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