Kommentar
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5.1.2005
Amerikas Fluthilfe
Von Siegfried Buschschlüter

Die nachrichtliche Verkürzung war zulässig: Den USA, so wurde gemeldet, gehe es bei ihrer Hilfe für die Flutopfer in Südostasien auch um Sicherheitsinteressen. Sie mache es weniger wahrscheinlich, so wurde US-Außenminister Colin Powell zitiert, dass Terroristen hier auf fruchtbaren Boden stießen.

Powell war in Jakarta, der Hauptstadt Indonesiens gefragt worden, ob die amerikanische Fluthilfe die Beziehungen zwischen der islamischen Welt und den Vereinigten Staaten verbessern könne, ob damit der Antiamerikanismus verringert werden könne.

Die USA, so Powell, reagierten, wie sie reagiert haben, weil es sich hier um eine menschliche Katastrophe handele. Die Mehrheit der betroffenen Nationen sei muslimisch, aber es sei nicht die Religion, die für die Amerikaner den Ausschlag gebe. Wenn sich jedoch die muslimische Welt anschaue, was Amerika auf dem Gebiet der Entwicklungshilfe leiste, nicht nur in Bezug auf die Fluthilfe, verstehe sie vielleicht besser, wie sich die USA im Kampf gegen die Armut einsetzen, für bessere Bildungschancen, für Arbeitsplätze und für einen Rechtsstaat.

All das unterstützten die USA, weil dies im besten Interesse jener Länder liege, auch im besten Interesse der USA, denn dadurch würde jenes Reservoir von Unzufriedenheit trockengelegt, das zu terroristischen Aktivitäten führen könnte.

Genau das haben Kritiker der Antiterror-Politik der Bush-Administration seit Jahren gesagt, und zu Recht. Mit militärischen Mitteln allein sei der Terrorismus nicht zu bekämpfen. Hier sagte es der Außenminister der USA. Doch nur wenige Stunden nach der korrekten, wenn auch stark verkürzten Wiedergabe der Powell-Worte in den Agenturmeldungen wurden ihm die Worte im Munde verdreht, war die Rede vom Zurückdrängen des Islamismus, vom Kampf der Amerikaner gegen die Muslime.

Die typischen anti-amerikanischen Reflexe waren schon in den ersten Tagen nach der Flutkatastrophe zu spüren. Da wurde die Initiative der USA, die ersten Hilfsleistungen über eine Kerngruppe von Staaten in der Region zu organisieren, als Dolchstoss in den Rücken der vom Weißen Haus bekämpften Weltgemeinschaft angeprangert.

Als aber einen Tag später schon Colin Powell bei Kofi Annan in New York war, um über Abstimmung und Koordinierung zu beraten, und UN-Sprecher die Initiative lobten, war aus der Dolchstosslegende ein Missverständnis geworden.

Was die USA bei der Fluthilfe inzwischen leisten, nicht zuletzt mit den nur ihnen zur Verfügung stehenden militärischen Mitteln, kann sich wahrlich sehen lassen. Bilder sprechen Bände, und wenn eine Armada für Katastrophenhilfe mobilisiert wird, Dutzende amerikanischer Militär-Hubschrauber für humanitäre Zwecke eingesetzt werden, G.I.s Menschen in Not helfen, dann kann das zumindest vorübergehend den täglichen Gewaltfilm aus dem Irak überlagern. Durchaus eine Chance für ein besseres Image Amerikas in der muslimischen Welt. Aber nur dann, wenn aus der Soforthilfe ein langfristiges Engagement wird. Bei dieser Art von humanitärer Hilfe, die auch Sicherheitsinteressen dient, müssten sogar die Kritikaster verstummen.
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