Kommentar
Kommentar
Täglich in der OrtsZeit 12:00, 17:00 und 22:30
10.1.2005
Wahl von Mahmud Abbas zum Präsidenten der palästinensischen Autonomiebehörde
Von Sebastian Engelbrecht

Der erfreulichste Satz des Tages lautet so: "Israel hat die Wahl des PLO-Chefs Mahmud Abbas zum neuen Palästinenser-Präsidenten begrüßt." Was für ein Satz! Noch vor wenigen Jahren war für Israel die palästinensische Befreiungsorganisation nichts als ein Verbund von Terroristen. Und noch vor zwei Monaten, zu Lebzeiten Yassir Arafats, stand der Chef der Autonomiebehörde aus israelischer Sicht für eine Politik der Gewalt, für Starre und Korruption.

Heute aber würdigte der wieder einmal neu ins Amt gewählte Vize-Ministerpräsident Peres sein Gegenüber Abbas als "legitime Führung", als einen Mann, der sich "definitiv gegen Terror und Krieg" stellt.

Zwei Drittel der Palästinenser stimmten für Abbas und damit für einen neuen Kurs des Dialogs mit Israel - trotz Besatzung, trotz Mauer, trotz Armut. Ein klares Signal gegen die Intifada, gegen den bewaffneten Kampf. Die Wahlbeteiligung war hoch. Der Wahlboykott durch die islamistische Hamas fiel kaum ins Gewicht.

Dieser Tag ist der lange ersehnte, an dem das Dröhnen der Panzer in Gaza, die Explosionen von Selbstmordattentätern in Israel, endlich übertönt werden - von ungewohnt versöhnlichen, hoffnungsvollen Worten. Es ist ein Tag der Freude für die Utopisten, die den israelisch-palästinensischen Konflikt für lösbar halten - auch wenn er schon 56 Jahre dauert. Und es ist ein Tag der Besinnung für die große Fraktion der Unkenrufer, die schon immer wussten, dass die da im Nahen Osten "nie zur Ruhe kommen werden".

Die Geschichte überrascht ihre Subjekte immer wieder mit unerwarteten Wendungen. Israels Ministerpräsident Ariel Scharon wandelte sich in den vergangenen zwei Jahren vom militanten Siedler-Lobbyisten zum Propagandisten des Rückzugs aus den besetzten Gebieten. Scharons zweiter Mann im Kabinett, Handelsminister Olmert, spricht schon von einem Rückzug "größeren Umfangs" aus dem Westjordanland. Zudem holte sich der Ministerpräsident den Friedensnobelpreisträger Peres an seine Seite - und damit einen Mann, der die Hoffnung nie aufgegeben hat. Peres steht die Auszeichnung bis heute gut zu Gesichte.

Das palästinensische Volk wählte Mahmud Abbas zu seinem Präsidenten und entschied sich damit gegen die Fortsetzung des Prinzips der Vergeltung von Gewalt mit Gewalt. Und die Islamisten der Hamas konnten die Wahlen weder in Gaza noch in Ramallah, Nablus oder Hebron durch ihren Boykott entwerten.
-> Kommentar
-> weitere Beiträge