Kommentar
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19.1.2005
Dioxin-Eier
Von Volker Finthammer

Unter anderen Voraussetzungen hätten sich die so genannten Dioxin-Eier wieder einmal zu einem handfesten Skandal ausweiten können. Diesmal aber beherrscht Krisenroutine das Feld oder anders gesagt, den Boden auf dem diese Eier von freilaufenden Hühnern gelegt werden. Der allgemeinen Dioxin-Belastung kann sich keiner entziehen. Auch nicht das Huhn, das sich seit einiger Zeit glücklich schätzen darf, seine Eier nicht mehr in einem DIN 4 Blatt großen Käfig sondern unter freiem Himmel legen zu dürfen. Da aber ist es den gleichen Umweltbelastungen ausgesetzt wie der Mensch.

Dioxin steckt in der Luft, im Boden und im Meerwasser. Autos, Abfallverbrennungsanlagen sowie Metall verarbeitende und andere Betriebe haben es in die Luft gepustet und auf die Böden gebracht und tun es zum Teil noch immer, wenn auch in einem viel geringeren Ausmaß, als noch vor wenigen Jahrzehnten, als die Gefahren dieses langlebigen Giftes, das bereits in geringen Dosen als krebserregend gilt, noch nicht so bewusst waren wie heute. Die Konzentration in der Nahrungskette hat bereits stark abgenommen. Da vor allem Fette das ideale Transportmittel für das Gift sind, nimmt es nicht Wunder, dass wir das meiste Dioxin in der Nahrungskette über Milch und Milchprodukte aufnehmen. Gefolgt von Fisch, Rind- und Schweinefleisch und den Eiern.

Nach den Untersuchungen des Umweltbundesamtes nehmen Erwachsene derzeit noch eine Menge von zwei Pikogramm pro Tag von Dioxinen und dioxinähnlichen Giften über die Nahrungskette zu sich. Zwar hat sich diese tägliche Dosis in den letzten zehn Jahren halbiert, dennoch nehmen die Menschen in Deutschland immer noch mehr zu sich als die Weltgesundheitsorganisation für verträglich hält. Wenn vor diesem Hintergrund einzelne Proben von Freilandeiern Werte von bis zu 22 Pikogramm, also das elffache der täglichen Dosis ergeben haben, zeigt das zugleich, wie wichtig solche Grenzwerte sind, um Gefährdungen der Gesundheit zu vermeiden. Natürlich wird - und nichts anderes geschieht auch im Streit der unterschiedlichen Interessen und Erkenntnisse - natürlich wird man jeden Grenzwert gesondert betrachten und Interpretieren können.

Aber letztlich kommt es darauf an, die Belastungen der Verbraucher über die Nahrungskette soweit als möglich zu reduzieren, allein schon um die volkswirtschaftlichen Folgekosten. Ein Viertel aller Todesfälle in Deutschland ist auf Krebs zurückzuführen. Eine Krankheit für die es gewiss keinen monokausalen Ursachen gibt, für die die modernen Umweltbelastungen eine wichtige Rolle spielen. Vor diesem Hintergrund kommt den Grenzwerten bei Lebensmittel auch eine ganz andere Rolle zu: Wenn man um die Probleme weiß, dann gilt es Wege zu finden, um unnötige Belastungen zu vermeiden.

Wenn das im Fall der Freilandeier bedeutet, etwa den Boden der Hühnerfarmen regelmäßig auszutauschen, dann ist das ein geringer Aufwand im Verhältnis zum Gesundheitserhaltenden Ertrag. Hier muß keine Grundsatzdebatte mehr geführt werden, sondern schlicht ganz pragmatische Konsequenzen gezogen werden, zumal die Verbraucher ohnehin dazu bereit sind, für Eier aus artgerechte Tierhaltung mehr zu bezahlen. Käfigeier sind da nur eine scheinbare Alternative. Die, die sie jetzt lautstark fordern, betreiben Lobbyismus. Nicht für die Verbraucher, sondern für die Erzeuger, für die die Käfighaltung günstiger ist.
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