Kommentar
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23.1.2005
Fluthilfe und Entwicklungspolitik
Von Patrick Garber

Zum ersten Mal nach einer großen Katastrophe musste niemand hungern, so lobt der UN-Koordinator für humanitäre Hilfe, Jan Egeland, die internationale Hilfsbereitschaft. Fürwahr eine gewaltige Leistung, ermöglicht durch beispiellose Spendenbereitschaft von Regierungen wie Privatpersonen in aller Welt. Doch immer deutlicher wird in den letzten Tagen, dass die Fluthilfe sich nicht im politikfreien Raum abspielt, dass die Mitmenschlichkeit auch etwas mit Interessen zu tun hat, bei Gebern wie bei Nehmern.

Die Regierung Indonesiens pocht bei der Annahme von Finanzhilfen auf ihre Souveränität, will sich von den Geberländern nicht hinein regieren lassen in der Katastrophen-Provinz Aceh, die bis zur Flut bekanntlich Bürgerkriegsgebiet war. Die staatlichen und privaten Helfer hingegen müssen darauf achten, dass ihre Mittel nicht etwa für militärische Ziele zweckentfremdet werden oder in dunklen Kanälen versickern. Ein klassischer Interessenkonflikt. Übrigens nicht nur auf der Ebene der großen Politik. So baut die "Caritas" in Sri Lanka und Indien neue Häuser für Flutopfer in Einheitsgröße, egal welcher Kaste die Betroffenen angehören. Für das christliche Hilfswerk ist die Gleichbehandlung von Unberührbaren und Brahmanen selbstverständlich, für die Menschen vor Ort keineswegs.

Problematisch bei der Tsunami-Hilfe ist aber nicht nur das Aufeinanderprallen unterschiedlicher Interessen und Wertevorstellungen bei Helfern und Hilfe-Empfängern. Wo es um so viel Geld geht, gibt es auch Verdrängungsprozesse. Hilfsorganisationen sind besorgt, dass die Spendenbereitschaft der Bevölkerung für andere Regionen und Projekte nachlassen könnte angesichts dessen, was für Südasien geleistet wurde und wird. Fragezeichen auch bei der staatlichen Hilfe: Den Löwenanteil der 500 Millionen der Bundesregierung für die Flutgebiete wird Entwicklungsministerin Wieczorek-Zeul ausgeben. Bekommt sie dafür zusätzliche Mittel oder muss sie anderswo sparen - das ist immer noch nicht klar. Vergessen wir aber nicht: In Afrika findet ständig ein "stiller Tsunami" statt, wie die UNO das jetzt nennt; täglich sterben dort rund 30.000 Kinder an vermeidbaren Krankheiten, die auf Armut zurückgehen. Täglich.

Daher haben die Vereinten Nationen die Industrieländer vorige Woche zu Recht an ihr altes Versprechen erinnert, ihre Entwicklungshilfe auf 0,7 Prozent des Brutto-Inlandsprodukts aufzustocken. Deutschland - bei der Fluthilfe mit an der Weltspitze - schafft diesen Betrag noch nicht einmal zur Hälfte. Hier geht es um die mittel- und langfristige Verbesserung der Lebensverhältnisse in der so genannten Dritten Welt. Ob aber die reichen Länder wie Deutschland nach der ersten Betroffenheit über die Flut bereit sind, sich auch auf Dauer mehr zu engagieren als bisher, ist nach aller Erfahrung fraglich.

Und dabei geht es nicht nur um Geld. Die Flut hat auch vielen Garnelen-Fischern in Südasien die Existenzgrundlage genommen. Gut, dass sie jetzt mit internationaler Hilfe neue Häuser und Boote bekommen. Noch besser wäre es, wenn USA und EU ihre Einfuhrzölle auf Garnelen senken würden, denn dann könnten die Fischer ihren Fang auch besser verkaufen, wenn sie sich wieder aufs Meer trauen. Doch das ist Politik und die muss erst einmal gewollt werden.
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