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24.1.2005
UNO gedenkt erstmals des Holocaust
Von Margarete Limberg

Für ein offizielles Gedenken an den Holocaust haben sich die Vereinten Nationen skandalös viel Zeit gelassen. Dabei war die Gründung der UNO eine direkte Antwort auf den Massenmord an den europäischen Juden. Die Charta, so Generalsekretär Kofi Annan, wurde geschrieben, als die Welt den ganzen Horror der Todeslager erfuhr. Die Verhinderung von Völkermord, das entschiedene "Nie Wieder" gehöre zu den Existenzgründen der VN, so Bundesaußenminister Fischer. Kleinliche politische Ränkespiele, der Widerstand vor allem arabischer und islamischer Staaten haben aber jahrzehntelang verhindert, dass die Vereinten Nationen an das Menschheitsverbrechen erinnerten. Es ist ein beschämendes Kapitel in ihrer Geschichte, zu der auch die Gleichsetzung des Zionismus mit Rassismus im Jahr 1975 gehört.

Dass der deutsche Außenminister die besondere Verpflichtung der Bundesrepublik gegenüber Israel bei dieser Gelegenheit ausdrücklich hervorhob, war nicht überraschend, aber an dieser Stelle, an der die Legitimation des Landes immer wieder in Frage gestellt wird, notwendig.

Es waren die USA und Israel, die diese Gedenkfeier initiiert haben, aber auch die Bundesregierung hat dabei eine wichtige Rolle gespielt. Fischer nutzte seine Rede als Zeichen, dass der Aggressor von einst aus der Geschichte gelernt hat. Seine Rede hatte vor dem Hintergrund der Verhöhnung der NS-Opfer durch die NPD im Sächsischen Landtag eine ganz besondere Aktualität gekommen. Fischer vermied es, Zuflucht zu der Floskel "in deutschem Namen "zu suchen, stattdessen wählte er eine klare und eindeutige Sprache. Auf deutschen Befehl und von Deutschen seien die Menschen gequält und brutal ermordet worden. Dieses barbarische Verbrechen werde für immer Teil der deutschen Geschichte sein. Aber das demokratische Deutschland, so versicherte er, habe die Lehren aus dem Zivilisationsbruch gezogen, es sei von der historisch-moralischen Verantwortung für Auschwitz tief geprägt. Diese Geschichte verpflichte Deutschland, jede Form von Antisemitismus, Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Intoleranz zu ächten und zu bekämpfen, erklärte Fischer.

Die heutige Gedenkfeier war seit Jahrzehnten überfällig. Und man muss eine Veranstaltung, die eigentlich selbstverständlich für eine Organisation sein sollte, die sich dem Frieden und der Völkerverständigung verpflichtet fühlt, historisch nennen. Deutet sich damit eine Wende im zerrütteten Verhältnis der VN zu Israel an, wie manche hoffen? Man wird das abwarten müssen.

Die Mahnung des Holocaust ist so aktuell wie je. Das heute vielfach beschworene "Nie Wieder" hat weiter konkrete Bedeutung. Damals war niemand bereit oder imstande, die Juden zu retten, obwohl die Alliierten ebenso wie der Vatikan frühzeitig Kenntnisse von der deutschen Mordmaschinerie hatten. Auch die Schwäche der VN zeigte sich in den letzten Jahrzehnten immer dann besonders krass, wenn es galt, einen Völkermord zu verhindern oder wenigstens zu stoppen. Der Genozid in Ruanda, die ethnischen Säuberungen auf dem Balkan, der Völkermord in Darfur - die Opfer warteten stets vergebens auf das Eingreifen der UNO.

Die Feierstunde in New York sollte eine Mahnung sein, das Ereignis, dessen man gedachte, nicht der Geschichte zu überlassen. Wenn den vielen richtigen Worten keine Taten folgen, ist alles nur leere Rhetorik. Die VN müsste das heutige Gedenken vielmehr aufrufen nicht erst auf Völkermord zu reagieren, sondern wie Fischer forderte, schon seine Vorboten aktiv zu bekämpfen.
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