Kommentar
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27.1.2005
Gedenken an Auschwitz
Von Margarete Limberg

Es sind Überlebende der Vernichtungslager wie Arno Lustiger heute im Bundestag, die das Gedenken zum 60. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz prägen. Sie, die die Hölle erlebt haben, lassen uns ahnen, was wir uns nicht vorstellen und was wir nicht begreifen können. Der Schmerz und die Erschütterung, die ihre Berichte auslösen, verhindern, dass die Gedenkfeiern zu einem erstarrten Ritual werden. Sie erlauben das Abschalten nicht, sie zwingen dazu, sich mit dem unermesslichen Leiden, das ihnen vor allem Deutsche zugefügt haben, auseinanderzusetzen und zu fragen, wie die Menschen eines zivilisierten Landes das größte Menschheitsverbrechen zulassen konnten.

Die Feiern zum 60.Jahrestag haben ihre besondere Eindringlichkeit vielleicht auch deshalb, weil die Zeit abzusehen ist, in der es diese Zeitzeugen nicht mehr geben wird. Zwar sind inzwischen die Berichte von Tausenden von Überlebenden des Holocaust aufgenommen worden und also verfügbar, aber die unmittelbare Begegnung wird es dann nicht mehr geben. Und die Sorge , die Erinnerung an den industriellen Massenmord an Europas Juden, Roma und Sinti und vielen anderen könne an Wirkung und Unmittelbarkeit verlieren, ist nur zu begründet. Noch so wichtige und wahre Reden, von denen in diesen Tagen einige zu hören waren, werden dies allein nicht aufhalten können. Zu verhindern, dass für die nachwachsenden Generationen die Vernichtung der Juden Europas zu einem fernen historischen Ereignis verblasst, das ist die große Herausforderung.

Denn es geht nicht nur um die Vermittlung dessen, was war, als alle humanen Werte zugrunde gingen. Es geht auch um das viel beschworene "Nie Wieder", das nicht zu einer Formel verkommen darf. Daraus ergeben sich im Alltag einer freiheitlichen Demokratie direkte Konsequenzen : Erziehung zur Wachsamkeit gegen Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit, gegen alle Versuche, Minderheiten auszugrenzen , die Erziehung zum Hinschauen, wenn Unrecht geschieht, statt zum Wegsehen, das die überwältigende Mehrheit der Deutschen während der Nazi-Zeit vorgezogen hat, als ihre jüdischen Nachbarn verfolgt wurden und verschwanden.

Dazu gehört die entschlossene und nicht erlahmende Auseinandersetzung mit der NPD und anderen Rechtsextremisten in diesem Land. Man schien sich fast schon damit abgefunden zu haben, dass sie mit beträchtlicher Stimmenzahl in einige Landtage eingezogen sind, ehe die unerträgliche Verhöhnung der NS-Opfer im sächsischen Landtag die Öffentlichkeit vor wenigen Tagen aufschreckte. Es ist bisher regelmäßig so gewesen, dass man nach einer Woge der Empörung wieder zur Tagesordnung überging. Das darf nicht erneut geschehen. Denn der Skandal liegt nicht allein im Auftritt der NPD, er liegt ebenso darin, dass die Relativierung des Massenmordes an den europäischen Juden, die Gleichsetzung von Holocaust und alliiertem Bombenkrieg weit über den extremistischen Rand hinaus verbreitet ist. Es ist für viele offenbar verführerisch, die Ursachen der Bombenteppiche zu verdrängen und einen Schlussstrich unter deutsche Verbrechen zu ziehen.

Aber den wird und darf es nicht geben - um der ermordeten und überlebenden Opfer Willen nicht und aus moralisch- politischer Verantwortung für die Zukunft nicht. Es geht nicht um Schuld, sondern darum, sich dessen bewusst zu bleiben, was geschehen ist.
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