Kommentar
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16.2.2005
Nach der Ermordung des früheren libanesischen Premiers Hariri
Von Jochen Thies

Wie so oft lebt die Welt in einem Wechselbad der Gefühle. Vor wenigen Tagen ein erster Hoffnungsschimmer, dass im Nahen Osten Frieden einkehren könnte, dann der Anschlag im Libanon, der Tod eines wichtigen Politikers, auf den man in der Region und in Amerika setzte. Wer die Hintermänner dieses ersten großen Anschlags im Libanon seit 15 Jahren waren, ob die Spuren nach Damaskus und am Ende auch nach Teheran verweisen, steht noch nicht fest. Aber es ist schwer vorstellbar, dass diese präzis ausgeführte Aktion mitten in Beirut die Angelegenheit eines Einzeltäters oder einer kleinen Gruppe von Attentätern gewesen sein soll. In dem abziehenden Qualm riecht es buchstäblich nach Politik.

Die USA reagierten mit Sondersendungen, mit breaking news, auf den Anschlag. Denn der Libanon gehört zu den traumatischen Erfahrungen Amerikas. Vor 22 Jahren kamen bei einem Anschlag auf die US-Botschaft 63 Menschen ums Leben, nur wenige Monate später, am 23. Oktober 1983 traf ein Bombenanschlag eine Unterkunft der US-Marines. Es gab 242 Tote und 80 Verletzte. Und ähnlich wurden zu dieser Zeit die Franzosen getroffen, die, wie man hörte, einen besonders engen Draht zum ermordeten Ex-Regierungschef hatten. Hariri seinerseits war ein wichtiger Mittelsmann zu den Saudis. Mancher günstige Ausgang einer Geiselbefreiung im Irak mag in letzter Zeit durch die Kontakte zustande gekommen sein, für die Beirut nach wie vor gut ist.

Unterdessen werden die Drohkulissen aufgebaut. Kaum dass Hariri beerdigt ist, verlangen die USA von Syrien den Abzug seiner Truppen aus dem Libanon. Und statt der syrischern Regierung, die sich auffallend ruhig verhält, meldet sich der iranische Vizepräsident mit der Bemerkung zu Worte: "Wir sind bereit, Syrien in allen Punkten gegen Bedrohungen zu helfen." Über Nacht kann sich die allgemeine Betriebstemperatur im Nahen und Mittleren Osten erhöhen, droht die Zusammenfassung mehrerer Krisenschauplätze, wenn die besonnenen Politiker nicht die Oberhand behalten. Eine kaum befriedete Westbank, ein von Bombenanschlägen erschütterter Libanon, Syrien und der Iran als schwer kalkulierbare Mächte, ein Irak, der nicht zur Ruhe kommen will und die dahinter liegende große Zone der Arabischen Halbinsel, über der nur eine trügerische Stille liegt.

Dies alles zusammengenommen legt den Gedanken nahe, dass die Europäische Union zusammen mit den USA alles tun muss, um wenigstens den Friedensprozess zwischen den Palästinensern und Israel in Gang zu halten. Die Bombe von Beirut wollte das Gegenteil bewirken, eine Eskalation in Gang setzen, zu Präventivschlägen ermuntern. Plötzlich ist alles sehr ernst.
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