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26.3.2004
So oder so ist das Leben
Kabarett im Pott
Von Achim Hahn

Einer der bekanntesten Ruhrpott-Komiker: Helge Schneider aus Mühlheim. (Bild: AP-Archiv)
Einer der bekanntesten Ruhrpott-Komiker: Helge Schneider aus Mühlheim. (Bild: AP-Archiv)
Tegtmeier: Kucken se mal: Ich meine: Muttersprache, Mutterlaut, nicht, das is aber immer noch, Junge, Junge... aber ich wollte Ihnen jetzt was ganz anders erzählen, nämlich von meiner Heimat, von die engere Heimat, den Ruhrgebiet.

Am Anfang war alles wüst und leer. Dann kam der mit der typischen Kappe auffem Kopp und brachte die Menschen an Ruhr und Emscher und später in der ganzen Republik zum Lachen und wissenstechnisch auf Vordermann: Adolf Tegtmeier

Tegtmeier: Äh, Augenblick, dass ich das jetzt richtig zusammenkrieg, jau ne, is klar, also diese Wälder wären dann eines Tages aus Kohle gewesen, bis auf die siebte Sohle. Und ja, und dadurch war das dann auf einmal das Ruhrgebiet, nich.

Jürgen von Manger alias Tegtmeier - der erste große Kleinkünstler, der im damaligen Kohlenpott seine Karriere begann. Danach kam lange lange nichts. Heute dagegen boomt die Szene: Kabarett, Comedy und Blödelwahn, satirisches Rocktheater und Stand Up Comedians. -

Tegtmeier: So ein Dingen.

Das Ruhrgebiet hat alles zu bieten und Namen wie die Missfits aus Oberhausen, Herbert Knebels Affentheater aus Essen oder Dr. Stratmann aus Bottrop kennt man inzwischen überall. Nicht zu vergessen Helge Schneider aus Mülheim, der Ende April auch den Bonner Prix Pantheon bekommen wird und der ehrenhalber längst mit dem ersten "Tegtmeier" ausgezeichnet wurde. Sozusagen der "Ruhrgebiets Kleinkunst Oscar" mit Ehrerweisungsmehrwert an den großen Alten.

Tegtmeier: Ja ja!

Für viele Kabarettisten und komische Kleinkünstler hat der nämlich durchaus eine prägende Rolle gespielt.

Tegtmeier: Kann man mal sehen, nich, wie das geht, so.

Helge Schneider selbst ist da keine Ausnahme:

Helge Schneider: Ich kann schon sagen, dass seine Figur mich beeinflusst hat, und ich konnte gar nicht verstehen, dass viele Leute sagten, och das ist doch blöd, oder der ist nur im Ruhrgebiet bekannt.

Kabarett im Ruhrpott - das ist anders als in Berlin, Köln oder München. Hier gibt's nicht die zentralen Kabaretthochburgen. Alles spielt sich in kulturellen Gemischtwarenläden ab neben Konzerten, Theateraufführungen oder Discos. Manchmal gibt's sogar nur einen Termin im Monat, und das bedeutet: Die Leute müssen auch schon mal weit fahren, wenn sie an bestimmten Künstlern interessiert sind. Da kuckt man eben über den eigenen Orts-Tellerrand ins Ruhrgebiet als Metropole.

N8chtschicht: Ja fahr doch mal ab von der Autobahn hier! Überall rosten die Industriedenkmäler vor sich hin.

In Essen beispielsweise wohnt der wohl würdigste Nachfahre des alten Tegtmeier: Uwe Lyko, seinerzeit der grimmigste Kellner in der Zeche Carl, die längst statt Kohle junge Talente fördert.

Uwe Lyko: Man wurde lange Zeit so 'n bisschen schräg angekuckt, wenn so Fernseh- und Rundfunkleute mitgekriegt haben, dat man aussem Ruhrgebiet kommt. Dann warste erst mal so zweite Liga, ne …

Als nörgelnder Rentner Herbert Knebel ist er der graue Star am Blödel-Himmel des Reviers, das personifizierte Klischee des Pott-Proleten: starrköpfig, redselig, einfältig und leicht cholerisch.

Herbert Knebels Affentheater: Jackeline! Nich dem Marcel mit die Schüppe auf den Kopp kloppen, Mann dat is doch kein Fremder!

Zusammen mit seinen drei Kumpels sorgt er als Herbert Knebels Affentheater mit ruhrsprachigen Sketchen und Coverversionen der Pop- und Rock-Musik revierweit und ganz aktuell mit dem Best Of "Neues vom Vortach" für chronisch ausverkaufte Hallen.

Mit Rocktheater fing hier die Kleinkunst-Szene in der Nach-Tegtmeier-Ära an. Das war vor gut 25 Jahren. Und das legendäre Dortmunder "Rocktheater N8chtschicht" um Frontmann Fritz Eckenga ist immer noch Kult, auch wenn es sich inzwischen als Quartett genug ist und auf den Zusatz Rocktheater verzichtet. Mit ihrem neuen Programm "Grandhotel Ich" z.B. fühlen sie gerade der Egomanie unserer Zeit auf den Zahn und trauern über den Verfall der SPD.

Kabarettbeispiel von N8chtschicht: Das sind also diese typischren Ureinwohner? - Kuck mal da ist ein Männchen, ein besonders großes. - Ah ja! Kann man mit denen auch sprechen? - Versuch das doch mal mit diesem Gruß, den wir gelernt haben. - Glückauf!

Kabarettbeispiel von den Missfits: Gelaber, boa geh mir weg mit dem Gelaber, es kotzt mich an!

Kabarett & Musik - das mögen die Fans im Revier. Auch Deutschlands erfolgreichstes Frauenkabarett "Die Missfits" aus Oberhausen setzte in den letzten Programmen auf diesen Mix. Jetzt treten sie ab - nach 20 Jahren - und begeben sich auf ihre sog. "Letzte Runde" durch die Republik:

Kabarettbeispiel von den Missfits: Wir haben alles gemacht. Wir waren doch vor nix fies, vor Kindern nich, vor Männern nich, vor nix nix!, - Z.B. Wer hat denn als erstes Ficken gesagt? Waren doch wir, da haben andere noch im Dunkeln gevögelt, da haben wir schon Ficken gesagt.

Der Komiker Ingo Appelt (Bild: AP-Archiv)
Der Komiker Ingo Appelt (Bild: AP-Archiv)
Der Comedy-Fernsehboom der letzten Jahre hat auch die "Ruhries" auf die bundesweiten Mattscheiben geschwemmt. Der stammelnde Musikdozent Piet Klocke oder der ätzende Ingo Appelt, der prollige Atze Schröder oder der Arzt Ludger Stratmann, der die Hypochonder in uns allen bedient, sind Stars. Doch sie sind nicht die einzigen Größen ausse Gegends.

Kleinkunstpreisverwöhnt z.B. war das komische Vorleseduo Tresenlesen aus Bochum. Inzwischen haben sie sich zwar getrennt; Frank Goosen, der nun auch als Bestsellerautor mit dem Roman und Kinofilm "Liegen lernen" Furore gemacht hatte, ist aber wie sein Ex-Kollege Jochen Malmsheimer weiterhin solistisch auf den Bühnen zu sehen. Gerade in Malmsheimers Programmen aber zeigt sich, dass das Ruhrgebietskabarett zwar immer noch mit dem landestypischen dat und watt kokettiert, aber längst die höheren Weihen komischer Linguistik erreicht hat.

Kabarettbeispiel von Jochen Malmsheimer: "Na, wie läuft's so?" fragte das Hauptwort "Globalisierung" das neben ihm sitzende Adjektiv "mürrisch". "Platz da!" schrie darauf das sich sofort materialisierende "läuft's", bevor das mürrisch nur zu einer Antwort ansetzen konnte und rempelte, gekrönt von seinem nach allen Seiten winkenden Semikolon, während das "Na", das "Wie" und das "So" zur Toilette wuselten und das Komma mit Anführungsstrichen und dem Fragezeichen in Richtung Hinterzimmer strebte, wo die Satzzeichen mit freiwilligen Bindestrichen auf eine Dartscheibe warfen ...

Immerhin: Wer dem Volk auf's Maul schaut oder sein Lebensgefühl auf den komischen Punkt bringt, hat es leichter im hiesigen Lachgewerbe. Denn der lange gescholtene Ruhrie fühlt sich gebauchpinselt - egal ob eine Ruhrpottpiaf wie Andrea Badey anzügliche Chansons im whiskytriefend-lebensdurstigen Thekenambiente präsentiert oder eine bekennende "femme banal" der Kabarettszene wie Lioba Albus als Sauerländerin mit LandeierCharme schlüpfrige Geschichten aus der Pampa erzählt.

Kabarettbeispiel von Lioba Albus: Ich hab ja sonst im Leben nicht so viel, es ist ja für mich das Schönste, wenn ich unter die Menschen komme. Kucken se mal: Mein Mann, der lässt ja so nach! Als wenn man beim Windbeutelbacken die Backofentür zu früh aufgemacht hat. Ich geh manchmal in aller Unverbindlichkeit vorbei und fühl, ob er noch atmet. Obwohl auf der anderen Seite: man tät's ja sicher auch riechen.

Zum Besten aber, was die Region derzeit zu bieten hat, gehört das Chansonduo Christiane Weber & Timm Beckmann. Auch wenn die beiden Essener mit dem Ruhrgebiet wenig am Hut haben - ihre melancholischen bis selbstironischen Lieder treffen den Nerv vieler Ruhries.

Kabarettbeispiel von Weber/Beckmann: (SONG)
Tropftränennass, sanft seidenweich,
wunderglücklichschön und sternengleich.
Das ist wie vom Himmel ein Stück,
wenn man weint vor Glück.
Wattebäuschchenzart, rosenblätterweich,
regenbogensanft und Sonneschein,
das ist wie zum Mond und zurück,
wenn man weint vor Glück.


Die wichtigste Chance für den Nachwuchs schließlich bietet wieder mal der olle Tegtmeier. Denn in Herne, dem letzten Wohnort von Jürgen von Manger, gibt's alle zwei Jahre den Wettbewerb "Tegtmeier's Erben". Für die teilnehmenden Künstler durchaus ein regionaler Karrierekick.

Bernd Kowalzik: Bei diesem Förderpreis soll es um keinen Fall darum gehen, dass sich Leute auf die Bühne setzen und Jürgen von Manger bzw. Tegtmeier kopieren.

So Bernd Kowalzik von Roof Music in Bochum, die viele Ruhrgebietskabarettisten in ihrem Tacheles-Label veröffentlichen und auch im Besitz der meisten Tegtmeier Tonbänder aus dem Nachlass sind.

Bernd Kowalzik: ... Sie sollen die Möglichkeit haben, sich in jeder Weise auszutoben über 'ne eigene Bühnenfigur, das muss auch nicht zwingend die Mundart des Ruhrgebiets sein.

Der Bochumer Stand Up Comedian Hennes Bender z.B. hat den Coup gelandet, Jury- und Publikumspreis gleichzeitig zu bekommen:

Kabarettbeispiel von Hennes Bender: Das war so schön - stand eine Mutter mit ihrem Kind und die Mutter aß. "Mamma gib mich die Pommes!" Da hat die Mutter das Kind belehrt und gesagt: "Das heißt nicht 'Gib mich die Pommes!' Das heißt: 'Gib mich die Pommes BITTE!'" Ja! Das ist so schön am Ruhrgebiet! Das ist ah - hart aber herzlich.

Im letzten Jahr konnten sich übrigens der Essener Musikkabarettist Hagen Rether und der Duisburger Komiker Kai Magnus Sting behaupten. Fazit:

Helmut Hasencox: Es ist grundsätzlich erstaunlich für mich zu sehen, dass in einer Region, in der die Kaufkraft aufgrund von Arbeitslosigkeit kleiner werden müsste und aufgrund einer größeren, sozialen Betroffenheit der Lachbedarf nicht so groß sein dürfte, die Kabarettveranstaltungen immer schneller ausverkauft sind.

Helmut Hasencox, Geschäftsführer der "Kaue" in Gelsenkirchen. Immerhin ist das Ruhrgebietskabarett inzwischen so erfolgreich, dass es auch vom NRW-Wirtschaftsministerium entdeckt wurde. Jetzt soll es Touristen anlocken.

Tegtmeier: So ein Dingen. Mmh.

Privat geführte Kabarettbühnen haben es dennoch schwer. Viele Versuche in der Vergangenheit sind gescheitert. Überlebt haben die Veranstaltungsorte, die sich oft genug in den alten Industriegebäuden angesiedelt hatten und einem gemischten Publikum ein ebenso breitgefächertes Programm bieten. Und natürlich kann das Ruhrgebietspublikum hier nicht nur die einheimischen Gewächse sehen, sondern alles, was in der Republik Rang und Namen hat. Es ist nur eine Frage der Zeit. Denn der Ruhrpott ist wie ein Fass ohne Boden, und trotzdem immer kurz vor dem Überlaufen. Also, wie gesagt:

Lioba Albus: Da würd' ich doch sagen, da tun sie sich mal was Gutes, und da packen Sie sich mal n paar Bütterkes ein und kucken sich das alles mal an, ne.

Tegtmeier: Jaha, müssen Se ja jetzt auch schön Bescheid wissen, ne.



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