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17.8.2004
Ich sag immer noch moin, moin!
Exil-Schleswig-Holsteiner in Berlin
Von Vanessa Loewel

Spaziergang am Meer (Bild: AP)
Spaziergang am Meer (Bild: AP)
Die Hauptstadt gehört schon lange nicht mehr nur den Berlinern. Die Stadt zieht Menschen aus allen Bundesländern an - auch aus dem nördlichsten. Doch wer verlässt das Land zwischen den zwei Meeren?

Werner Schönborn: In Schleswig-Holstein kann ich, zumindest dort, wo ich gelebt habe, in Schleswig, morgens sehen, wer mich abends besuchen kommt, das ist hier nicht möglich aufgrund der hohen Häuser, die es hier gibt.

In Berlins neuer Mitte, zwischen Potsdamer Platz und Reichstag steht der gläserne Bau der schleswig-holsteinischen Landesvertretung. Repräsentiert wird die Landesvertretung von Werner Schönborn. Wenn auch kein gebürtiger, so ist der 59jährige doch ein waschechter Schleswig-Holsteiner - das hört man und das sieht man. Zum Anzug trägt er ein blau-weißes Karohemd, in der linken Hand hält er eine Pfeife.

Schönborn: Die Pfeife ist etwas gemütliches, man kann sich an ihr festhalten, man braucht da nicht andere und in der Art und Weise wie sie geraucht wird, führt es auch dazu, dass man ruhig, gelassen und bewusst mit Sachen umgeht.

Nur ein paar hundert Meter von der Landesvertretung Schleswig-Holstein entfernt befindet sich der deutsche Bundestag. Hier arbeitet Grietje Bettin. Die junge Abgeordnete vertritt den nördlichsten aller Wahlkreise: Flensburg. Seit nunmehr vier Jahren pendelt sie zwischen Schleswig-Holstein und Berlin.

Grietje Bettin: Berlin ist super hektisch, in Schleswig-Holstein gehen die Uhren noch etwas langsamer, das ist einfach optimal von der Kombination her.

Schleswig-Holsteiner sind in der Regel Landeier. 2,5 Millionen Menschen leben zwischen Nord- und Ostsee auf 16.000 Quadratkilometern, in Berlin wohnen 3, 6 Millionen auf nur 890 Quadratkilometern. Ein Dschungel für Exil-Holsteiner wie Wolfgang Krone.

Wolfgang Krone: Ich komme von Fehmarn, ich bin in Burg geboren und dann aufm Dorf, Bisdorf heißt das, schönste Dorf Fehmarns natürlich, 54 Häuser. Auf Fehmarn da kennst du jeden, den ersten auf der Straße und hier weiß ich noch nicht mal wer mein Nachbar ist.

Frank Wiemer: Großstadtleben strengt an, das muss man einfach so sehen.

Bettin: Also Schleswig-Holstein hat keine wirklich große Stadt, Kiel hat zwar kanpp 400.000 Einwohner, Flensburg hat 88.000 Einwohner, das ist überhaupt kein Vergleich zu der Größe Berlins, da kann man vielleicht in Stadtteil Berlin nehmen. Aber das ist natürlich was ganz anderes, man kann sich aussuchen, in welchen Stadtteil man gehen will, auf was man abends Lust hat. Das hat man in Schleswig-Holstein so natürlich überhaupt nicht, da gibt es zwei, drei Kneipen, auch in den großen Städten in Schleswig-Holstein, und von daher ist das schon noch ne andere Möglichkeit.

Schleswig-Holstein, das Land der unendlichen Horizonte, aber begrenzten Möglichkeiten? Karin Schröder hat schon vor dreißig Jahren ihren Heimatort Heiligenhafen, ein kleines Fischerdorf an der Ostsee, verlassen. Zunächst ging sie nach Hamburg, dann wurde ihr Mann nach Berlin versetzt und sie folgte ihm.

Schröder: Wenn man am Wasser aufgewachsen ist, dann hat man das Gefühl, egal wo Wasser ist, man fühlt sich wohl und deshalb bin ich froh, dass ich ein Büro habe, wo ich aus dem 2. Stock auf die Spree gucke und wenn ich die Ausflugsdampfer vorbeifahren sehe, dann ist das auch ein bisschen wie Heimat, dann kann man sich auch vorstellen, man wäre in Kiel, in Eckernförde oder in Flensburg irgendwo.

Wiemer: Ich bin alles andere als der typische Schleswig-Holsteiner, ich habe diese klassische Meeressehnsucht, die ja nun bekanntermaßen sehr verbreitet ist in Schleswig-Holstein, die habe ich so nicht. Ich gehe gerne mal ans Meer, zum Beispiel segle ich gern, ich angel gern, aber ich habe die klassische Meeressehnsucht so nach dem Motto, so jetzt mal wieder am Ostseestrande stehen und dann ist alles wieder gut, das habe ich nicht.

Wolfgang Krone: Nö, nix mit Wasser. Ich kann nicht schwimmen!

Tina Schwichtenberg: Immer das Wasser - also ich muss nicht unbedingt im Wasser sein und ich muss nicht unbedingt aufm Wasser sein, aber ich muss am Wasser sein. Das Rauschen der Wellen, wenn man ne halbe Stunde am Strand sitzt und aufs Meer guckt, das ist wie Meditation, da ist man gesundet, ne.

Die Künstlerin Tina Schwichtenberg ist eine echte Kieler Sprotte: in Kiel geboren, aufgewachsen und bis zum ihrem 45. Lebensjahr geblieben. Erst als ihre Kinder aus dem Haus waren verließ sie Kiel, eröffnete in Berlin eine Galerie und stellt erstaunt fest: ihre Heimat prägte auch ihr Kunstverständnis.

Schwichtenberg: Sicherlich bekommen sie durch diese Lichteinflüsse einen anderen Zugang zu Farben: die Farben sind viel intensiver oder sagen wir mal so, Grautöne, die sich über dem Meer am Horizont bilden, so eine Vielfalt an Grautönen habe ich selten gesehen wie da.

Grau- das ist die Farbe des schleswig-holsteinischen Himmels. Das Wetter ist entsprechend: schlecht, Schietwedder.

Schröder: ... und immer nen bisschen Wind.

Schwichtenberg: Ich habe es gerne, wenn es weht, wenn wir ein bisschen stürmisches Wetter haben, finde ich es besonders schön in Berlin, muss ich ihnen sagen. So diese ganz heißen, trocknen Sommer in dieser großen Stadt sind nicht etwas, was ich favorisieren würde. Wind und ein bisschen verhangener Himmel ist doch nett, es muss nicht unbedingt regnen, das nicht, aber nen bisschen Wind hab ich gerne, da bin ich doch ein Kind des Nordens.

Wiemer: Was ich richtig toll finde hier in Berlin ist das Berliner Klima. Dieses Jahr nun nicht, wie ich es die anderen Jahre genossen habe, ein richtig tolles, warmes Frühjahr, man kann sich hier schon Ende April auf die Straße setzen und sein Bier trinken und man friert nicht, man klopft sich nicht wie im Norden auf die Schulter, was haben wir doch fürn netten Abend gestern gehabt, wenn man mit klammen Fingern in der Segeljacke irgendwo draußen gesessen hat, um sein Bier zu trinken.

Udo Langmann: Wir haben versucht son bisschen norddeutschen Stil reinzukriegen, indem wir viel mit Messing gemacht haben und mit Holz, wir wollten nicht so ganz plüschig, so mit Fischernetzen, aber es steht eben das ein oder andere Schiff oder so ne Möwe oder nen Leuchtturm - jo, so wie ich mir das vorgestellt hab, wie son bisschen norddeutsches Ambiente ist.

Mitten in Berlin kann man im Restaurant von Udo Langmann Brathering und, wer es mag, auch Labskaus essen.

Langmann: Labskaus ist ja eigentlich ein Seemannsgericht und es sind eigentlich richtig gute Zutaten drin, das ist nämlich gekochtes und gepökeltes Rindfleisch und das wird dann mit den Kartoffeln zusammen durchgedreht, es kommt nen bisschen Matjes mit rein, rote Beete kommt mit rein und das ist dann son Brei, wo dann oben drauf ein Spiegelei kommt und als Beilage dann so ein paar Stückchen Matjes oder Bismarkheringe und rote Beete und Gewürzgurke. Also Labskaus liebt man oder man mags überhaupt nicht!

Norden heißt das Restaurant und wer hier arbeiten will, muss auch aus dem Norden sein. Der gebürtige Lübecker lebt schon seit über zwanzig Jahren in Berlin. Damals ist er wegen eines Studienplatzes hergekommen. Erst wollte Udo Langmann nicht in Berlin bleiben, jetzt will er nicht mehr zurück.

Langmann: Ja, wie das auch so früher war in Berlin, man hatte erstmal überhaupt irgendeine Wohnung, dann vier oder fünfmal umgezogen, dann in eine WG gezogen, dann nach Kreuzberg und dann erobert man sich seinen Kiez und dann wird Kreuzberg so zum Zuhause, wo man auch seine Freunde und Bekannte hat und fühlte sich ganz wohl und hatte dann nicht mehr das Streben zurück. Also, die Leute sind bunter hier, sie sind unabhängiger von der Meinung anderer. Wenn sie sich ganz verrückt anziehen oder die Haare machen wollen, dann machen sie es eben, wo man in S-H dann irgendwie schief angeguckt würde und gerade in Kreuzberg ist es so, dass man schon nen buntes Treiben sieht hier.

Ein Studienplatz, eine neue Arbeitsstelle, eine neue Existenz aufbauen, Fernweh - für Wolfgang Krone, der als Kellner im Norden arbeitet, wären all das keine Gründe gewesen, Fehmarn zu verlassen. Für ihn gab es nur einen:

Krone: Nur für die Frau! Eine Frau zieht mehr als zehn Pferde. Ja, meine Frau war da auf Urlaub, dann haben wir uns kennen gelernt und nach vier Wochen bin ich nach Berlin gezogen. Alles verschenkt, verkauft und weg.

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Jan Seifert: Ich habe die Schleswig-Holsteinhymne auf dem Computer, die habe ich mir extra aufgenommen und kann sie mir jederzeit anhören, manchmal mache ich das, wenn ich Heimatgefühle bekommen will.

Schwichtenberg: (Lacht) Ja, das kann man wohl nicht verleugnen, [...] Wenn ich im Atelier Besuch bekomme, dann werde ich häufig drauf angesprochen, sie kommen aus dem Norden, man hört es. Ich weiß gar noch wo dran, die einzelnen Worte kann ich gar nicht ausmachen, aber nach einer gewissen Zeit sagt man mir das. ...Es ist doch noch sehr viel von Schleswig-Holstein in mir, ne.

Wiemer: Ja, das habe ich mir hier am Standort Berlin - weil das immer noch so drin ist und man ja 35 Jahre so geprägt ist, das man häufiger Moin sacht als die Leute es verstehen, insbesondere, wenn man es jenseits der 12 Uhr Grenze sagt.

Schönborn: Mit Plattdeutsch kann man viele Sachen ausdrücken, die man im Hochdeutsch nicht ausdrücken kann. Zum Beispiel Joschka Fischer, der mal aus dem Bundestag geflogen ist, weil er zu Stücklin gesagt hat, er sei ein Arschloch, hätte er das auf Plattdeutsch gesagt: Mien Vörseder, du bistn Morslock, dann wäre er bestimmt nicht rausgeflogen.

Seifert: Ich musste mir immer anhören, ich bin ein Fischkopp, weil ich ausm Norden komme .. Also, da freue ich mich drüber, das sehe ich als Kompliment an.

Langmann: Typisch norddeutsch ist für mich, dass man nicht so hektisch ist, viele Sachen auch nen büschen gelassener sieht und nicht gleich aus der Haut fährt.

Schröder: Diese Unaufgeregtheit, einfach diese norddeutsche Gelassenheit.

Wiemer: Ja, wenn ich den direkten Vergleich zum Standort Berlin ziehe, dann sind wir doch etwas zurückhaltender, etwas bedächtiger als so manch anderer Zeitgenosse …

Schröder: Also, wir sind keine Schnackertypen, wenn ich das so sagen darf!

Schönborn: Also, das wird immer gesagt, aber das stimmt nicht. Sie sind nicht wortkarg, sie schauen sich aber ganz genau an, was sie sagen und wie sie es sagen.

Seifert: Ich glaube, wenn ich Ruhe brauche, dann wäre ich gerne in Schleswig-Holstein und mich da irgendwo zurückziehen [...] einfach bei gutem Wetter an den Deich legen oder an die Küste.
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