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21.9.2004
Mama, Papa, Joystick
Medienerziehung im Kleinkind- und Vorschulalter
Von Peter Podjavorsek und Sigrid Ormeloh

Ein achtjähriges Mädchen telefoniert mit ihrem Handy (Bild: AP)
Ein achtjähriges Mädchen telefoniert mit ihrem Handy (Bild: AP)
Ob Fernsehen, Computer oder Gameboy: Schon im Vorschulalter werden Kinder heute mit den neuen Medien konfrontiert. Wie aber damit umgehen - die Kleinen so lange wie möglich von Maus und Joystick fernhalten? Oder sie gerade gezielt heranführen? Viele Eltern sind verunsichert. Seit PISA sollen Kinder früher gefördert und gefordert werden. Kitas und Kindergärten bieten deshalb verstärkt Medienerziehung an, sie stellen Computer mit Spielen und Lernprogrammen auf. Gleichzeitig alarmiert die steigende Zahl von übergewichtigen Kindern, die statt sich zu bewegen stundenlang vor Bildschirmen verharren. Kompass blickt in Elternhäuser und Kindertagesstätten mit Medienprojekten.

Pippi Langstrumpf-Musik

Kind: Das war so kurz. Ich will noch mehr gucken!

Mutter: Nein. Es gibt jeden Tag nur einen Film, das ist die Regel. Ein Film oder einmal Computer spielen.

Kind: Neiiin! Ich will aber.

Mutter: Es ist manchmal schon schwierig, Grenzen zu ziehen und auch konsequent zu sein. Es ist eben verlockend, die Kinder vor den Fernseher zu setzen. Wenn man kochen oder aufräumen will. Oder sich mal kurz hinlegen.
Die Regeln ergeben sich einfach durchs Ausprobieren. Weil man merkt, was das Kind verkraftet oder nicht verkraftet. Mir fallen erheblich phantasievollere Spiele ohne Computer ein und ich denke, dass Kinder sehr viel mehr ihre eigene Phantasie ausleben können, wenn das nicht so vorgeformt ist vom Computer.


Mutter 2: Ich persönlich halte da nichts von. Ich denke, diese Fähigkeit aus diesem Wissenspool, aus diesem enormen Angebot sich was rauszuziehen und das zu verarbeiten, dass das durch ganz andere Sachen angelegt wird z.B. dadurch, dass man die wirkliche Welt begreift dass man Erfahrungen macht mit den Sinnen, dass man in der Erde wühlt. Ich tue Wasser in die Erde und da wird Matsch daraus, ich tue ein Samenkorn in die Erde und da wächst eine Pflanze. Kausale Zusammenhänge selber erleben und begreifen.

Viele Eltern sind skeptisch, was den Umgang mit elektronischen Medien angeht. Die Kinder, so die Befürchtung, könnten den audiovisuellen Reizen erliegen, eigene Aktivität und Bewegungsdrang verloren gehen. In Fachkreisen setzt sich dagegen zunehmend die Erkenntnis durch: Medienerziehung sollte bereits vor der Schulzeit beginnen. Bundesweit haben in den letzten Jahren bereits einzelne Kindertagesstätten Computer für die Kleinen aufgestellt.

Die Kita "Tausendfühler" in Berlin Spandau. Rund 100 Kinder besuchen die Einrichtung. Sie spielen in offenen Gruppen, toben durch die Räume. Es gibt ein Musikzimmer, einen Bastelraum, eine Snoozelecke zum Abschalten und Entspannen - und einen Computerraum. Mehrere Kinder sitzen vor dem Bildschirm und spielen.

Regina Richter: Unsere Idee ist einfach: Unser Alltag besteht aus Computern und wir müssen auch die Kinder da ranführen, damit umzugehen. Wir leben in einem Computerzeitalter, wir halten überhaupt nichts davon, die Kita nur als den Schonraum für Kinder zu benutzen, d.h. die Puppenecke, die Bauecke, wir sind alle ganz lieb, mehr gibt es nicht. Sondern wir wollen die Kinder wirklich aufs Leben vorbereiten.

Regina Richter und ihre Kollegin Marlies Schumann haben gleich bei der Gründung der Kita vor vier Jahren den ersten Rechner aufgestellt. Zuvor galt es allerdings, die Eltern zu überzeugen. Die beiden Leiterinnen schrieben Elternbriefe, veranstalteten Informationsabende. Die einzelnen Computer-Programme wurden vorgestellt, Väter und Mütter sogar selbst am Rechner eingeführt, um letzte Bedenken auszuräumen. Doch nicht alle waren von vornherein skeptisch. Vor allem Eltern, die selbst keinen Computer haben, begrüßten den elektronischen Neuzugang. Regina Richter.

Regina Richter: Die Chancengleichheit für alle ist uns ganz wichtig. Es gibt Familien, die haben einen Computer, es gibt Familien, die können sich keinen Computer leisten. Und wir sehen es als unsere Aufgabe, auch diesen Kindern die Möglichkeit zu geben, mit Computern zu arbeiten.

Zweimal in der Woche ist der Computerraum geöffnet. Zunächst wird besprochen, was die Kinder wünschen. Meistens wollen sie spielen, manche ziehen aber auch das Malprogramm vor, die Bilder können sie dann ausdrucken. Prinzipiell wird nur altersgemäße Software verwendet, vor allem Lern- und so genannte Edutainmentspiele. Wollen zu viele Kinder auf einmal an die Rechner, tragen sie sich in eine Warteliste ein.

Regina Richter: Dann gibt es ganz bestimmte Regeln, die die Kinder einhalten müssen, d.h. 15 Minuten dürfen die kleinen Kinder selber am Computer die Maus bedienen. Aber sie dürfen auch vorher und nachher noch ein bisschen dabei sein, sich mit ihren Freunden besprechen, Tipps geben, wie man weiterkommt, so dass sie also maximal 45 Minuten vor dem Bildschirm sein dürfen. Wir haben so ´ne Eieruhren, die werden immer eingestellt, wenn die klingeln, wissen die Kinder ganz genau, jetzt ist der nächste dran. Die Kinder wissen ganz genau, wie die Regeln sind und halten sich dran und achten untereinander sehr darauf, dass die auch eingehalten werden.

Die Nutzung der Computer wird überwacht. Eine Erzieherin ist immer am Rechner dabei, erklärt oder hilft den Kindern. Um den Überblick zu bewahren, gibt es ein Computerbuch. Darin wird festgehalten, welche Software die Kinder gern benutzen, vor allem aber, wie oft jemand vor dem Rechner sitzt. Für die Größeren gibt es außerdem besondere Kurse.

Kind: Regina, wann machst du einen Computerführerschein?

Richter: Wenn sich wieder Kinder dafür interessieren, so drei bis vier Kinder, dann können wir einen kleinen, kurzen Lehrgang machen.

Kind: Ich interessiere mich für den Comuterführerschein.

Richter: Dann können wir nachher ja mal überlegen, wann wir Zeit haben zusammen. Und dann fangen wir an. Das heißt aber, dass wir uns drei, vier mal für eine längere Zeit treffen müssen. Weil ihr ja auch richtig lernen müsst, wie die Geräte heißen, wie man die Geräte ein- und ausschaltet und wie man sie richtig bedient.

Kind: Ich weiß schon, wie das heißt. Also ich kenn die Maus, die Taspatur, den Drucker und den Bilderrahm ... äh Bildschirm.

Ortswechsel: das' Kinderhaus im Blumenviertel, eine Montessori-Einrichtung im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg. Auch hier gibt es seit vier Jahren Computer. Das Kinderhaus ist eine Integrationskita, für behinderte und nicht-behinderte Kinder. Die Erzieherin Gisela Sendsitzky hat den Rechner vor allem eingeführt, um die sprachgestörten Kinder zu fördern.

Gisela Sendsitzky: Wir haben ganz schnell gemerkt, dass diese Kinder zu einer ganz hohen Konzentration fähig waren. Sie haben durch den Computer solche Erfolgserlebnisse, dass sie gewachsen sind. Sie haben die Zeit am Computer konzentriert gearbeitet und sind aufgestanden und waren satt, zufrieden. Sind dann mit gestreckter Brust irgendwo hingegangen und haben etwas anderes gemacht. Und diese Zufriedenheit wurde erreicht durch ein Gefühl: ich konnte etwas und der Computer hilft da mit.

Denn die Maschine fragt nicht nach: sag´s noch mal, sprich mal deutlicher! Sie akzeptiert gewissermaßen die Kinder, so wie sie sind. Selbstverständlich ist der Computer für Gisela Sendsitzky nur ein zusätzliches Mittel. Er ersetzt keineswegs den zwischenmenschlichen Kontakt.

Wie beim 'Tausendfühler' hat auch Gisela Sendsitzky zunächst auf eigene Faust mit den Computern losgelegt. Seit einem Jahr beteiligen sich nun beide Tagesstätten an KidSmart, einem Projekt von IBM Deutschland. Das Unternehmen stellt in ausgewählten Kitas so genannte 'Young Explorer' auf, kindgerechte Möbelstücke mit integriertem Computer, Tastatur und Maus. Installiert sind spielerische Lernprogramme. Das Besondere an dem Projekt: Die Erzieherinnen werden medienpädagogisch weitergebildet, denn hier gibt es in Deutschland noch große Defizite. Außerdem bietet IBM technische Unterstützung. Wenn es Schwierigkeiten gibt, muss Gisela Sendsitzky nur anrufen - schon kommt jemand.

Sendsitzky: Ich find das klasse. Ich bin dadurch als Erzieherin entlastet, denn ich kann nicht alles, alles gut. Ich kann nicht die ganze Netzwerkbetreuung. Da wäre ich überfordert. Die Zeit habe ich gar nicht. Meine Zeit ist die Hauptzeit mit den Kindern, und diese technischen Sachen liegen mir auch gar nicht so.

Doch jenseits aller Technik. Alle drei Erzieherinnen sind sich einig. Bei ihren Kindern ist das Computern eine kommunikative Angelegenheit. Von Vereinsamung kann keine Rede sein. Fast immer sitzen mehrere Kinder vor dem Bildschirm und tauschen sich aus, experimentieren gemeinsam, suchen Lösungen für Aufgaben. Auch die Befürchtung mancher Eltern, ihre Kinder könnten nur noch vor dem Computer sitzen, können Marlies Schumann und Regina Richter vom 'Tausendfühler' nicht bestätigen.

Richter: Der Computer ist bei uns wirklich nur ein Angebot von ganz vielen Sachen, und so wird das auch von den Kindern betrachtet.
Schumann: Er ist für die Kinder nichts Außergewöhnliches. Er ist nicht verschlossen und wird irgendwann mal zu Geburtstagen rausgeholt, so wie die Süßigkeiten, die immer versteckt sind, und irgendwann gibt es welche und dann muss ich mir den Bauch vollschlagen. Sondern er ist einfach als alltägliches Angebot da.
Richter): Sicherlich gibt es auch zwei, drei Kinder, die permanent immer als erste dran sein wollen, das ist ganz klar. Aber im Sommer ist der Garten viel eher gefragt als der Computer. Da haben die Kinder überhaupt keine Lust, im Raum zu sitzen, am Computer zu sitzen. Das ist für sie viel wichtiger, im Garten zu spielen, mal auf die Bäume zu klettern oder in der Matschepampe zu spielen.

Es kommt eben darauf an, den Kindern unterschiedlichste Angebote zu machen. Sie sollen sich bewegen und toben, malen und basteln, sich ausruhen - und Medien nutzen können.

Schumann: Medienpädagogik umfasst ja ganz viel, vom Buch bis zum Filmdrehen alles, und auch die Vermittlung: Wie gehe ich mit einem Buch um oder wozu ist eine Bücherei da, das machen wir ja auch. Wir versuchen Freizeitverhalten zu vermitteln. Wie kann ich meine Zeit sinnvoll verbringen. Jetzt sind sie ja noch, das haben ja die letzten Untersuchungen gezeigt, am aufnahmebereitesten und können auch am meisten lernen.

Und wie die Erzieherinnen festgestellt haben: In diesem Alter sind die Mädchen genauso an Computer und Technik interessiert wie die Jungs.

Die Kinder sind mit Begeisterung bei der Sache: Hauptsache, es blinkt und funkt. Aufgabe der Erzieherinnen ist es, diese Neugier in richtige Bahnen zu lenken und bei Auffälligkeiten einzugreifen. Bislang gab es allerdings keine größeren Schwierigkeiten. Anders in den Elternhäusern. Viele der Mütter und Väter sind verunsichert und fragen nach, ob oder wie lange ihre Kinder vor dem Computer oder Fernseher sitzen dürfen. Welche Medien für ihre Sprösslinge geeignet sind.

Sendsitzky: Es gibt so viele Möglichkeiten, es gibt Zeitschriften, es gibt diverse Fernsehsendungen, es gibt Bücher, es gibt Workshops, es gibt Vereine und jeder bietet ein Programm an und jeder meint: Ich bin der Renner, das ist super. Und da herauszufiltern, was ist für mich gut, was ist für mein Kind gut - das fällt jungen Eltern sehr schwer.

Vor allem hinsichtlich des Fernsehkonsums bemerkt Gisela Sendsitzky, dass manche Eltern zu leichtfertig sind. Dass ihre Kinder zu lange vor dem Bildschirm sitzen, Filme sehen, für die sie noch viel zu jung sind. Die Eltern darauf anzusprechen, ist aber nicht immer einfach. Es muss schon ein gewisses Vertrauensverhältnis herrschen, psychologisches Feingefühl ist gefragt.

Sendsitzky: Wenn ich jetzt auf Eltern zugehen würde sagen: Wissen Sie, was machen Sie denn da?! Wie können Sie das ihrem Kind das antun. Das wäre natürlich die Frage mit dem Holzhammer, dann wären wir unten durch und die Kinder würden noch mehr abgeschirmt: "Wehe, du erzählst was."

Mutter 1: Ich verstehe den Sinn nicht, warum man Kinder da ranführen soll. Der Computer ist ja sehr stark visuell ausgerichtet. Die ganze Welt ist ganz stark visuell ausgerichtet. Der Mensch wird immer mehr zum visuellen Wesen.
Mutter 2: Ich denke, dass ist so ein Medium, mit dem man einfach umgehen muss und je früher man damit anfängt, um so besser.
Vater 1: In Monas Kita gibt es keine Computer und das finde ich sehr gut so. Die machen einfach andere Sachen. Der Computer fehlt da nicht und wird nicht vermisst. In der weiterführenden Schule ist es noch früh genug
Mutter 3: Regel für uns ist, dass sie sich zwei oder dreimal die Woche einen halbstündigen Videofilm angucken dürfen.

Während Eltern über den richtigen Umgang mit Fernsehen und Computer sinnieren, will die Politik nun Tatsachen schaffen. Bundesweit wird zurzeit an Inhalten und Konzepten gefeilt. Denn künftig soll in allen vorschulischen Einrichtungen Medienerziehung stattfinden. Ob dafür dann auch das Geld vorhanden ist, wird sich allerdings noch zeigen müssen.
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