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Kompass • Blicke in die Gesellschaft
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25.8.2004
Der Querulant
Nervensäge? Unruhestifter? Reformer?
Von Anette Schneider

Nichts gefällt ihm, er hat an Allem etwas auszusetzen und geht den anderen Menschen auf die Nerven: der Querulant. Doch steckt im Querulantentum vielleicht auch etwas Positives? Schließlich fordert er Veränderungen und lässt nicht locker. Ist der ewige Nörgler vielleicht gar ein Reformer?

Also: Querulanten nerven!

Ein Querulant ist einer, der wider besseren Wissens ohne Argumente dagegen ist. Ich bin nur dann dagegen, wenn ich Gründe habe, dagegen sein zu können. Und dagegen sein zu müssen. Also nicht grundlos nur um, um, um ... Nein, nein! Querulant ist was anderes. Die sind neurotisch. Ich bin kein Neurotiker.

Ein Querulant nervt. Ein Querulant sitzt zwischen den Stühlen. Und: Ein Querulant ist innovativ.

Richard Herding, Informationsdienst: Also im Lexikon finden Sie unter "Querulanten" wenig Schmeichelhaftes ...

Richard Herding: Da finden sie jemand, der auf alle Fälle Streit sucht, gerade auch gerne juristischen Streit sucht, menschlich gerne Streit sucht. Und was dabei eventuell herauskommen kann an Postivem für die Menschheit, das wird da in der Regel nicht beachtet.

Der Querulant.
Klassischerweise sieht er rot, wenn ...

... wenn ihm der nachbarliche Grillgeruch in die Nase zieht, wenn Kinder beim Spielen Geräusche verursachen, wenn der Apfelbaum von nebenan Zweige in den Garten hängen lässt ...

Das Wort Querulant wird natürlich meistens missdeutet und falsch ausgedeutet. Denn der Querulant wortwörtlich heißt ja: "Einer der sich querstellt." Und Grund, sich querzustellen, haben wir eigentlich fast alle.

... Wenn ein Hahn zu früh, zu häufig oder zu laut kräht, wenn im Treppenhaus Fahrräder stehen.

Nichts ist der Aufmerksamkeit des Querulanten zu klein oder zu gering. Ein "normales Maß der Dinge" gibt es nicht: Fühlt er seine Ordnung einmal gestört, holt er aus zur großen Geste.

Er setzt Beschwerdebriefe auf, schaltet Anwälte ein, überflutet Gerichte mit Eingaben.

Und hält damit Hausverwalter, Sachbearbeiter, Anwälte und Gerichte in Atem.

Um zu Hochform aufzulaufen reicht dem Querulanten wenig.

... Grund, sich quer zu stellen haben wir eigentlich fast alle. Nur das Wort Querulant ist ein bisschen negativ belastet. Will mal sagen: Immer der, der seine Stimme erhebt, egal ob man zuhört, was er sagt ... - Allein die Tatsache, dass er die Stimme erhebt, macht ihn zum Querulanten. Zum Beispiel ...

Also, 'n Querulant nervt. Ein Querulant sitzt zwischen den Stühlen.

Wenn das alle machen würden!

Ja also, die Bundesbahn ist deshalb ein rotes Tuch für uns, weil wir die Bundesbahn lieben. Wir fahren nämlich gerne. Das heißt, wir lieben das Bahnfahren. Aber nicht die Bundesbahn. Warum? Weil sie uns permanent ein Produkt verkauft, also für ein Produkt wirbt, das es in unseren Augen nicht gibt. Ich will das mit zwei, drei kleinen Beispielen belegen.

Wenn das alle machen würden!

Bemerkungen ...

Da könnte ja jeder kommen!

Bemerkungen dieser Art gehören zu den gängigen Reaktionen auf querulantes Verhalten.
Vor allem, wenn ein Querulant sein Recht in Behörden oder anderen versteinerten Institutionen erstreiten will, rennt er meist mit voller Wucht gegen die geballte Macht eingespielter Vorschriften, Paragraphen und Hierar...

Ja glauben Sie, Sie sind ein Einzelfall?

Ich will mal einen Satz sagen, den ich bekämpft habe, seit ich in dieser alternativen, unkonventionellen oder auch linken Szene bin, der ganzen Protestbewegung seit '68 oder noch vorher auch. Das ist der Satz: "Das und das ist kein Einzelfall". Richard Herding oder Sie sind kein Einzelfall, zum Beispiel, ja? - Was ist das für ein unsinniger Satz? Der Satz wurde immer genommen, um zu begründen: Jetzt, nachdem wir gesagt haben "Das ist kein Einzelfall", jetzt kommt überhaupt erst das Wichtige. Was für ein Unsinn! Wir sollten alle anerkennen, dass wir auch Einzelfälle sein können. Und dass das auch gut sein kann. Und dass das auch interessant sein kann. Und dass man nachgucken muss: Was hat der Einzelfall denn zu sagen?

Herding: Ich meine jetzt die positiven Querulanten.

Richard Herding ist Fachmann für Querulanten und leitet den "Informationsdienst für kritische Medienpraxis", der Einzelkämpfern Öffentlichkeit verschaffen will. Dabei interessieren ihn nicht Querulanten des Kalibers:

Herding: Ich meine jetzt die positiven Querulanten, die was tun für die Menschheit oder die Gesellschaft. Und was dabei eventuell herauskommen kann an Positivem für die Menschheit, das wird da in der Regel nicht beachtet. Bei allen Querulanten, die sich an uns gewandt haben, hab' ich etwas gefunden an Berechtigung, an interessantem Punkt, der eben zwischen die Ritzen fiel oder zwischen die Systeme, und gerade auch zwischen die Organisationen und die juristischen Regelungen, die es bei uns gibt. Und es interessiert mich einfach, ich sag's mal ganz groß philosophisch: Der Mut, ein Einzelmensch zu sein. In unserer Gesellschaft, wo eigentlich alles organisiert ist. Und wenn du keine Organisation bist, dann zählst du nichts.

Sonst im Leben allgemein ist meine Parole: "Wehre Dich und geh' nicht unter. Sonst gehst du nämlich schneller unter."

Der Querulant. Einmal mit Querulieren begonnen, kommt er davon nicht mehr los. Er muss einfach weitermachen: Der Einzelkämpfer verfolgt zielstrebig und unerschrocken seinen Weg.

Wenn es die Querulanten nicht gäbe, würden die Betonköpfe, die alles entscheiden, nie auf andere Gedanken kommen. Wenn da nie jemand wäre, der sagt: "Pass mal auf, das geht auch anders", oder: "Ich sehe das so und so", und damit auf den Nerv trifft, würden die auch nie was ändern.

Er kämpft an gegen Maschendrahtzäune und Windmühlen - oder ungleichen Lohn für gleiche Arbeit. Er erklärt Fahrrädern im Treppenhaus den Krieg - oder diskriminierender Rechtsprechung.

Herding: Wenn Sie sich z.B. ansehen das heutige Recht, dass geschiedene Ehepartner das gemeinsame Sorgerecht für ihre Kinder kriegen, das war in circa 30 Jahren Bundesrepublik eine Unmöglichkeit. Es galt als selbstverständlich wenn sie geschieden sind: Wie können sie dann gemeinsam für die Kinder sorgen? Das geht doch nicht? ...

Da könnte ja jeder kommen!

Herding, lachend: Nun hatte ich also besagten Querulanten in der Eiffel, den Herrn Schinke - Lob für ihn! - der hat sich von seiner Frau aus steuerlichen Gründen scheiden lassen, (Lachen) um da sein verschuldetes Gut zu bewahren, und hat gesagt: "Wir sehen überhaupt nicht ein, dass wir kein gemeinsames Sorgerecht für die Kinder kriegen!". Und da war ihm der höchste Gerichtslevel gerade gut genug. Er wäre auch zur UNO gezogen, wenn's das gäbe, vor den Genfer Gerichtshof, oder wo auch immer, ja? Und es konnte auch Jahre dauern, und so weiter, und so weiter... - Und er hat das letzlich durchgesetzt.

Durchgesetzt gegen klassische Vorgesetzten- oder Behördensätze wie:

Das ist nun mal Vorschrift!
Außerdem machen wir das schon immer so!


Ein weiteres Merkmal des Querulanten: Er stellt sich gern quer...

Die Deutschen sind sehr feige.

... Und macht sich damit nicht immer Freunde...

Zum Beispiel wenn wir essen gehen... Die Deutschen sind sehr feige. Sie gehen in das Restaurant und lassen sich was vorgaukeln. Da kommt ein Italiener und sagt "Ahhh Signore, Directore, Professore..." - und tischt Ihnen den letzten Fraß auf und sie fressen ihn mit Vergnügen, weil er zu Ihnen "Dottore" gesagt hat, nicht wahr? - Und das machen wir nicht. Und so haben wir bei einigen Edelrestaurants für viel Geld einen Fraß bekommen, den wir aber nicht aufgegessen haben, weil wir uns gewehrt haben, und haben einen etwas besseren Fraß bekommen. Was lernen wir daraus: Immer wehren. Nichts gefallen lassen.

Aufrecht und unerbittlich verfolgt der Querulant den einmal eingeschlagenen Weg.

Sonst im Leben allgemein ist meine Parole: "Wehre Dich und geh' nicht unter. Sonst gehst du nämlich schneller unter."

Querulanten sind für mich eigentlich eher positiv besetzt. Weil die einfach was einsetzen. Auch wenn das mich vielleicht nerven würde, bin ich doch veranlasst drüber nachzudenken, und mal andersrum mir das anzugucken. Und das finde ich Klasse.

Aufrecht und unerbittlich queruliert er. Doch rebelliert er auch?
Der berühmteste deutsche Querulant dürfte...

... dürfte "Michael Kohlhaas" sein, der für sein übergroßes Rechtsempfinden ganze Städte in Schutt und Asche legte.
Das Verhältnis des Querulanten zur Obrigkeit scheint nicht ganz unproblematisch.

Herding: Also die Obrigkeiten, die Hierarchien sind erst einmal ein rotes Tuch für den Querulanten, ja. (Lachen). Alles was oben ist, ist erst einmal fragwürdig oder schlecht. Alles was unten ist, da bin ich selbst als Querulant, oder auch natürlich Sie und ich fühlen sich als unten. Und von daher muss man, wenn man da ernsthaft dran geht, natürlich auch immer was abziehen: Es gibt weiß Gott "da oben" auch vernünftig denkende Menschen, das ist unter uns gar keine Frage. (Lachen). Aber der Querulant, selbst wenn sie mit ihm mehrere Tassen Kaffee schon getrunken haben, wird daran kein gutes Haar lassen.

Besitzt der Querulant also eine anarchistische Ader?

Sonst im Leben allgemein ist meine Parole: "Wehre Dich und "

Stellt er, einmal ungerecht behandelt, herrschende Werte und Normen in Frage und unterminiert damit die Festen der Gesellschaft?

Herding: Das kann man nicht sagen. Das kann man bestimmt nicht sagen. Im Gegenteil: Einer ihrer Fehler, könnten wir sagen, liegt darin, dass sie immer ganz stark in diesem juristischen System drin bleiben. Sie versuchen sich quasi ein eigenes juristisches System zu schaffen. Aber im guten Fall, wenn Sie mit Leuten zusammenkommen, die auf sie eingehen, und sozusagen das rausziehen, was nützlich ist, und das beiseite schieben, freundlich, was einfach Spinnerei ist oder einfach nur die pure Emotion, dann tragen sie einfach zur Verbesserung des Rechtssystems bei. Also man kann eigentlich sagen, dass sie wirklich Reformer sind. Nicht subversiv, nicht unterminieren. Kohlhaas selbst, der Urquerulant, wollte eigentlich ja auch, dass das Rechtssystem gebessert wird und nicht, dass noch rechtsfreier oder rechtsloser Raum besteht.

Eines aber steht fest.

Sonst im Leben allgemein ist meine Parole ...

Fest steht: Zum andauernden Querulieren gehört Mut. Jedenfalls, wenn es gegen mehr als lärmende Kinder oder krähende Hähne geht.
Und: Zum Querulieren gehört eine schier unermüdliche Ausdauer.

Mann: ... Dann fuhren meine Frau und ich mal von Köln Richtung Hamburg. Wir gingen auch wieder in den Speisewagen. Wir lieben die Speisewagen. Wir steigen nur immer in die Speisewagen ein - und werden immer wieder enttäuscht, selten auch überrascht. - Natürlich hatten wir Hunger und bestellten ein Mittagessen. Da sagt er: "Ja, das, das, das - das haben wir nicht." - Ich sag': "Gut, dann nehme ich das. Meine Frau das." "Äh, das haben wir auch nicht." - Das ging drei, vier mal: "Haben wir nicht." Zum Schluss haben wir einen Kuchen bestellt, der nicht schmeckte. Wir an die Bundesbahn geschrieben ...

Herding: Ich hab' öfter dann den Fall gehabt, dass man im Gespräch zusammensaß und vernünftige Leute dann gesagt haben: "Mensch lass' doch ab! Das bringt doch nichts. Wie viel Lebenszeit steckst du darein!" Und so weiter, ja?

Doch in der Tat ist bewiesen:

Querulanten sind innovativ.

Kürzlich fand eine Forschergruppe der Universität Bremen heraus:

Über 80 Prozent aller höchstrichterlichen Entscheidungen werden von Querulanten erwirkt. Diese Entscheidungen gelten im Justizalltag in der Regel als Verbesserung einer unklaren, veralteten und damit überholten Rechtssituation.

Ein Querulant nervt.

Herding: Das wichtige ist der Mut, ein Einzelner zu sein. Dass man also sagt: "Nein, ich habe etwas zu sagen. Und ich bin auch jemand!"

Also ich korrigiere mich insofern: Ich bin nicht der Querulant im Sinne dessen, der da nur losbrüllt um des Brüllens wegen. Sondern wenn wir das Wort so deuten, dann bin ich ein leidenschaftlicher Querulant, weil ich meine Meinung sage und mich wirklich schon quer stelle in sehr vielen Dingen.

Querulanten sind absolut notwendig dafür, dass die Welt sich weiterdreht.
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