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Kompass • Blicke in die Gesellschaft
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23.9.2004
"Fahrn Sie doch auf meine Kosten"
Von der neuen Solidarität
Von Peter Kaiser

Öffentlicher Nahverkehr (Bild: dradio.de)
Öffentlicher Nahverkehr (Bild: dradio.de)
Das noch nicht abgelaufene Bahn- oder Busticket, die noch benutzbare Museums-, Kino- oder Theaterkarte. Oder die Mutter, die das Kind anderer Leute mit der Bahncard mitnimmt, und der Hausmeister, der nach der alten Dame mehrmals täglich schaut. Vielfältig sind die Beispiele einer neuen Solidarität, die in diesen Zeiten mehr und mehr zu beobachten ist. Denn wo viele Menschen immer weniger haben, und manche mitunter so wenig, dass es kaum noch reicht, da ist Mitmenschlichkeit gefragt. Und nicht selten steckt in dieser Mitmenschlichkeit auch eine Form des Widerspruchs gegen eine Politik, die als ungerecht empfunden wird.

Mann: Das sind Grundwerte, die Menschen leben. Das heißt, Nächstenliebe, dass jemand mitleidet, und das man auch Menschen gerne hat und liebt. Das sind die Größen, die dahinter stehen und das ist universell.
Und das geht auch durch alle Gesellschaftsschichten. Das ist in türkischen Familien so, das ist in deutschen Familien so, in russischen Familien (…)
Also wenn der Hausmeister dreimal täglich, ohne, dass ihn irgendjemand aufgefordert hat, bei einer alten Dame vorbeischaut.

Frau: Ich glaube schon, dass das soziale Klima wärmer wird.

Mann: Ihr einkauft, schaut, dass sie nicht hingefallen ist (…) All diese Dinge, die passieren sehr oft.

Frau II: Es sind neue Schichten, neue Klassen der Gesellschaft, die sich da aufbauen

Sozialarbeiterin Caritas: Es ist zwar dann die Solidarität derjenigen untereinander, die wenig haben.

Mann: Also die Nachbarn, die selbstverständlich einkaufen gehen, die mitkochen, wo jeden Tag etwas zu essen einfach rübergebracht wird, und (…) es wird ganz selbstverständlich abends nochmal nachgeschaut, ob jemand wirklich ins Bett gegangen ist, oder ob er nicht hilflos irgendwo liegt. Das sind sehr stille Dinge, und die werden aus einer gelebten Mitmenschlichkeit gemacht. Und das passiert öfter, als man vielleicht gemeinhin denkt.

Es ist ein wenig wie bei einem Wetterbericht mit gefühlten Temperaturen: das soziale Klima in den deutschen Städten und Gemeinden wird von vielen als eher frostig empfunden, für manche ist es schon kalt. Denn überall wird eingespart, werden Sozialleistungen gekürzt, Jobs wegrationalisiert. Wer in diesen Zeiten nicht mit einem sichereren finanziellen Polster ausgestattet ist, und/ oder einem passablen, Monat für Monat stetig fließenden Einkommen, der hat immer größere Mühe, seinen Alltag zu gestalten.
Agnes Bleyleven-Homann ist Sozialarbeiterin einer Beratungsstation der Caritas in Berlin-Charlottenburg, einem gutbürgerlichen Bezirk in Berlin.

Sozialarbeiterin-Caritas: Es kommen zusehenst Familien, die bisher immer noch ganz normale Bewohner des Bezirkes waren, ohne große soziale Probleme. Und die Situation der Arbeitslosigkeit, der Belastung, der finanziellen, drängt immer mehr Menschen dahin, hier nachzufragen, ob es irgendwelche anderen Unterstützungsmöglichkeiten gibt, um irgendwelche Dinge, die eben passieren müssen, Mieten zu bezahlen, Bewag-Rechnungen zu bezahlen. (…) Insbesondere auch von Akademiker-Familien, von sehr durchschnittlich ausgebildeten Familien, die auch Beruf haben, oder auch von Menschen, die im Beruf sind, und nur sehr sehr kleine Einkommen zur Verfügung haben. (…) Die Erfahrung ist, die Sprechstunde wird immer voller.

Doch während viele Menschen immer weniger Geld haben, der scharfe Luftzug der Einschränkungen, mitunter der Armut, durch die Städte und Gemeinden weht, macht sich, ganz entgegengesetzt dazu, mehr und mehr eine neue Form des sozialen Miteinanders unter den Menschen bemerkbar. Diese, manchmal verblüffend kreative Solidarität, wirkt wie ein warmer Luftzug in dieser Zeit.

Frau I: Zum Beispiel wenn ich BVG fahre, und ich ziehe mir einen Einzelfahrschein, dann ist das schon so, dass ich den in den Automaten zurücklege, in die Fahrscheinausgabe unten rein, so dass sich der Nächste den nehmen kann, den abgestempelten. Und er kann dann überprüfen, ob er den brauchen kann oder nicht. Früher mit den zwei Stunden Gültigkeit war das ja sehr einfach. Aber das hat de BVG ja unterlaufen. Jetzt darf man ja nur in eine Richtung. Damit fallen schon mal 50 Prozent aller möglichen Leute aus. Und ich werde auch in letzter Zeit häufiger gefragt. An den Ausgängen stehen immer häufiger Menschen, die nach Fahrscheinen fragen Ob man noch einen gültigen Einzelfahrschein hat? (…) Ich kriege öfter welche geschenkt. Also es ist durchaus so, dass mir das öfter passiert ist, dass ich angesprochen wurde auf dem U-Bahnhof, ob ich denn noch einen Fahrschein brauche. Und wenn ich einen brauchte, dann habe ich den genommen, ja.

Mann: Was ich gebe, das sind abgefahrene Fahrscheine, BVG. Das gefällt mir, die Idee von jungen Menschen (…)

Frau I: (…) also es waren weder besonders junge Leute, noch besonders alte Leute. Ich habe einmal von einer sehr gut gekleideten Frau in Zehlendorf einen Fahrschein geschenkt bekommen, ich habe in Kreuzberg von einem Punk einen Fahrschein … also (…) das geht durch alle Schichten, durch alle Alterklassen. Offensichtlich gibt es so eine Bereitwilligkeit, seinen Fahrschein weiterzugeben.
Ich bemerke, in den letzten zwei Jahren hat es zugenommen, dass ich entweder Fahrscheine angeboten bekommen habe, bzw. dass ich selber auch angefangen habe darauf zu achten, konsequent meinen Fahrschein weiterzugeben, oder in den Automaten zu legen, wenn der Bahnhof grade leer war oder so. (…) Naja, meine eigene Erklärung ist, dass (…) ist eine Form von sozialem Teilen. Dass immer mehr Menschen weniger Geld zur Verfügung haben, und man dadurch auch natürlich Geld sparen kann. Und es ist auch so eine Art sozialer Widerstand, oder so habe ich mir das erklärt. Naja, die BVG macht einfach eine Fahrpreispolitik, das ist nicht mehr nachvollziehbar. (…) Und wenn man dann parallel dazu hört, dass die BVG vom Rechnungshof kritisiert wird für ihre hohen Managergehälter, dann steht das in keinem Verhältnis mehr.


Doch nicht nur der weitergegebene Fahrschein im Bus oder der U-Bahn, das noch nicht abgelaufene Parkticket, die noch benutzbare Museums-, Kino-, Zoo-, oder Theatereintrittskarte sind Beispiele für jene neue Solidarität unter den Menschen, sondern auch eine andere Form der Leistungsbezahlung. Denn es muss eben nicht immer Geld sein.

Frau II: Ich hatte früher immer eine Steuerberaterin, die meine Steuererklärung gemacht hat. Das heißt, eigentlich habe ich sie immer noch, aber ich bezahle sie nicht mehr. Sondern wir haben uns auf eine andere Ebene eingelassen. Also wir kennen uns ja nun schon ein bisschen länger, und ich habe irgendwann mal erzählt, dass ich ganz gut nähen kann, und das hat sie auch gesehen, was ich so anhabe. Und dann hat sie mich irgendwann mal gefragt, ob ich ihr auch was nähen könnte, eine Hose. Und dann habe ich gesagt, klar, ich nähe dir eine Hose, und dafür machst du mir die Steuererklärung. Damit war sie vollkommen einverstanden, und seitdem machen wir das jetzt so. (…) Also es ist ja so, vor zehn Jahren waren wir ja alle noch ein bisschen besser finanziell ausgestattet, und da wären solche Tauschgeschäfte glaube ich gar nicht möglich gewesen. Da wäre das auch gar nicht soweit gekommen, das wäre einem auch peinlich gewesen, der Steuerberaterin irgendwie was auf dieser Ebene anzubieten. Heute hat sich das dadurch geändert, dass wir alle ein bisschen weniger verdienen, und weniger Geld zur Verfügung haben. Also versucht man mehr auf einer anderen Ebene Leistungen zu erbringen, also weg von dem Geld, und mehr eben, dass man so ein bisschen zusammenrückt eigentlich.

Frau I: Ja, dadurch, dass man bei der Bahncard Kinder, man muss sie nur bei Fahrscheinkauf angeben, dass man sein eigenes Kind mitnimmt. Und dann ist das schon öfter mal vorgekommen, dass ich verreist bin, beruflich verreist bin, und es ergab sich, dass das Kind von einer Freundin zu den Großeltern musste, zeitgleich, sollte, und dann habe ich es mitgenommen. (...) Ich weiß nicht, ob man das so ohne Weiteres machen kann, so ein fremdes Kind mitnehmen (…) Ich habe dann halt eine Vollmacht bekommen, dass ich das Kind auf der Reise von A nach B begleite, als Erziehungsberechtigte begleite, und es war dann halt immer die Hoffnung, dass das dann auch durchgeht.

Dass Mütter sich untereinander helfen und stützen, war vielleicht schon immer so. Doch es gibt immer mehr allein erziehende Frauen, deren Unterstützungen vielfach weg brechen, da die Väter arbeitslos sind und den Unterhalt nicht mehr aufbringen können. So rücken die Frauen noch enger zusammen.

Frau I: Dinge werden nicht mehr so ohne weiteres achtlos weggeschmissen. Ich achte schon darauf, wem ich die zu klein gewordene Kinderkleidung weitergeben kann. Mütter, die sich untereinander kennen, die verschenken dann schon die Sachen, die sie unter Umständen selber geschenkt bekommen haben, von den Großeltern oder so, das wird dann einfach weitergegeben. Manchmal auch für ein geringes Entgeld verkauft, das kann auch passieren, bei hochwertigen Sachen, (…) Also einerseits ist es so, dass Kinder immer noch frei sind, für Kindermedikamente zahlt man nichts, generell. Es ist aber so, dass diese Beiträge irgendwie gedeckelt sind. Und ich habe es dann schon erlebt, dass es Kinderarztpraxen gibt, habe das auf dem Spielplatz mitbekommen, wo, was weiß ich, Hustensaft wird nicht mehr bezahlt, oder fiebersenkende Mittel per se. Und dann habe ich das schon mal erlebt, dass eine Mutter Medikamente weitergegeben hat.

Sachbearbeiterin-Caritas: Ja, das ist ein Beispiel von einem älteren Herrn (…) er bekommt eine kleine Rente, und hat eben ergänzend Sozialhilfe. (…) und dann hatte er vor vielen vielen Jahren eine Augen-OP, und muss deshalb zweimal am Tag seine Augentropfen nehmen. Diese Medikamente werden nicht verordnet, sind nicht vom Arzt verordnet, können wohl auch nicht vom Arzt verordnet werden, (…) das heißt, er muss sie sich selber kaufen. Und hat nicht das Geld, um zwei Fläschchen, das sind acht Euro im Monat, Augentropfen zu kaufen. Wir haben hier sogar erlebt (…) dass Apotheken, oder eine Apotheke, angerufen hat und gesagt hat, ich habe hier jemanden, der muss die Medikamente haben, aber der hat kein Geld in seinem Portemonnaie. Was mache ich denn jetzt? Aber ich weiß, er muss sie nehmen. Und solche Nöte, die sind schon sehr beeindruckend. Daran wird auch deutlich, wie wenig manche Menschen zur Verfügung haben, und was es heißt, den Alltag dann zu bestreiten.

Vielleicht ist jene neue Solidarität, das ganz selbstverständliche Miteinander in schwierigen Zeiten, eine Art Reflex auf eine Politik, die als ungerecht empfunden wird, weil die Lasten nicht ausgewogen verteilt sind. Und wenn auch diese Solidarität nicht unbedingt schon ein Widerstand dagegen ist, so ist sie doch eine Art Entgegenstehen, zumindest ein Widerspruch.

Frau I: Ja, sicherlich. Also ich würde sagen, einerseits ist das so, wo sich Volkes Zorn über Preispolitik, über steigende Preise, über gleichzeitigen Lohnverzicht, und immer schlechteren Tarifabschlüssen, sucht sich so Volkes Zorn eine sehr kreative, konstruktive Art, dann doch Geld zu behalten.

Sachbearbeiterin-Caritas: Wut ist vielleicht nicht der richtige Ausdruck. Ich spüre oft Hilflosigkeit den Menschen gegenüber, die das trifft, und denke so häufig, so kann es nicht weitergehen. Also wenn jetzt am 1. Januar 2005 Harzt II kommt, dann gibts ja wesentliche Veränderungen. Die größte, sehr einschneidende Veränderung für unsere Klienten wird die sein, dass die Menschen keine, oder nur noch für sehr wenige Dinge einmalige Leistungen beziehen können, (…) so dass ich schon sehe, dass im nächsten Jahr Menschen hier sitzen, die mir sagen, mein Kühlschrank ist kaputt, ich habe das Geld nicht, um mir einen neuen zu kaufen (…) Und dann werden wir überlegen, ob man die Sachen vielleicht auf einen Balkon stellen kann, oder wo man wie dann einkaufen geht, damit man nicht noch mehr Geld reinbuttert, weil die Sachen schlecht werden. (…) So existentiell wird es werden.

So sind die Aussichten auf ein besseres soziales Klima derzeit eher düster. Dass zunehmend Menschen sich aber das Wichtigste dadurch nicht nehmen lassen, ihre Mitmenschlichkeit, ist tröstend. Denn sicher ist; was sie einem Anderen Gutes tun, wird ihnen einmal selbst getan werden.

Mann: (…) also wie ich das auch häufig erlebe, dass Krankenschwestern länger bleiben und auf eigene Kosten arbeiten und das auffüllen, auffangen, was nicht mehr bezahlt werden kann von den zu Pflegenden, den hilflosen Menschen. Diese Dinge. Wo ich meinen Sachverstand und meine Kompetenz rein werfe, und versuche Dinge zu regeln, wo ich denke Halt, hier muss etwas passieren, und da wird dann auf eigene Kosten telefoniert, das kann ich nicht mit meinem Arbeitgeber abrechnen, da investiere ich meine private Zeit, obwohl das nicht bezahlt wird, auch nicht gewünscht ist, (…)

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