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Kompass • Blicke in die Gesellschaft
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24.9.2004
"Fahr' zur Hölle!"
Moderne Höllenvorstellungen
Von Eva Mayer-Wolk

"Fallas Fiesta" - Winteraustreibung in Spanien (Bild: AP)
"Fallas Fiesta" - Winteraustreibung in Spanien (Bild: AP)
Es ist lange her, dass man Kindern wie Erwachsenen damit Angst gemacht hat, dass Sünder in die Hölle kommen. Heute benutzt man den Begriff "Hölle" eher für Situationen im Diesseits: Man hat beispielsweise "höllische" Zahnschmerzen oder wünscht andere "zum Teufel". Was stellt man sich in der postmodernen Welt unter Hölle vor?

Von zwei Brüdern kommt der eine in den Himmel und der andere in die Hölle. Nach einiger Zeit treffen sie sich wieder und tauschen Erfahrungen aus. Sagt der eine: "In der Hölle ist es gar nicht so schlimm. Ich muss einmal am Tag einen Wagen mit Holz schieben - das ist alles." Darauf der Bruder: "Im Himmel muss ich die Sterne putzen, die Wolken schieben und morgens die Sonne wecken." Da fragt ihn der Andere: "Warum müsst ihr denn so viel schuften?" - "Keine Leute", stöhnt sein Bruder, "keine Leute..."

Warum sind Witze komisch? Weil sie uns einen Spiegel vorhalten, ohne dass wir's merken. Dieser Witz demonstriert, was wir von uns Menschen halten - nämlich, dass die wenigsten ein Leben führen, mit dem sie sich das Himmelreich verdienen.
In der Konsequenz hieße das: Die meisten von uns werden nach ihrem Ableben wohl in die Hölle müssen - mal vorausgesetzt, wir glauben an ihre Existenz.

Frau 1: Ich war sehr religiös - ich hab' zu einer evangelischen Freikirche gehört jahrelang - so von 14 bis 22 ungefähr. Ich war damals fest davon überzeugt, dass es ein Leben nach dem Tod gibt, dass es Himmel gibt und Hölle. Wobei - ich konnte mir die Hölle nicht so richtig vorstellen. Ich war auch nie bereit, sie mir so richtig gruselig vorzustellen. Das hat, denke ich, schon etwas damit zu tun, dass die Evangelische Kirche sehr stark von Vergebung ausgeht, von einem guten, liebenden Gott, der alles verzeiht. Und ich glaub, ich hab mich schon so ein bisschen aus dieser Höllenvorstellung rausgerettet damit, dass ich dachte: Egal, was ich getan habe, er wird mir dann schon verzeihen und ich komm' um diese Hölle drumrum.

Junger Mann: Also die Hölle ist für mich mehr so'n Phantasieprodukt. Für mich gibt's da keine Unterscheidung zwischen Himmel und Hölle, dass ich jetzt sag', ich muss mich so und so aufführen, dann komm' ich dorthin oder dorthin, also das gibt's für mich nicht.

Frau 2: Früher, da hab' ich sehr viel an die Hölle geglaubt. Ich hatte fürchterliche Angst davor, ich hab' mir die auch ganz schlimm vorgestellt, mit viel Feuer und viel Leiden, also vor allem viel körperlichem Leiden. Es gibt eine Bibelstelle, die heißt: "Es werden alle Sünden verziehen, nur die Sünde wider den Heiligen Geist nicht." Und diese Stelle, die hat mich als Kind völlig geknechtet, möcht' ich mal sagen, weil ich nicht wusste, was das genau ist, und ich total Angst hatte, dass ich das begehe. (lacht) Ich hab' dann ständig irgendwie gedacht: Scheiß Heiliger Geist! (lacht)

Älterer Mann: Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein barmherziger Gott, der ja in allen Religionen vorherrscht, Menschen so abstraft und in ewige Verdammnis stürzt, das glaub' ich nicht.

Frau 3: Es gibt ja den schönen Ausspruch: "Hölle auf Erden". Und für mich gibt es die Hölle überhaupt nur auf Erden - nicht in irgendeinem Jenseits, falls es das überhaupt gibt.


MUSIK : "Das ist die Hölle" von Wolfgang Petry

Hab' keinen blassen Schimmer
Was hier mit uns passiert
Das Ende ist für immer
Ich hab' mich ruiniert

Das ist die Hölle
Ich hab' die Liebe einfach satt
Das ist die Hölle
Ich lieg' am Boden und bin platt
Du bist für mich die Größte
Doch ich werd' immer wieder schwach
Das ist die Hölle
Und nicht zu Knapp


"Daß es eine ewige Hölle gibt, ist ein unumstößlicher Glaubenssatz. Die Heilige Schrift spricht zu oft und zu eindeutig von ihr. (…) Die kirchlichen Lehrentscheidungen über die Hölle besagen ein Dreifaches:
1. die Höllenstrafen sind ewig;
2. die Verdammten sind auf ewig von der Anschauung Gottes ausgeschlossen und leiden die Qualen des Feuers;
3. die Strafen der Verdammten sind ungleich."

So steht es noch im "Lexikon religiöser und weltanschaulicher Fragen" aus dem Jahr 1980. Die Theologen unserer Tage scheinen das so nicht mehr stehen lassen zu wollen. Zum Beispiel Peter Neuner, Professor für Katholische Theologie an der Uni München:

Christliche Botschaft ist, dass wir von unserer Höllenangst, von den Ängsten, von denen wir umgeben sind, und die wahrscheinlich die meisten Menschen irgendwann einmal peinigen, dass diese Höllenängste überwunden sind, dass wir erlöst sind. DAS ist christliche Botschaft - nicht die Botschaft von einer Hölle und von einer ewigen Verwerfung.

Vorstellungen von einer dreistufigen Welt - Überwelt, Unterwelt und die Welt, auf der wir leben - das entspricht früheren Weltbildern, war damals vielleicht auch gar nicht anders denkbar und vorstellbar. Aber dass das mit unserer heutigen Sicht nicht mehr übereinstimmen kann, ist offensichtlich.

"Allein wer hat mehr Ursache die Hölle zu fürchten: derjenige, welcher in der Ungewißheit ist, ob es eine Hölle giebt und in der Gewißheit der Verdammniß, wenn es eine giebt, oder derjenige, welcher in der festen Ueberzeugung lebt, daß es eine Hölle giebt und in der Hoffnung erlöst zu werden, wenn sie ist?"
Aus: Pascal "Gedanken über die Religion"

Theologe Prof. Neuner: Also, insgesamt kommt das Ganze sicher aus der vorderorientalischen Welt. Im Alten Testament, im Neuen Testament spielen derartige Vorstellungen zweifellos eine Rolle. Und es war immer wieder so, dass in großen Umbruchsituationen, in Katastrophensituationen Menschen Hölle erfahren haben, und zwar hier, konkret in dieser Welt, auch in ihrem Inneren, in ihren Nöten, in ihren Ängsten. Das finden wir ja bis hinein in die moderne Literatur und auch in der derzeitigen Malerei. Oder denken Sie an mittelalterliche Vorstellungen - Hironymus Bosch und Umgebung. Insgesamt scheint mir dahinter zu stecken die Not, in der Menschen gelebt haben - die innere Not, die psychische Not, die Not in der Gesellschaft, die Not von Kriegen, die ihnen diese Hölle als unmittelbares Erlebnis, als unmittelbare Erfahrung gleichsam aufgezwungen hat …

Die Schattenseiten des irdischen Daseins sind demnach die Grundlage für die Vorstellungen davon, wie die "Hölle" aussieht und wie sie sich anfühlt. Dazu gehören Erlebnisse, aus denen die Betroffenen die Überzeugung gewinnen: Die Hölle ist hier auf Erden, nirgends sonst. Die Bewertung von Erfahrungen ist naturgemäß subjektiv, also abhängig vom Individuum, das sie durchmacht. Entsprechend groß ist die Bandbreite dessen, was als "höllisch" empfunden wird. Sartre beispielsweise war lakonisch der Meinung: "L'enfer, c'est les âutres" - die Hölle sind die Anderen.


Frau 2: Ich hab' also mittlerweile eigentlich keine Vorstellung mehr von "Hölle". Ich benutz' das Wort schon manchmal - in einem Zusammenhang z.B. sag ich dann auch, ich bin durch die Hölle gegangen. Und das war so 'ne Zeit, wo ich sehr lange sehr depressiv war. Das war eine schwarze, dunkle Zeit des "Unlebens".

Junger Mann: Den Begriff möcht' ich so nicht verwenden. Ne Hölle, wie sie sozusagen gelehrt ist, ist etwas… Wenn man sich nicht richtig verhalten hat, kommt man in die Hölle. Und wenn jemand sagt, der macht gerade die Hölle auf Erden durch, oder er selber glaubt, er macht jetzt gerade die Hölle auf Erden durch, dann wäre das ja im Prinzip ein Anzeichen dafür, dass er das verdient hätte. Und das möcht' ich auf keinen Fall werten. Ich möchte von keinem annehmen, dass, wenn er jetzt gerade was sehr Schlimmes durchmacht, dass ich dann annehme, na gut, dann wird er's wohl verdient haben, weil das ist ja fast schon die Hölle für ihn.

Älterer Mann: Für mich ist Liebesentzug Hölle, außerhalb meines Familienverbundes zu leben, ohne Anbindung zu einer Gottesbeziehung zu leben. Hölle wär' für mich, nicht in Bayern zu leben, keine gesunden Lebensmittel, keine naturnahen Lebensmittel konsumieren zu dürfen, das wär' alles für mich Hölle.

Frau 1: Es gibt Momente, da habe ich das Gefühl, das ist jetzt die Hölle auf Erden. Aber eigentlich wär's vermessen, das so zu sagen, wenn man es wiederum in Relation setzt zu dem, was andere Menschen in ihrem Leben schon durchmachen mussten.

Frau 3: Natürlich hat es auch in meinem Leben schlimme und traurige Dinge gegeben. Aber die Hölle - die ist mir auf jeden Fall erspart geblieben. Also zum Beispiel, wenn man einen geliebten Menschen verliert oder einer Vergewaltigung mehr schlecht als recht entkommt - das sind natürlich grauenhafte Erlebnisse. Aber die Hölle ist für mich nicht ein furchtbares Ereignis, sondern ein Zustand. Ein Zustand von Ausweglosigkeit, Demütigung, Ohnmacht - und Ungerechtigkeit.

Wozu ist die Hölle gut? Oder anders ausgedrückt: Wozu wurde sie "erfunden"? Auch die Ansichten zu dieser Frage basieren auf menschgemachten Moralvorstellungen von gut und böse.

Junger Mann: Man könnte sich das vorstellen, als hätte sich das hier jemand ausgedacht als Druckmittel, nach dem Motto, mach dies nicht, mach jenes nicht, sonst kommst du in die Hölle. Und wenn man fragt, was ist die Hölle - dann muss sich ein Mensch natürlich was ganz Furchtbares einfallen lassen, sonst funktioniert dieses Druckmittel nicht. Also diese Hölle, die ist relativ menschlich-hausgebacken, sag ich mal, in den Vorstellungen; keiner ist bis jetzt aus der Hölle zurückgekehrt und hat berichtet, wie's da ist. Und deswegen seh' ich dem Ganzen sehr gelassen entgegen.

Frau 2: Ich denke, jede Person hat in ihrem Leben auch genug Dinge zu stemmen oder zu bestehen. Was ist Hölle, also … Vielleicht ist es immer die nicht schöne Erfahrung, die schmerzvolle, ob physisch oder psychisch. Es ist aber letztlich die Erfahrung, die dich das Andere auch wahrnehmen lässt. Ohne den Gegensatz würdest du das Schöne nicht erleben.

Frau 3: Die Vorstellung von der Hölle jenseits ist ja eigentlich, dass sie die gerechte Strafe für die Sünden ist, die man begangen hat. Und für mich ist die Hölle auf Erden genau das Gegenteil. Die Hölle bedeutet unter anderem Ungerechtigkeit - die Hölle ist das, was Menschen anderen Menschen antun.

Und was kommt nach der Hölle auf Erden? Gibt es auch eine im Jenseits? Selbstverständlich sind auch das Fragen, auf die man nur ganz persönliche und nicht etwa allgemeingültige Antworten geben kann. Weil der Mensch aber so gebaut ist, dass er in aller Regel nach Sinn sucht, hoffen, glauben, erwarten viele so etwas wie Konsequenzen, zum Beispiel: einen Himmel als Belohnung für richtig gelebtes Leben, eine Hölle als Strafe für ein falsch gelebtes.

Die Sterbeforschung beschäftigt sich mit Leuten, die, so scheint es, einer Antwort so nahe kamen, wie es dem Menschen überhaupt möglich ist: Sie haben eine Nahtod-Erfahrung gemacht, das heißt, sie waren dabei, zu sterben, hatten Herzstillstände, waren also kurzzeitig klinisch tot und wurden von Ärzten ins Leben zurückgeholt. Der Nahtod-Forscher Michael Schröter-Kunhardt hat viele tausende solcher Fälle studiert. Sein Resümee:

Sterbeerfahrungen sprechen alle dafür, dass wir unser Leben zu verantworten haben, mehr oder minder stark. Und dass diese Verantwortung sich in dem spiegelt, was ich im Lebensfilm dann ankucken muss. Manche Leute sagen dann: Ich hab alle Gedanken, alle Taten, alle Worte von mir wieder erlebt - und die Reaktion der Leute darauf habe ich gesehen oder gespürt und wusste genau: Das war richtig oder das war falsch.

Das heißt, damit kann man sagen: Es wäre schon die Hölle, wenn ich erlebe, dass mein Leben eine Katastrophe war: Dass ich gemordet habe oder Kinder missbraucht oder Geld gemacht auf Kosten anderer zum Beispiel. Das wäre schon die Hölle.
Saddam Hussein hat eine Million Leute umgebracht. Hitler noch mehr. Das kann nicht ohne Konsequenzen bleiben, wenn die ihren Lebensfilm sehen müssen und das erleben, was die alle dabei gefühlt haben, wie sie umgebracht worden sind. Es ist also sehr wahrscheinlich, dass wir nach dem Tod das erleben werden, was wir hier realisiert haben. Und dann heißt das natürlich, dass die Leute, die hier 'ne Hölle in sich trugen, werden auch 'ne Hölle erleben.



Theologe: Ich würde davon ausgehen, dass die Hölle eine theoretische Möglichkeit ist der absoluten Gottesferne, der individuellen Ablehnung des Einzelnen des Heils - aber dass es eine theoretische Möglichkeit bleibt, die konkret nicht verwirklicht ist.

Frau 1: Mein Gefühl ist - also ich möcht' jetzt nicht unbedingt schon sterben, aber dass ich schon rückblickend sagen kann: So, wie's bisher war, hab' ich mein Leben gut gelebt, und wenn's sein müsste, könnt' ich jetzt auch gut gehen. Und von daher geh' ich mal davon aus, dass das, was danach kommt, auch nicht schlecht sein kann, was immer es sein mag.

Junger Mann: Also ein Evangele stirbt, muss in die Hölle, steigt die Stufen hinab. Der Teufel erwartet ihn, sagt ihm, du bist jetzt in der Hölle, ich zeige dir mal kurz, was hier so abgeht und so… Da hinten ist das große Buffet, da hast du das Solarium, dort ist der Swimmingpool. Abends ist immer Disco, wir machen's uns ganz gemütlich. Da denkt er: Ist ja eigentlich ganz schön hier! - Und dann sieht er weiter hinten so einen Bretterverschlag. Und da kommen Schreie raus, und da muss es ganz furchtbar sein. Da geht er dort hin und guckt durch ein Astloch: Da drin ist glühende Lava, und da sind Menschen, die ersticken in dieser Lava und schreien und haben Todesangst. - Und da wendet er sich an den Teufel und sagt, du, was ist denn da los, hier ist alles so toll und dahinten in diesem Bretterverschlag, was ist denn das! - Da sagt der Teufel: Ach das! Das sind die Katholiken. Die wollten das so!



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