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13.9.2004
Ausländische Polizisten in Deutschland
Von Lutz Bunk

Razzia in einer Moschee in Bochum (Bild: AP Archiv)
Razzia in einer Moschee in Bochum (Bild: AP Archiv)
Einige tausend Polizisten sind in Deutschland türkischer Abstammung, Türken mit deutschem Pass, - und auch ohne, wie eine Änderung im deutschen Beamtengesetz 1993 möglich machte, wonach auch Ausländer mit fremdem Pass Beamte werden dürfen, "wenn ein Bedürfnis vorliegt". Sind da nicht Identitätsprobleme vorprogrammiert? Wie fühlt man sich als Türke in einer deutschen Uniform? Lutz Bunk lernte zwei auf ihren Dienststellen in Berlin kennen und fragte nach.

Yasin Köylü: "Ja, einige sind auch irritiert, wenn es dann mal zur Sprache kommt, dass ich nicht rein Deutscher bin, dann wurde ich auch schon gefragt: wie, Du bist Polizist, wie geht denn das? Kann ich mir gar nicht vorstellen. Und ich weiß gar nicht, was ich drauf antworten soll, is komisch, ja. Was wollen die Leute? Ist schon seltsam."

Atila Hewenk: "Also 5 x beten tu ich nich, wo sollt ik beten? Normalerweise könnt ich mir ne Ecke suchen, wo ik beten könnte, aber ik mache et einfach nich. Aber ik glaube an allah, ich habe den islamischen Glauben, bin Moslem. Also wenn ich fragen würde, meine Dienststelle is nich so, die würden mir das auch genehmigen, da sagt aber auch der Koran, z.B. wenn man jetzt nicht beten kann, dann kann man auch verschieben zu ner bestimmten Zeit."

Auch deutsche Polizisten sind Moslems, zwei von ihnen sind Atila Hewenk.

"Jenau, Heinrich, Emil, … Nordpol, Kaufmann.”

Und Yasin Köylü.

"Täglich beten tue ich nicht, wenn ich frei habe, gehe ich zum Freitagsgebet, zum Ramadan jeden Tag in die Moschee zum Beten."

Wie soll man sie nennen? Ausländische Polizisten? Polizisten mit nicht rein deutsch-ethnischer Herkunft? Egal, in Berlin sind's sowie ausnahmslos Türken, - mit deutschem Pass. Den man als ausländischer Polizist aber nicht zwangsläufig bräuchte. Allein um verbeamtet zu werden, muss man Deutscher sein. Nur das Bundesland Hessen macht in dieser Beziehung von einer Ausnahmereglung im Gesetz Gebrauch, nach der z.B. auch Bürger mit türkischem Pass deutsche Beamte in Uniform werden dürfen, wenn ein Bedarf besteht. Einen italienischen Polizisten soll es in ganz Deutschland nicht geben.

Polizeidirektion 1. Tiergarten-Süd. Drogen, Überfälle, Prostitution, 5 Minuten vom Regierungsviertel entfernt. Neben dem Hauptgebäude ein kleiner Flachbau. Kein Hinweis, kein Schild: nur eine graue Stahltür mit Klingel. Das Hauptquartier der Zivilfahnder, harte herzliche Gesichter, wie man sie von Seeleuten und Bergsteigern kennt, zuständig für einen der Haupt-Kriminalitätsschwerpunkte Berlins.

Einer von ihnen ist Yasin Köylü, 27 Jahre alt, Kommissar und Zivilfahnder, seine Dienstkleidung heute: weiße Jeansjacke und dicke Silberkette, neben ihm liegt eine schwere Dienst-Pistole. Nach dem Abitur studierte Yasin Köylü zunächst Chemie, ging dann aber doch zur Polizei. Und - wie sind sie nun, die Deutschen und die Türken?

Yasin Köylü: "Ich hab den Vorteil, dass ich als Deutscher und als Türke aufgewachsen bin, dadurch dass meine Mutter Deutsche und mein Vater Türke ist, war das für mich einfacher, die beiden Kulturen zu differenzieren, und mir das beste aus den jeweiligen rauszusuchen.

Was mir ganz stark aufgefallen ist, ist diese Herzlichkeit, dieses Miteinander, dieses Untereinander, das fehlt mir bei den Deutschen, so 'n bisschen. Ich hab's halt gern, ich bin gerne mit Türken zusammen, weil da ist das Miteinander einfach herzlicher, ja, bei den Deutschen ist es irgendwie, na ja, nach außen hin, im Innern ist man es ja auch, aber man weiß, dass es nicht so extrem ist, wie unter den Türken."


Und was können die Türken nicht so gut? Gleichzeitig wohl auch der Grund, warum es keine italienischen Polizisten in Deutschland gibt:

"Pizza !”

Wie viele Polizisten es in Deutschland gibt, deren Eltern nicht deutscher Abstammung waren, ist statistisch nicht erfasst. In Berlin, so schätzt Kommissar Köylü, dürften es einige Hundert sein. Während die Medien oft dazu neigen, die Zahl nicht-deutsch-stämmiger Polizisten eher niedrig zu rechnen, ist die türkische Bevölkerung Berlins im Vergleich zur deutschen annähernd gleichberechtigt vertreten. 1999 warb die Polizei sogar mit einem Plakat: "Wenn sie Berliner Türke sind, stehen die Sterne für Sie besonders günstig." Darunter formten Polizeisterne einen Halbmond.

Atila Hewenk, heute 37 Jahre alt, Zivilfahnder bei Verkehrsdelikten in der Direktion 6, war ursprünglich Schlosser und entschied sich erst mit 24, Polizist zu werden. Seine Freizeit verbringt er, wie Kommissar Köylü auch, meist mit Türken. Dort findet man mehr:

"Det hörts sich vielleicht doof an, vielleicht Nächstenliebe, bzw. Respekt voreinander. Da gibt's so 'n Sprichwort, det gibts vielleicht auch im Deutschen. Was Du säen wirst, wirst Du auch irgendwann ernten. Sagt mein Vater immer. Alles was Du machst, das wirst Du auch ernten."

Deutscher Polizist in Frankfurt (Bild: AP)
Deutscher Polizist in Frankfurt (Bild: AP)
Hewenks Vater kam als Schweißer nach Deutschland, Atilas Brüder sind Polizist und Diplom-Psychologe, seine Schwester studiert Zahnmedizin. Bisher funktionierten türkische Familienstrukturen. Als Polizist auf der Strasse macht man allerdings auch zunehmend andere Erfahrungen. Besonders wenn Alkohol im Spiel ist, unterscheiden sich türkische und deutsche Jugendliche nicht mehr voneinander. Die Welt, die Atila Hewenk bei seiner Arbeit erlebt, ist geprägt von den, seiner Meinung nach, zwei Hauptübeln in der deutschen Gesellschaft: Respektlosigkeit und Kommunikationslosigkeit.

Atila Hewenk: "Man hat keinen Respekt mehr, auch nicht vorm Alter, überhaupt vor keinem Menschen, jeder macht det, was er will, und irgendwann führt das dann bestimmt zum Chaos, sag ich mal. Ja, am besten die Tür zu und keiner quatscht mit keinem, Alter, mach bloß die Tür zu, ey. Und das verfremdet allet, und keener kennt Keenen, und dann weißt du auch nicht, was im Haus los ist."

Und wer alleine ist, der bekommt Angst vor jenem anderen. Natürlich, nicht jeder Türke ist ein Gutmensch. Kommissar Köylü schüttelt mitleidig den Kopf, wo's knallt, da knallt's, und es knallt eben, gerade in seinem Revier. Und angesichts der Zahl ausländischer Straftäter allgemein kann er die Ängste von Edmund Stoiber verstehen, die Türken gehörten nicht zum Abendland.

Yasin Köylü: "Ich kann's nachvollziehen, was er sagt, ich kann das wirklich nachvollziehen, ich kann die Ängste verstehen, die damit verbunden sind mit einem möglichen Beitritt der Türkei in die EU."

Woher die Ängste kommen? Kommissar Köylüs Gesicht wird ernst. Schuld sind, seiner Meinung nach, oft die Medien, die die Religion des Islam verzerrend darstellten.

Yasin Köylü: "Als Moslem, es verärgert mich, es macht mich wütend."

Kommissar Köylü wurde im Ostberliner Stadtteil Pankow geboren. Yasins Vater, Industriemechaniker, lernte dort 1975 Yasins Mutter kennen, die 1979 aus der DDR ausreisen durfte. Oft heißt es in den Medien, junge Türken in Deutschland hätten Identitätsprobleme, persönlich hört man das selten.

Yasin Köylü: "Ich kann die Diskussion auch gar nicht so nachvollziehen, wenn ich in der Türkei bin, dann bin ich 'n Türke, der in Deutschland lebt, ganz einfach, da muss ich 'ne Zugehörigkeit oder ich bin jetzt 'nen Deutsch-Türke, ich kann die Diskussion auch gar nicht nachvollziehen, wo man hingehört, wenn man hier geboren ist, die Sprache perfekt spricht, ja, ich versteh's nicht, dass da irgendwelche Probleme auftauchen, auch diese Diskussionen: wer bin ich, wo bin ich zuhause. Ich bin hier zuhause. Dort aber genauso, ich könnt mir auch vorstellen, da zu leben."

Ausländerfeindlichkeit im Job hat er wie Atila Hewenk auch nie erlebt. Allein die Leistung zählt.

Yasin Köylü und Atila Hewenk arbeiten als Zivilfahnder. Beide haben ein "südländisches Aussehen", so heißt das in Steckbriefen der Polizei. Mancher Bürger ist irritiert:

Atila Hewenk: "Erst mal gucken sie, können das erstmal nicht einschätzen, wat nu Sache is, schwarze Haare, schwarze Augen, ne bisschen bräunlich."

Besonders Sprachkenntnisse sind immer sehr hilfreich:

Atila Hewenk: "Man hat auch Fälle, wo man 'ne Kontrolle hat, und dann spricht man untereinander türkisch, die beiden Betroffenen, und der eine sagt, pass auf, halt den Mund, ich hab keinen Führerschein, dann haben sie natürlich die Zonk-Karte gezogen, in dem Fall jetzt."

Kommissar Yasin Köylü: "Es ist sehr hilfreich, einmal beim Vermitteln, das heißt, wenn wir Einsätze haben, und wir haben ausschließlich türkisch sprechende Menschen, ist es sehr hilfreich, dann muss ich übersetzen und wird auch über Funk angefordert oder ich fahr von alleine hin, wenn ich ganz genau weiß, aber sobald ich über Funk 'nen türkischen Namen höre, fahr ich da auch freiwillig mit ran. Ich hab auch oft durch meine türkische Sprache Situationen de-eskalieren können, die Leute werden ruhiger, die wissen, da ist ein in Anführungsstrichen Verbündeter, der einen versteht, ich versteh die auch, wie die reagieren, die Kollegen verstehen es nicht, ich weiß ganz genau, wann 'nen Beschuldigter ausflippt, wie man handhaben muss, wie man ihn anfasst."

Zunächst sollte man bei einem Türken nie eine gewisse Höflichkeitsschwelle unterschreiten, sein Ehrgefühl respektieren und ein Gespräch mit ihm suchen. Eigentlich nichts Besonderes.

Yasin Köylü: "Es gibt gewisse Dinger, auf die man einen Türken nicht ansprechen darf, kann jetzt keine konkreten Beispiele nennen, 'ne gewisse Art, wie man Türken anspricht. Wenn ein deutscher Polizist in einem urpreußischen Ton mit 'nem Türken redet, das versteht er nicht, die Deutschen schon: oh 'nen Polizist, 'nen Schutzmann, wenn der richtig streng "dudu" sagt, dann muss ich das machen, und viele türkische Landsleute, die wissen nichts damit anzufangen, reagieren nicht drauf, und dann kann's schon mal eskalieren, dann fühlen sie sich provoziert, und dann komm ich und sag, wie es abzulaufen hat, es ist schon so, dass ich in vielen Situationen die Situation beruhigt habe."

Reden ist das Zauberwort - Gespräche suchen, die Menschen ernst nehmen. Kommissar Köylü, ein großer Deutschland-Fan, sieht Verbesserungsmöglichkeiten in unserer Gesellschaft, was wir brauchen sind:

"Diese menschlichen Aspekte, dieses Miteinander und nicht immer dieses Gegeneinander. In den menschlichen Aspekten, da hapert's ein bisschen."

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