Kompass
Kompass • Blicke in die Gesellschaft
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14.9.2004
Walle, walle, manche Strecke, dass zum Zwecke, ähm…
Texte, die man im Kopf hat - oder auch nicht
Von Ulla Starck und Thomas Klug

Texte zu lernen und zu behalten, das ist für die Schauspieler Alltag - und trotzdem manchmal schwierig. (Bild: AP Archiv)
Texte zu lernen und zu behalten, das ist für die Schauspieler Alltag - und trotzdem manchmal schwierig. (Bild: AP Archiv)
Hans Peter Korff: Ich habe grandiose Schauspieler gekannt, die haben furchtbar gelitten, als sie älter wurden und sind Angst schlotternd, wirklich Angst schlotternd, zur Vorstellung gegangen.

Hans Peter Korff ist auf den großen Bühnen Deutschlands präsent - und im Fernsehen. "Diese Drombuschs", "Adelheid und ihre Mörder". Am Berliner Ensemble spielt er den Sultan Saladin in "Nathan der Weise"

Ulla: Also in der Volksschule haben wir Folgendes gelernt: In meinem Bauerngarten, da stehn viel schöne Blum… Ich lass den Freund Dir als Bürgen…äh. Also noch mal: In meinem Bauerngarten, da stehn viel schöne Blum. Stiefmütterchen, die Zarten, Narziss und Lilium und reichlich. Georgienen, sieh an, sie kommen grad und vor und hinter ihnen Kohlrabi und Salat. Ich hab das gemocht, Gedichte zu lernen, nee, ich hab das wirklich gemocht, das hat Spaß gemacht, den Zauberlehrling zum Beispiel, den hab ich gerne gelernt.

Die Anfangszeilen von Gedichten haben es zur Berühmtheit gebracht, haben sich im Kopf eingenistet, um von dort zu passenden oder unpassenden Augenblicken in unsere Gespräche zu stürzen. Aber nur die Anfangszeilen, manchmal noch die zweiten Zeilen der Gedichte. Die dritten Zeilen sind deutlich zurückhaltender. Aber wer hat schon je von einer vierten, fünften oder gar sechsten Zeile gehört, die noch zitierfähig in einem Kopfe wohnt und einfach aufgesagt werden kann?

"Walle, walle, manche Strecke, das zum Zwecke, Wasser fließe…" Wie geht's weiter? "Vom Eise befreit, sind Strom und Bäche, durch des Frühlings holden, belebenden Blick, im Tale grünet…." Wird schon schwieriger.

Ulla: Gedichte fallen mir selten ein, weil ich nie Gedichte auswendig gelernt habe. Ich finde auch heute noch auswendig lernen nicht so richtig gut. Ich habe gerne Gedichte vorgetragen, wirklich jetzt, und konnte das auch. Aber auswendig lernen war mir zu blöd. Und deswegen kann ich auch keine Gedichte mehr. Ich konnte die dann meistens nur für eine Zensur, wenn ich nicht als erster dran kam sondern als letzter in der Klasse, dann hatte ich es mitgekriegt. Aber mich zu Hause hinsetzen und Gedichte lernen - fast nie.
Ich habe auswendig gelernt nur übers Hören….
In der Grundschule fiel mir auswendig lernen noch leicht. Und jetzt im Studium fällt es mir sehr, sehr schwer.
Ich lerne noch immer gerne für mich privat was auswendig. Wenn ich irgendwo etwas in der Zeitung lese und es gefällt mir und ich denke, es passt zu mir, dann lerne ich dann auswendig. Wenn ich's auswendig lerne, behalte ich es auch manchmal.
Ja, mehrmals durchgelesen. Oder früher, Gedichte oder so, einmal abgeschrieben, dann konnte ich sie.


Es gibt Menschen, die können ganze Gedichte aufsagen. Und manche sogar noch mehr.

Die Künstlerkantine im Berliner Ensemble. Hans-Peter Korff hat noch eine knappe Stunde bis zu seinem Auftritt als Saladin in Lessings Nathan. Eine gute Gelegenheit, um zu fragen, wie denn sein Text beginnt:

Hans Peter Korff: Also jetzt, wo Sie mich das jetzt im Moment fragen… Das hat erst mal so gut wie gar keinen Text, das ist erstmal Aktion, die man gar nicht so leicht behält, weil die letzte Aufführung war vor vier Wochen. Da spielt Text noch keine Rolle, dann allerdings, den ersten zusammenhängenden Text nach dem Schachspiel zu meiner Schwester: Du hat gewonnen, du hat gewonnen, und Al-Hafi zahlt. Sehen Sie…

Ich muss noch mal in den Text gucken, das habe ich bisher nicht gemacht, das mache ich immer kurz vorher und fotografiere das dann so für den Anlass, der gleich bevorsteht, ab. Aber das verblüfft mich jetzt selber ein wenig. Du hast gewonnen und Al-Hafi zahlt. Ich war nicht ganz, nee, nicht bei Sinnen, aber nachher sag ich das richtig.

Mitunter vergesse ich absichtlich, um es mir ein bisschen spannender zu machen. Mal sehen, was passiert.


Der Text und der Schauspieler - zunächst einmal ist diese Beziehung nicht unbedingt anders als die zwischen Text und Busfahrer, Text und Architekt oder Text und Buchverkäufer. Nur dass es denen nicht direkt peinlich sein muss, wenn nach ein paar Zeilen eines einst gelernten Gedichts einfach Schluss ist.

Die Schauspieler Jana Schulz, rechts, als Julia und Robert Stadlober als Romeo während einer Fotoprobe des Stücks 'Romeo und Julia" von William Shakespeare im Deutschen Schauspielhaus in Hamburg (Bild: AP)
Die Schauspieler Jana Schulz, rechts, als Julia und Robert Stadlober als Romeo während einer Fotoprobe des Stücks 'Romeo und Julia" von William Shakespeare im Deutschen Schauspielhaus in Hamburg (Bild: AP)
Ulla: Schnell gelernt und schnell wieder vergessen. Wenn ich so schnell gemacht habe, mich also präpariert habe in einer Viertelstunde, saß es dann nicht so fest, wenn ich mir dann Mühe gegeben habe, bei der Bürgschaft, sie dann irgendwann auch insgesamt….dann saß es fest. Aber heutzutage, ich habe geglaubt, ich könnte die Bürgschaft noch nacheinander aufsagen, dass ist ein Irrtum, ich bin in Strophe 3 irgendwo hängen geblieben.

Mir ist es schwer gefallen. Man merkt sich so die Verse, stichpunktartig so im Kopf gelassen, aber dann flutschte das doch nicht so. Also auswendig lernen war schlecht. Ich musste in der Schule gar nichts auswendig lernen. Ich habe einen drei Jahre älteren Bruder. Und wenn der die Gedichte gelernt hat, er hatte die schwer gelernt, da hatte ich sie alle schon gelernt. Und als ich in die Schule kam, konnte ich die schon.


Schauspieler gehören zu den wenigen, für die sich das Problem mit dem Lernen von Texten nach der Schule nicht erübrigt. Wie beginnt der Text der aktuellen Rolle doch gleich?

Andreas Erfurth: Ähm, ihr, oh Gott, das ist jetzt eine gute Frage, Täler, die sie durchschritt… Es war Schiller. Zur Schande muss ich das gestehen, dass ich das nicht mehr genau weiß. Nein, krieg ich jetzt nicht mehr hin. Manchmal ist das so, wenn die Produktion vorbei ist, dann ist das auch weg.

Wie also lernen Schauspieler Texte? Andreas Erfurth, spielt u.a. an der Berliner Vagantenbühne und am Hans-Otto-Theater Potsdam:

Andreas Erfurth: Da gibt es verschiedene Arten und Weisen. Die Liebste ist mir während der Arbeit, wenn es sich um szenische Texte handelt, also während der Proben, weil ich sehr stark abhängig bin von Gegebenheiten, in denen der Text stattfindet. Ich kann Text so pur sehr schwer lernen, d.h. eigentlich entwickelt es sich. Ich bau mir erst Brücken mit normalen, eigenen Texten, mit eigenen Sprachen, dann geht es zum Sinngemäßen hin und dann kommt der Text - hoffentlich am Ende, so wie ihn der Autor haben wollte.

Tim Lang ist u.a. am Deutschen Theater in Berlin und am Staatstheater Kassel zu erleben:

Tim Lang: Jetzt hab ich ein Stück, da hab ich immer viel Monologe. Monologe ist immer blöd mit der Souffleuse zu lernen, man kommt ja nicht voran, man merkt, man kriegt den Boden nicht. Da gibt es auch noch mal Unterschiede.

Es gibt Texte, die lern ich über die Gewohnheit der Sprechwerkzeuge, also wie eine Bewegung, beim Tanz vielleicht zu vergleichen, die ich immer wieder mache, bis ich die drin habe. Dann sage ich die Texte vor mich hin, fast sinnentleert in der Badewanne, beim Spazieren gehen, wo auch immer. Und irgendwann hat sich der Mund so dran gewöhnt, dass er automatisch weiß, wenn jetzt dieser Satz kam, dann kam dieses.

Das ist aber auf der Probe manchmal schwierig, weil es eben ohne Sinn ist. Man hat den Sinn noch nicht gebaut. Allerdings hat man dann den Vorteil, dass man dann sehr gut auf den Regisseur oder das, was kommt, eingehen kann, weil man ja noch nichts rein gebastelt hat.

Dann gibt es Texte, die man sofort versteht, die passen einfach. Die passen vom Denken, die passen vom Verstehen, und die kann man schnell lernen, weil das stimmig ist. Komischerweise merkt man sich immer schwierige Stellen am Besten. Nicht die einfachen Sätze, die 0-8-15-Sätze, die sind immer schwieriger.


Hans Peter Korff: Früher ging das gut, aber jetzt mittlerweile nicht mehr, dass man morgens im Taxi sich schnell den Text aneignet. Der ist dann auch gebrauchsfertig im richtigen Moment da. Also, das geht nicht mehr so… Wenn ich gucke, das Pensum für den nächsten Tag, ich hatte nicht damit gerechnet, dass da eine Textpassage am Stück kommt, dann muss ich mich schon außerplanmäßig hinsetzen und richtig lernen.

Hans-Peter Korff kennt die Arbeit auf der Bühne und vor der Kamera.

Stellt Schauspieler auf eine harte Probe: "Woyzeck" von Georg Büchner, hier am Hamburger Thalia-Theater. (Bild: AP)
Stellt Schauspieler auf eine harte Probe: "Woyzeck" von Georg Büchner, hier am Hamburger Thalia-Theater. (Bild: AP)
Hans Peter Korff: Es gibt ja auch Spielleiter, die ja wirklich Schauspieler haben wollen, die wirklich mit gelerntem Text schon kommen. Die Entwicklung muss ja auch bei einem selber liegen. Am Theater hat man ja relativ viel Zeit, die muss man auch haben, anders als beim Fernsehen. Da muss man sich das sehr schnell aneignen. Das scheint sich irgendwo anders abzulagern als Theatertexte. Die sind für den kurzfristigen Gebrauch irgendwo zum schnellen Vergessen geeignet, die braucht man nicht noch mal, die muss man ja nicht irgendwo bunkern. Theatertexte ruft man sich auch durch das Spiel wieder in Erinnerung.

Tim Lang: Wenn es geht und man hat den Text schon sehr viel früher: Lesen, bisschen verstehen und sacken lassen. Und wenn es dann konkret an die Arbeit geht, ist es auch abhängig vom Regisseur, ob der fordert, dass man mit gelerntem Text auf die Bühne kommt oder es gibt auch welche die sagen, überhaupt gar nichts, kein Wort können, einfach nur so kommen.

Und dann lernt man den Text sich so zuhause an, ich kenne dann die Szene, weiß ungefähr, was er sagt, vom Inhalt her und die Souffleuse hilft dann auf der Probe. Dadurch, dass man es immer wieder wiederholt mit dem Partner und das verbindet mit Gängen oder mit Bewegungen oder mit körperlichen Aktionen, prägt sich das dann ziemlich schnell ein.


Andreas Erfurth: Es ist mir schon passiert, dass ich gehangen habe, so dass ich merkte, ich bin jetzt eigentlich dran, wo ich immer auf den anderen gewartet habe, aber es waren jetzt keine großen Hänger, kein Blackout, das gibt's ja auch, das habe ich bei Kollegen gemerkt, da guckt man in die Augen und die suchen dann ganz heftig im Inneren des Text oder irgend einen Halt. Und das ist mir noch nicht passiert.

Tim Lang: Das Schwierigste sind aber Klapp-Sätze oder Klipp-Klapp-Sätze, das sind so kurze Dinger, die so aus zwei, drei Worten bestehen, die man sich mit einem Partner, meistens in so einem affigen Tempo dann zuwirft. Und das lernt man tatsächlich am besten mit dem Partner.

Andreas Erfurth: Entweder ist die Souffleuse da oder aber, wenn es ein guter Kollege ist, der so ein Gespür auch dafür hat, der kann einem natürlich helfen: Wollten Sie nicht sagen, dass und dass und dass oder einfach halt ein Stichwort geben, wo man sofort merkt, ah ja, da geht's lang.

Hans Peter Korff: Die besten Momente sind die und die glaubwürdigsten, wo dann der Schauspieler ganz nackt und pur da oben steht und grübelt, nicht… Und das halten viele Zuschauer auch für einen großen schauspielerischen Moment. Es ist aber eher ein total somnambules jetzt-weiß-ich-wirklich-nicht-mehr-weiter… Das sind wirklich Augenblicke, die erscheinen einem wirklich sehr, sehr lang. Aber dem Publikum, also das ist objektiv viel kürzer, als einem das erscheint und die Zuschauer empfinden das als einen Spannungsmoment: Da denkt jemand, ein Schauspieler, der überhaupt keine Geschichten macht, sondern einfach da steht, mutterseelenallein und das hat die stärkste Ausstrahlung offenbar.


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