Kompass
Kompass • Blicke in die Gesellschaft
Montag bis Freitag • 14:40
15.9.2004
"Wir müssen nach links! - Nein, nach rechts!"
Über den Orientierungssinn
Von Cornelia Braun

Bloß nicht verlaufen! (Bild: dradio.de)
Bloß nicht verlaufen! (Bild: dradio.de)
Wie findet man sich in fremder Umgebung zurecht? Die einen benutzen Kompass und Karte, andere merken sich intuitiv bestimmte Wegmarken wir Türme, Kirchen, Flüsse. Wer immer wieder den Weg zurück findet, kann sich sicher sein, einen guten Orientierungssinn zu haben.

Gregor Pozzi: äääm rechts links

Einen guten Orientierungssinn, wer ihn hat oder nicht, das ist oft strittig. Beantworten Sie vier Testfragen:
Kommt es vor, dass Sie sich beim Stadtbummel verlaufen?
Suchen Sie Ihr Auto manchmal - stundenlang?
Wenn Sie aus der U-Bahn steigen, nehmen Sie dann hin und wieder auch die falsche Treppe?
Wer mindestens zwei dieser Fragen mit ja beantworten muss ...

Katharina Pozzi: Ich glaub', ich hab' einen guten Orientierungssinn. Ich merk's daran, dass ich eigentlich immer dahin finde, wo ich hin möchte, und auch wieder zurück.

Faltsch Wagoni, Pyjama Valley, Lied 1: Ich geh zu keinem Rendezvous - warum? Ich find' nicht hin. Planlos wie eine blinde Kuh - dreh im Kreis mich immerzu. Weiß nicht mehr wo ich bin.

Katharina Pozzi: Es ist uns auch schon ein paar Mal so gegangen, dass wir uns beim Spazierengehen verlaufen haben. Und, dass ich dann nur meinem Gefühl gefolgt bin und Philipps Gefühl fast entgegengesetzt gewesen wäre. Dann sind wir aber doch, wenn wir nach meinem Tipp gelaufen sind, sind wir dann doch wieder dort angekommen, wo wir hin wollten.

Das Gerücht, Frauen hätten generell einen schlechteren Orientierungssinn als Männer konnte trotz intensiver Forschung bisher nicht belegt werden.

Faltsch Wagoni, Pyjama Valley, Lied 1: Mal lande ich am Abstellgleis, dann wiederum führt mich eine Umleitung an der Nase herum. Was ich einfach nie verpasse, was ich nie links liegen lasse, nennt sich: Sackgasse.

Eine erfolgreiche Orientierung ist keine esoterische Zauberei: "Augen auf!" heißt die Losung. Katharina Pozzi erzählt, worauf sie achtet:

Katharina Pozzi: Also ich orientiere mich auch an großen Gebäuden, rechts von 'nem Fluss oder links von 'nem Fluss, oder auf der einen oder anderen Seite einer Kirche ... Ja und die Himmelsrichtungen habe ich irgendwie im Gefühl - oder, dass ich die zuerst eingeschlagene Richtung, die ich noch kontrollieren kann am Himmel, dass ich die beibehalten kann, dass ich ein Gefühl dafür habe, wie sie weiter verläuft, ohne dann 'nen Bogen zu laufen.

Jeder Mensch hat fünf Sinne, kann sehen, hören, riechen, fühlen und schmecken. Warum also gibt es Wahrnehmungsmuffel, die wie Hans-Guck-in-die-Luft über die eigenen Füße stolpern?

Katharina Pozzi: Ich glaub', es ist angeboren, vielleicht hat es auch damit zu tun, ob man schon früh versucht hat, sich alleine zurechtzufinden. Also ich war ja, als Kind, auch schon als sehr kleines Kind schon viel alleine unterwegs, mehr ... wahrscheinlich sehr viel mehr als ich gedurft hätte.

Der natürlichste Weg für Kinder, Orientierung zu lernen, ist: herumstromern und beim Spielen die Gegend erkunden. Im Land von Mercedes und BMW ist dieser Freiraum allerdings von Straßen und quietschenden Bremsen begrenzt.

Gregor Pozzi: Also ich muss aufpassen, dass ich nicht überfahren werde, ich muss auch ganz doll gucken, weil hier gibt's viele große Straßen, wo manchmal Autos ganz schön schnell fahren und manchmal sogar über Grün für Menschen.

Die Familie Pozzi ist vor zwei Jahren von Hamburg nach Lübeck umgezogen. In Absprache mit den Eltern dürfen die Kinder Gregor und Leonie im Viertel alleine unterwegs sein. Auf diese Weise haben sie inzwischen auch schon neue Ortskenntnis gewonnen.
Auf die Frage, was der Unterschied zwischen Lübeck und Hamburg ist meint Leonie:

Leonie Pozzi: O Gott, Lübeck ist viel landschaftlicher und das mag ich nicht. Ich bin viel lieber in der Stadt.

Zusammen mit ihrem Hund darf sie auch alleine in die Altstadt gehen.

Leonie Pozzi: Bis zum Holstentor. Da geh ich über die, Gott wie heißt die Brücke noch mal, ach nee, Reederbrücke. Manche Brücken sind höher, manche sind kleiner, manche haben keine Ständer.

Ein Blick auf den Stadtplan von Lübeck genügt, um festzustellen, dass Leonie das Grundmuster der Stadt intuitiv richtig erfasst hat. Der Stadtkern wird eingerahmt von den Flüssen Trave und Wakenitz, so dass jeder Weg in die Stadt über eine Brücke führt. Die Brücken sind also tatsächlich wichtige Wegmarken.

Wenn wir einen Weg oft laufen, entsteht auch eine Spur im Gehirn und mit der Zeit eine neuronale Karte, die alle häufig gegangenen Wege abbildet - und zwar genau so, wie wir sie sehen, während wir gehen. Eine gute Wegbeschreibung orientiert sich an der Perspektive des Gehenden. Gregor erklärt den Weg zum Badeplatz:

Gregor Pozzi: Da ist ein Spielplatz, danach ein Bootsanleger mit einem Kiosk. Also man geht da, also erst mal muss man geradeaus, dann nach links, dann rückwärts gehen, also als würde man rückwärts gehen. Und dann ist man, im Prinzip, wenn man ein bisschen geht, schon da: Und dann kommt da ein Motel, das heißt Wakenitzblick und dann kann man so, 5 Meter weiter ist dann das Wasser, na ja vielleicht nicht 5 Meter, vielleicht 10.

Volkslied: "Wem Gott will seine rechte Gunst erweisen, den schickt er in die weite Welt; dem will er seine Wunder weisen in Berg und Wald und Strom und Feld!"

Ein Tourengeher ist  am windverblasenen Gipfelgrat der Auerspitz (1811m) im bayerischen Mangfallgebirge unterwegs (Bild: AP Archiv)
Ein Tourengeher ist am windverblasenen Gipfelgrat der Auerspitz (1811m) im bayerischen Mangfallgebirge unterwegs (Bild: AP Archiv)
Ein guter Orientierungssinn spielt bei den Pfadfindern keine Rolle, denn mit Kompass und Karte kann jeder lernen, sich draußen zurechtzufinden. Wer das blaugelb gedrehte Halstuch der Pfadfinder tragen möchte, muss eine kleine Prüfung bestehen, zu der auch ein Orientierungslauf gehört. Jonas Traudes von der Pfadfindergruppe Steinadler erklärt, worauf man bei der Navigation im Gelände achten muss.

Jonas Traudes: Am besten erst mal die Karte ausbreiten. Karte ausbreiten ist noch einfach, Karte zusammenklappen ist dann meistens wieder schwierig. Das machen wir auch mal.

Jede Wanderkarte ist ein winziges Teilchen aus dem Riesenpuzzle der Weltkugel. Oben ist immer Norden und das Karogitter deutet die Längen- und Breitengrade an. Zu Beginn einer Wanderung muss man den eigenen Standort auf der Karte finden.

Jonas Traudes: Als erstes würde ich den Kompass zu Rate nehmen, um die Karte einzunorden. Am Kompass ist meistens auch eine Kante, die legt man eben entlang eines Längengrades, da kann man sich einen aussuchen. Und dreht die Karte jetzt mit dem Kompass so lange, bis die Nordnadel eben auch exakt nach oben zeigt. Und dann stimmt eben auch die Karte mit der Umgebung überein. Das heißt, wenn ein Dorf jetzt auf der Karte vor mir liegt, dann liegt das eben auch in der Natur genau vor mir.

Wenn klar ist, in welcher Himmelsrichtung der Biergarten liegt, dann genügt es nicht, immer dem Kompass nach voraus zu marschieren. Denn alle, die eifrig Luftlinie laufen, landen früher und oder später wie der Ochs am Berg, schauen verwundert auf die Karte und erkennen plötzlich in dem Gewirr von braunen Linien - ja - Berge, die aussehen als seien sie von oben nach unten in Scheibchen geschnitten und wieder aufeinander geschichtet worden.

Jonas Traudes: Diese braun eingezeichneten Linien, das sind die Höhenlinien, die parallel laufen. Es gibt da dickere und dünnere. Die dickeren sind immer mit einer Zahl markiert, in dem Fall bei diesem Berg hier 540, wenn man sich an der Stelle befindet, befindet man sich eben 540 Meter über dem Meeresspiegel.

Nach Bergen sollte der Wanderer auch deshalb Ausschau halten, weil sie wichtige "Landmarken" sind: unverwechselbare Merkmale der Landschaft, die von weitem sichtbar und auch auf der Karte eingezeichnet sind.

Jonas Traudes: Beim Kartenlesen kommt es auf Erfahrung an, sich an bestimmten Dingen zu orientieren, bestimmten Merkmalen, die man nicht verwechseln kann und vielleicht sich nicht auf Wege auf der Karte zu verlassen, sondern Dinge wie Berge, oder Flüsse, die sich eben nicht verändern können.

Auf dem Meer ist der Blick frei und sowie Land in Sicht kommt, wird auch nach Landmarken navigiert. In den älteren Küstenbüchern ist die Küstenlinie mit Leuchttürmen, Kirchen, großen Felsen und alleinstehenden Gebäuden sorgfältig aufgezeichnet. Für jeden Hafen wird genau beschrieben aus welcher Perspektive das Schiff die Landmarken ansteuern muss, um sicher einzulaufen.

Haben guten Orientierungssinn: Wale. (Bild: AP)
Haben guten Orientierungssinn: Wale. (Bild: AP)
Hans Panschar: Gerade beim Segeln ist es ja auch so, es rumpelt und dumpelt und meistens hatten wir starken Wind von gegenan, also es war immer so Windstärke sechs, sieben, acht, das heißt, man springt dann an Deck hoch und macht irgendwie und baut ein Reff rein und baut noch ein Reff rein und wechselt das Vorsegel auf 'ne ganz kleine Fogg, dass man eben nicht umgeblasen wird und dann stürmt man plötzlich hin und schaut auf die Karte klettert wieder raus und schaut vorne, wo irgend 'ne Landmarke ist springt zurück, trägt dann diese Linie ein, guckt gleichzeitig nach den Segeln, dass einem nichts um die Ohren fliegt und....

Die Freunde Hans Panschar und Andreas Salzbrunn sind auf einem selbst gebauten Katamaran von Lübeck durch den Kanal ins Mittelmeer gesegelt. Bei der immer wieder spannenden Bestimmung von an der Küste auftauchenden Orten stellte sich heraus, dass sie für das Erkennen der Landmarken sehr unterschiedliche Talente haben.

Hans Panschar: Das habe ich bald schon gemerkt, dass ich oft nicht sicher war, ob das jetzt ein Turm ist oder ein Windrotor ist oder irgend sonst 'ne Antenne, das liegt vielleicht auch an meinen Augen, ich trag 'ne Brille und vertraue da vielleicht nicht so gut, ähm. Und der Andi, der war sich meistens sicher, wenn er was sieht, dass es dann auch dieser Punkt ist auf der Karte. Und das war schon ein sehr beruhigendes Gefühl jemanden dabei zu haben, der was sieht und dann auch klar sagen kann, das ist dort und da.

Orientierung ist nicht nur ein Spiel, sondern auch eine existentielle Notwendigkeit. Wer sich aus dem Schutz der Zivilisation hinauswagt, dem wird das schnell wieder bewusst.

Hans Panschar: Das dauert keine zwei Stunden, dass man, was weiß ich, auf hoher See ist und keine Küste mehr sieht und dass man einfach weiß, man ist jetzt den Naturgewalten ausgeliefert und das Gefühl von Angst ist ganz stark, grad nachts, wenn man segelt und dahinrauscht mit hohem Tempo und einfach nicht weiß, was ist es, was da unter den Rümpfen blubbert, also das ist natürlich 'n ständiger Begleiter - genauso wie das Hochgefühl, wenn man eines Morgens irgendwie sich dehnt und streckt und sich einen Kübel Seewasser über den Kopf schüttet und weiß einfach, ich bin jetzt hier draußen und da ist kein anderer und das ist auch 'ne ganz besondere Erfahrung.


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